"Halten Nähe und Distanz in einer produktiven Balance"

Die Ritsch-Schwestern im großen Interview.
Die Ritsch-Schwestern im großen Interview. ©Anna und Maria Ritsch
Anna und Maria Ritsch sind von Dornbirn in die Welt gezogen – und mit einer gemeinsamen Ausstellung zurück-gekehrt. W&W sprach mit ihnen über New York, Geschwisterbande – und das Sitzen.

Von Anja Förtsch/WANN&WO

WANN & WO: Anna, du bist vier Jahre älter als deine Schwester Maria – bei Geschwisterpaaren oft eine schwierige Zeitspanne. Wie war eure gemeinsame Kindheit?

Anna Ritsch: Wir hatten eine sehr schöne und kreative Kindheit. Uns wurde sehr viel Raum zum Spielen, Ausprobieren und Entdecken gegeben. Unabhängig unseres Altersunterschiedes haben Maria und ich schon seit unserer Kindheit immer viel gemeinsam gemacht.

WANN & WO: Ihr habt schon als Kinder gern und viel fotografiert. Erinnert ihr eure ersten Bilder oder wann ihr begonnen habt? Existieren noch einige der ersten Fotos?

Maria Ritsch: Das stimmt! Schon als Kinder haben wir kleine Fotoshootings inszeniert. Anna war dabei meistens hinter und ich vor der Kamera.

Anna Ritsch: Die Bilder existieren natürlich noch, allerdings als Diafilme im Kellerarchiv.

WANN & WO: Gibt es oder gab es auch mal Konkurrenzdenken zwischen euch?

Maria Ritsch: Ja – es gab tatsächlich die Phase, in der ein Konkurrenzdenken zwischen uns existierte. Diese Zeit war für unsere individuelle als auch gemeinsame Entwicklung jedoch essentiell. Wir mussten uns sozusagen zuerst künstlerisch abgrenzen, um wieder zusammenzufinden.

Anna Ritsch: Durch diesen Prozess wurde uns bewusst, wie viel wichtiger es ist, uns gegenseitig zu unterstützen, zu ermutigen und unsere jeweiligen Stärken ineinander fließen zu lassen.

WANN & WO: „Together Apart“ ist eure erste gemeinsame Ausstellung. Wie kam es dazu? Oder anders: Wieso erst jetzt?

Maria Ritsch: Seit mehreren Jahren schaffen wir immer wieder an gemeinsamen Projekten. Ende 2019 haben wir uns dafür entschieden, als Künstlerinnen-Duo gemeinsam zu arbeiten. Kurz darauf bekamen wir die Einladung, mit der Kuratorin Verena Kasper-Eisert eine Ausstellung im Flatz Museum zu machen. Wir finden es sehr schön, unsere erste gemeinsame Ausstellung in der Stadt machen zu dürfen, in der wir aufgewachsen sind und wo unsere ersten fotografischen Experimente entstanden.

Anna Ritsch: Der Titel „Together Apart“ spiegelt unsere Arbeitsweise wider. Für unsere erste gemeinsame Ausstellung war es uns wichtig, unsere individuellen und gemeinsamen Arbeiten in einen neuen Dialog zu setzen – aus einem „Apart“ ein „Together“ zu kreieren.

WANN & WO: Thema ist das Getrennt- und Zusammensein. Wie ist das bei euch: Wie viel Nähe oder Distanz zueinander braucht ihr?

Maria Ritsch: Es ist uns sehr wichtig, dass jede für sich selbst steht – erst so kann das Gemeinsame stärker werden. Wir halten Nähe und Distanz in produktiver Balance.

Anna Ritsch: Wir können monate-lang gemeinsam am gleichen Ort zusammenarbeiten und uns gegenseitig bereichern. Dann gibt es aber auch Zeiten, in denen wir tausende Kilometer voneinander entfernt leben und völlig unterschiedliche Erfahrungen machen – auf die wir aber letztlich wieder gemeinsam zurückgreifen können.

WANN & WO: Zumindest die räumliche Distanz ist bei euch gegeben: Anna, du lebst in New York, Maria, du in Wien. Wie verwirklicht man da eine gemeinsame Ausstellung?

Anna Ritsch: Die Vorbereitungen begannen online. Sogar unser neuestes Projekt „The Act of Sitting“ ist online über die Distanz entstanden.

Maria Ritsch: Für die finale Um-setzung war die physische Präsenz aber dann doch essentiell und Anna ist dafür nach Österreich gereist.

WANN & WO: Anna, wie lange lebst du bereits in New York? Wie ist das Leben dort für dich?

Anna Ritsch: Ich bin bestimmt schon über acht Jahre in New York. Die Stadt fasziniert mich immer noch sehr! Es ist eine sehr taffe Metropole, die aber unglaublich bereichernd und lebendig ist.

WANN & WO: Maria, du hast nach deinem Kunst- und Spanischstudium an einem Gymnasium in Wien gelehrt, bist inzwischen aber gänzlich freischaffend tätig. Vermisst du manchmal dein „altes Leben“ im  Angestelltenverhältnis?

Maria Ritsch: Durch das Studium an der Akademie der Bildenden Künste hat sich mein Interesse für Fotografie und Kunst weiterentwickelt. Mir wurde ziemlich bald bewusst, dass das Unterrichten nicht meine Berufung ist. 

WANN & WO: In der Pandemiezeit habt ihr das Sitzen künstlerisch erkundet. Mit welchen Schlüssen?

Maria Ritsch: „The Act Of Sitting“ erkundet den physischen Akt des Sitzens mittels Fotografien, Videos und Publikation. Dazu haben wir per Videotelefonie Menschen auf der ganzen Welt porträtiert und deren Sitzen in Szene gesetzt. 

Anna Ritsch: Durch die Pandemie und die drastischen Einschränkungen wurden wir zum Stillstand, zum „Absitzen“ aufgefordert. Die Frage ist also: Was passiert, wenn wir von unseren Routinen, von unserer physischen und sozialen Umgebung abgehalten werden und das isolierte „Sitzen“ zu Hause zur zentralen Aufgabe wird?

Kurz gefragt

An dieser Stelle bekommen die Gesprächspartner Stichworte, aus denen sie Sätze bilden sollen. Hier waren das: Kunst, Frauen, Mut, Stärke, Fotos und Schwestern. Daraus haben sie folgendes Gedicht kreiert. 

Art is.
Being a woman
courageous
vulnerable yet strong
photos - a moment, a memory.
Sincerely, the ritsch sisters

Übersetzt:
Kunst ist.
Eine Frau zu sein
Verletzlich und doch stark
Fotos – ein Moment, eine Erinnerung.
Mit freundlichen Grüßen,
die Ritsch-Schwestern

Zur Person: Anna und Maria Ritsch

Alter, Wohnort: Anna: Jahrgang 1984, New York; Maria: Jahrgang 1988, Wien

Karriere: Anna lernte an der Graphischen Wien Fotografie und Audiovisuelle Medien, am Institut für Kunstgeschichte der Universität Wien und am International Center of Photography in New York, Maria machte ihren Master of Arts an der Akademie der Feinen Künste in Wien

Die ganze Online Ausgabe der WANN&WO hier lesen

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