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Grüne Blase

©APA/BARBARA GINDL
Gastkommentar von Johannes Huber. Ganz plötzlich ist die Ökopartei wieder groß da. Sehr schnell kann sie aber auch wieder verschwinden, wenn sie so weitermacht.

2016 wurde Ex-Grünen-Chef Alexander Van der Bellen mit knapp 54 Prozent der gültigen Stimmen zum Bundespräsidenten gewählt, im Jahr darauf kam die Partei bei der Nationalratswahl auf nicht einmal vier Prozent und flog aus dem Hohen Haus. Atemberaubend ist das. Und schon wieder vergessen: 2019 holten die Grünen bei der EU-Wahl 14,1 Prozent. Der Wiedereinzug ins Hohe Haus bei der Nationalratswahl im September scheint ebenfalls fix zu sein. Umfragen zufolge hält die Partei bis zu zwölf Prozent.

Viele Beobachter meinen, dass noch mehr möglich ist. Weil ja alle über „ihr“ Thema reden: Klimaschutz. Selbst ÖVP und FPÖ, die bisher weder etwas von einer Ökologisierung des Steuersystems wissen noch von 140 km/h auf einzelnen Autobahnabschnitten absehen wollten, geben sich grün. Die wirtschaftsfreundlichen NEOS drängen wiederum auf eine CO2-Steuer, die nicht in allen Industriebetrieben gut ankommen wird. Das zeigt: Im Zweifelsfall ist es auch ihnen wichtiger, grün zu wirken.

Folgt man einer alten Weisheit, wonach die Leute lieber zum Schmied als zum Schmiedl gehen, können sich die Grünen zurücklehnen: Sie sind das Original. Schon ihr Name ist Programm. Sie sind grün. Soll heißen: Eigentlich können sie nur gewinnen.

Ganz so einfach ist die Sache jedoch nicht. Im Gegenteil. Mit Werner Kogler haben die Grünen zwar einen Parteichef, der leidenschaftlicher und auch autentischer rüberkommt als es beispielsweise seine Vor-Vorgängerin Eva Glawischnig getan hat. Abgesehen davon gleicht der Zustand der Partei jedoch dem bisherigen, mit dem sie die eingangs erwähnten Siege genauso erlebt hat, wie ihre Niederlagen. Sprich: Sie könnte sehr schnell wieder verschwinden.

Schon bei der Listenerstellung für die Nationalratswahl geht es den Grünen eher um den Schein: Quereinsteigerinnen wie die Kolumnistin Sibylle Hamann oder die Bloggerin Madeleine Alizadeh (Dariadaria) erregen zunächst einmal Aufsehen. Im Übrigen zeugen sie von einer gewissen Offenheit. Mit ihnen geht aber auch ein Risiko einher: Weil Politik ein brutales Geschäft ist, das gelernt sein will, scheitern alles in allem sehr viele Quereinsteiger (wobei man bei Dariadaria anmerken muss, dass sie ja von vornherein auf einem aussichtslosen Listenplatz antreten möchte, also kein Mandat annehmen wird).

Inhaltlich ist die größte Stärke der Grünen zugleich auch ihre Schwäche: So sehr sie für Klimaschutz stehen, so wenig Überzeugungskraft haben sie bei anderen Themen. Mit Sicherheit und Integration gewinnen sie keine Wahl. Im Gegenteil, wie man 2017 gesehen hat; das trägt eher dazu bei, dass sie verlieren.

Im Übrigen sind die Grünen eine Partei geblieben, die eher nur bei Jungen und Akademikern erfolgreich ist. Bei der EU-Wahl brachten sie es bei diesen zur Nummer eins. Umgekehrt sind sie bei Älteren und Leuten mit einem weniger hohen Bildungsabschluss nach wie vor verschwindend klein.

Kennzeichnend für eine Blase ist ein rasantes Wachstum und damit einhergehend eine zunehmende Gefahr, dass sie platzt. Umgelegt auf die Grünen bedeutet dies: Wollen sie nicht nur in Umfragen und bei der einen oder anderen Wahl triumphieren, sondern längerfristig erfolgreich sein, müssen sie sich personell stärker aufstellen, inhaltlich breiter werden und endlich auch lernen, Leute außerhalb einer Bildungselite anzusprechen.

Johannes Huber betreibt den Blog dieSubstanz.at – Analysen und Hintergründe zur Politik

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