Großbanken wollen Schuldenschnitt ohne neues Staatsgeld stemmen

Mehr als 100 Milliarden Euro Kapital müssen her - Bank-Aktien schossen heute in die Höhe.
Mehr als 100 Milliarden Euro Kapital müssen her - Bank-Aktien schossen heute in die Höhe. ©Bilderbox / Symbolbild
Europas Bankenriesen wollen den beschlossenen Griechenland-Schuldenerlass ohne weitere Staatshilfe stemmen. Allerdings müssen sie bis Mitte 2012 mehr als 106 Mrd. Euro an frischem Kapital beschaffen.
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Immerhin: Die angedrohte zwangsweise Teilverstaatlichung ist erst einmal vom Tisch. Viele Banken verbreiteten am Tag nach dem Gipfel demonstrativ Optimismus. Am Aktienmarkt wurde gefeiert: Bank-Aktien schossen in die Höhe.

Optimistisch zeigte sich die teilverstaatlichte Commerzbank, Deutschlands zweitgrößtes Geldhaus: “Wir haben nicht vor, öffentliche Mittel in Anspruch zu nehmen”, betont Commerzbank-Finanzvorstand Eric Strutz. Die vom EU-Gipfel geforderte harte Kernkapitalquote von neun Prozent könne sein Haus erreichen – unter anderem durch den Verkauf von Finanz-Anlagen oder von nichtstrategischen Geschäftsfeldern. Auch könnten mögliche Gewinne einbehalten werden.

Die Commerzbank braucht nach Berechnungen der europäischen Bankenaufsicht EBA knapp drei Mrd. Euro an Kapital, um die geforderte Kernkapitalquote von neun Prozent zu erreichen. Die Deutsche Bank hatte bereits am Dienstag bei der Vorlage ihrer Zahlen für das dritte Quartal klar gemacht, dass sie sich gut für die neuen Regeln gerüstet fühlt.

Die drei systemrelevanten Institute in Österreich Erste Group, Raiffeisen Bank International und die Volksbanken AG brauchen nach ersten Angaben zusammen 2,9 Mrd. Euro, um die geforderte Eigenkapitalquote von 9 Prozent zu erreichen.

Insgesamt müssen die europäischen Großbanken auf die Hälfte ihrer Forderungen an Athen verzichten und 106,45 Mrd. Euro heranschaffen, um sich auf kommende Stürme vorzubereiten. Die europäische Bankenaufsicht (EBA) hatte die Summe in der Nacht zum Donnerstag bekanntgegeben.

Das meiste frische Kapital brauchen mit 30 Mrd. Euro Banken aus Griechenland sowie mit 26,16 Mrd. Euro Institute aus Spanien, mit 14,77 Mrd. Euro italienische Banken und mit 8,84 Mrd. Euro der Finanzsektor in Frankreich. Deutsche Banken brauchen frisches Kernkapital von insgesamt 5,18 Mrd. Euro.

Die Banken sollen bis Ende des Jahres mit ihren nationalen Aufsichtsbehörden Kontakt aufnehmen und Vorschläge machen, wie sie die Auflagen erfüllen wollen. Um die Ziele zu erreichen, sollen sie auch Boni und Dividenden zurückhalten.

Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann lobte die Gipfel-Beschlüsse. “Wir sind sehr zufrieden mit der erreichten Einigung”, sagte er in seiner Funktion als Vorsitzender des Internationalen Bankenverbandes (IIF). “Alle Parteien haben anerkannt, dass nicht nur die Zukunft Griechenlands, sondern auch die Zukunft Europas auf dem Spiel stand.”

Im Fall der französischen Banken hieß es ein wenig vorsichtig, diese brauchten “wahrscheinlich” kein Staatsgeld. Das sagte der französische Finanzminister Francois Baroin dem Radiosender RTL Radio. Die Geldhäuser könnten die höheren Kapitalanforderungen wohl durch einbehaltene Dividenden und Boni-Kürzungen erfüllen.

An der Pariser Börse verzeichneten Bankentitel am Vormittag zweistellige Zuwachsraten. Besonders gefragt waren Aktien der Großbank Credit Agricole – bei ihr dürfte gar keine Eigenkapital-Aufstockung notwendig sein. Die drei anderen Großbanken benötigen rund 9 Mrd. Euro: Bei der Societe Generale sind es 3,3, bei der BNP 2,1 und bei der Sparkassen-Gruppe BPCE 3,4 Mrd. Euro.

Die beiden spanischen Großbanken BBVA und Santander können nach Einschätzung der Madrider Regierung das geforderte frische Kapital ohne staatliche Hilfe aufbringen. “Ich bin überzeugt, dass die Geldinstitute alles daran setzen werden, ohne Gelder der öffentlichen Hand auszukommen”, sagte Wirtschafts- und Finanzministerin Elena Salgado im staatlichen Rundfunk.

Spanische Banken müssen sich nach den EU-Beschlüssen insgesamt 26 Mrd. Euro beschaffen. Dies ist etwa ein Viertel der Gesamtsumme von 106 Mrd. Euro, die sich die führenden Banken Europas insgesamt besorgen müssen. Die Institute des Landes sind nach Ansicht der angesehenen Zeitung “El País” die “großen Verlierer des Euro-Gipfels”: Sie brauchten zusätzliches Geld, obwohl sie von dem geplanten Schuldenerlass Griechenlands kaum betroffen seien.

RZB und ÖVAG müssen Kapital massiv aufstocken

Um die neue Vorgabe einer Kernkapitalquote von 9 Prozent bis Ende Juni 2012 zu erfüllen, müssen die heimischen systemrelevanten Banken um 2,9 Mrd. Euro aufstocken. Davon entfallen 1,907 Mrd. auf die Raiffeisen Zentralbank (RZB), 972 Mio. Euro auf die Österreichische Volksbanken-AG (ÖVAG) und lediglich 59 Mio. Euro auf die Erste Group, teilten die Institute heute Donnerstag am Tag nach dem Krisengipfel mit. Die von der Europäischen Bankenaufsicht EBA ermittelten Zahlen seien aber vorläufig und würden noch mit Stand Ende September neu erstellt, betonten die Banken. Der Kapitalbedarf könne sich also noch ändern.

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