Gratismedizin: Das Ende einer Illusion

©APA (Sujet)
Gastkommentar von Dr. Andreas Unterberger: Die kostenlose öffentliche Gesundheitsversorgung in Wien ist am Kollabieren. Was alle Wiener sehen, Patienten erst recht, wird aber von der Stadtverwaltung und allen anderen für die öffentliche Medizin Verantwortlichen weiterhin zumindest nach außen ignoriert.

Das ließ sich in den letzten Jahren schon allein an der geradezu explosionsartigen Vermehrung von privaten Krankenanstalten, Labors und Ambulatorien ablesen. Man kann fast durch keine größere Straße der Stadt mehr fahren, in der nicht solche privaten Einrichtungen ganz neu entstanden wären.

Gewiss haben etliche davon auch Verträge mit den gesetzlichen Krankenversicherungen. Aber ganz eindeutig sind sie ein dramatischer Schritt Richtung Zweiklassenmedizin. Denn nur dort kann man durch private Zahlungen rasch einen Operationstermin, eine CT-Untersuchung oder sonst eine therapeutische oder diagnostische Behandlung bekommen.In den Gemeindespitälern steht man hingegen unweigerlich auf meist monatelangen Wartelisten. Fast für jeden Patienten sind diese Wartezeiten psychologisch unerträglich. Ganz abgesehen davon, dass auch aus medizinischen Gründen Schnelligkeit oft sehr notwendig ist.

Seit Jahresbeginn kommt in den Gemeindespitälern aber auch noch die dramatische Krise als Folge der durch eine EU-Richtlinie reduzierten Ärzte-Arbeitszeiten hinzu. Es ist geradezu heuchlerisch, wenn Wiener SPÖ-Politiker überrascht tun und sich auf die EU als Ursache der Probleme ausreden. Denn das Inkrafttreten dieser Ärztearbeitszeitrichtlinie war zum ersten schon seit Jahren bekannt. Zum zweiten war die EU-Richtlinie einst gerade von sozialistischen Politikern – auch aus Österreich – betrieben worden.

Dennoch hat man (die SPÖ genauso wie der damalige Chef des Hauptverbandes und jetzige ÖVP-Finanzminister Schelling) noch vor zwei Jahren gemeinsam eine Gesundheitsreform verkündet und bejubelt. Diese würde auf Jahrzehnte alle Finanzierungs- und Organisationsprobleme lösen. Man könnte darüber lachen, wenn es nicht so traurig wäre.

Es ist den Ärzten und ihrer Leistungsfähigkeit zwar durchaus zu gönnen, dass sie jetzt nur noch viel kürzer arbeiten und viel weniger Nachtdienste machen müssen, um das gleiche – oder nach Rathaus-Behauptungen sogar mehr – Geld zu bekommen. Aber nach allen Gesetzen der Logik bedeutet weniger Arbeitsstunden durch die bisherige Ärzte-Mannschaft zwingend: Man braucht zusätzliche Ärzte, die künftige die bisher in diesen Stunden geleistete Arbeit erledigen.

Weniger Ärzte, weniger Arbeit pro Arzt

Aber absurderweise passiert genau das Gegenteil: Es werden nicht zusätzliche Ärzte gesucht, sondern es werden massiv Ärzte abgebaut! Allein in den Wiener Gemeindespitälern (zu denen weder AKH noch Hanusch-Krankenhaus noch die kirchlichen noch die privatwirtschaftlichen Krankenanstalten gehören) sollen sage und schreibe binnen weniger Jahre 382 Ärzteposten abgebaut werden. Das sind mehr als zehn Prozent aller Ärzte in den Gemeindespitälern.

Ein ganz unvorstellbarer Plan, der aber in den letzten Tagen vom Rathaus und Wiener Krankenanstaltenverbund KAV mehrfach zugegeben und bestätigt worden ist. Selbst wenn mancherorts durch bessere Organisation und mehr Ausbeutung der Ärzte eine bessere Effizienz erzielbar sein sollte, ist es absolut unvorstellbar, dass gleichzeitig in diesem Ausmaß Köpfe und Arbeitsstunden reduziert werden können.

Das geht nur durch signifikanten Abbau der medizinischen Leistungen. Wäre es anders, dann hätten die Verantwortlichen für die Gemeindespitäler in den letzten Jahren und Jahrzehnten grobe Untreue begangen. Dann hätten sie die Spitäler katastrophal schlecht organisiert. Dann hätten sie die Ärzte fürs Nichtstun bezahlt.

Das kann ich nicht glauben. Auch wenn im KAV, dem Verband der Gemeindespitäler, manches recht übel riecht, wie etwa auch die jüngst von der „Presse“ aufgedeckte Affäre um die zwei KAV-Sozialwohnungen, die eigentlich für Krankenpflegeschülerinnen bestimmt sind, die aber statt dessen rechtswidrig der neue KAV-Chef bekommen hat. Mehr als seltsam ist es auch, dass Gemeinde und Ärztevertreter plötzlich davon reden, dass zur Lösung des Problems künftig „medizinisch nicht notwendige Rettungszufahrten“ unterbleiben sollten. Das ist eigentlich unfassbar: Da finden offenbar völlig überflüssige Rettungsfahrten statt! Weil da jemandem fad ist? Oder damit die Rettungsfahrzeug-Betreiber etwas verdienen?

Der private Boom hat auch positive Seiten

Wie auch immer. Jedenfalls beweist der private Spitals- und Ambulatorien-Boom, dass da schon in den letzten Jahren in den öffentlichen Spitälern dramatisch Leistungen abgebaut worden sind.

Es ist im Prinzip freilich durchaus nicht unbedingt schlecht, wenn die Menschen de facto gezwungen werden, auch selbst etwas für ihre medizinische Betreuung zu zahlen. Sie werden sich dann viel mehr gegen sinnlose Doppelbefundungen und überflüssige Therapien wehren. Manche werden auch gesundheitsbewusster leben, wenn sie nicht mehr ihren Körper regelmäßig auf Kosten der Allgemeinheit in Gratisreparatur geben können. Für Geringverdiener werden die Zeiten freilich hart.

Absolut unerträglich sind aber die immer noch verbreiteten Wohlfahrtsstaats-Lügen der Politik. Deren Kernaussage: Das beste Gesundheitssystem der Welt (das Österreich im übrigen längst nicht mehr hat) sei zum Nulltarif zu haben. Die Menschen vertragen etwas mehr Ehrlichkeit. Sie vertragen aber überhaupt keine Politikerlügen mehr.

Das AKH „löst“ das Problem mit einem Maulkorberlass

Wie siehts anderswo aus? In den meisten Bundesländern gibt es natürlich ähnliche Probleme. Nur greifen diese zum Teil tief in ihren Geldbeutel, um das Ärztearbeitszeitproblem zu lösen. In Wien hingegen ist die Lage der in den letzten Jahren total heruntergewirtschafteten Stadtfinanzen heute schon viel zu katastrophal, als dass man sich eine teure Lösung noch leisten könnte.

In den kirchlichen Spitälern werden viele Probleme des neuen Arbeitszeitgesetzes durch anhaltende Selbstausbeutung der Ärzte gemildert. Die privaten Spitäler profitieren hingegen davon.

Und im AKH, das ja ein Bund-Gemeinde-Zwitter ist, gibt es noch überhaupt keine Idee, wie man das Problem lösen könnte. Dort weiß man nur eines: Seit Jahresbeginn sind schon 300 Operationen abgesagt worden. In der Radiologie gingen die Untersuchungen um zehn Prozent zurück (obwohl der Patientenanfall größer geworden ist). Und wenn es keine Lösung gibt, muss überhaupt die Zahl der 40.000 Operationen auf die Hälfte reduziert werden. Diese Daten teilen Ärzte unter dem Schutz der Anonymität mit.

Das allergrößte Problem der Universitätskliniken: Dort sollte eigentlich Spitzenmedizin für die allerschwersten Fälle auf wissenschaftlichem Niveau stattfinden. In Wahrheit aber kann jeder auch nur mit einem verstauchten Finger ins AKH gehen. Er braucht nicht einmal eine Überweisung dafür. Ausländische Gesundheitsexperten schütteln über all das nur noch den Kopf.

Besonders pikant ist, wie der Rektor der Medizin-Universität, also der oberste Chef der AKH-Mediziner, auf das Problemgemenge reagiert: Er schweigt und verhängt einen totalen Maulkorberlass über alle Ärzte.

Ob man so ein Problem lösen kann?

Das Problem wird natürlich auch dadurch ständig größer, dass weltweit die Medizin immer mehr Krankheiten mit immer größeren Kosten behandeln kann. Man denke nur an die vielen neuen Chemotherapien, die tolle Erfolge, aber auch tolle Preise haben. Zugleich werden die Menschen immer älter und können dadurch immer mehr Krankheiten bekommen. Aber man schweigt . . .

Der Autor war 14 Jahre Chefredakteur von „Presse“ bzw. „Wiener Zeitung“. Er schreibt unter www.andreas-unterberger.at sein „nicht ganz unpolitisches Tagebuch“, das heute Österreichs meistgelesener Internet-Blog ist.

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