Gesundheitstag in Wien: Armut macht krank

Experten fordern endlich Aktivität: Denn die Zusammenhänge zwischen Einkommen, Bildung und Lebenserwartung sind seit langem bekannt. Fachtagung zum Thema Gesundheit in Wien.

Armut macht noch immer krank, erklärte die Wiener Frauenbeauftragte Beate Wimmer-Puchinger am Dienstag bei einer Fachtagung zum Thema “Soziale Lage – Gender – Gesundheit” in der Bundeshauptstadt. Der Präsident der International Society for Men’s Health, Siegfried Meryn, meinte, Zusammenhänge zwischen Einkommen, Bildung und Lebenserwartung seien altbekannt: Es sei an der Zeit zu handeln, statt sich bei Veranstaltungen “gegenseitig nett zuzuhören”.

Gesundheit sei etwas Individuelles und müsse in ihrer jeweiligen Gesamtheit betrachtet werden, so Wimmer-Puchinger. Forschung werde noch benötigt; was man aber schon wisse, sei z. B. der Zusammenhang zwischen sozialer Benachteiligung und Herzinfarkt: Im Jahr 2003 z. B. starben mit 51 Prozent die meisten Frauen an Herz-Kreislauferkrankungen. Zu den “weiblichen Risikobedingungen” gehören u. a. geringeres Einkommen, fremdbestimmte Berufssituation, keine Entlastung in Haushalt und Familie und ein hoher Frust- und Depressionspegel. Außerdem hätten Studien “Gender Defizite” in der Versorgung gezeigt, wie z. B. längere Wartezeiten und längere Wege zur Notfallaufnahme bei weiblichen Patienten.

Arbeitslosigkeit macht krank

Auch Wohnungs- und Langzeitarbeitslosigkeit seien Risikofaktoren: Betroffene leiden z. B. an psychiatrischen Erkrankungen, Alkoholsucht, Erkrankungen der Atmungs- und Verdauungsorgane. Etwa 6 Prozent der Frauen und 6,5 Prozent der Männer in Österreich waren im Vorjahr arbeitslos: Durchschnittlich häufig betroffen seien niedrig qualifizierte Frauen, Berufseinsteigerinnen und Migrantinnen. Weiters würden Gesundheitsprobleme bei Männern mit der Dauer der Arbeitslosigkeit zunehmen, während Frauen bereits durch Kurzzeitarbeitslosigkeit genauso stark bzw. stärker belastet seien.

Frauen mit Behinderung seien doppelt belastet: “Man nimmt sie nicht mehr als Frauen wahr”, erklärte Wimmer-Puchinger. Dazu kämen Zugangsbarrieren ins Gesundheitssystem, Diskriminierung und fehlendes Wissen in der Behandlung seitens der Ärzte. Migrantinnen hätten erhöhte psychische und körperliche Gesundheitsrisiken durch eine Dreifachbelastung: Rechtliche und soziale Diskriminierung, berufliche Benachteiligung und geschlechtsspezifische Ungleichheiten in Familie und Beruf. Auch seien Alter und Pflege in Österreich weiblich, was ebenso ein Risikofaktor sei.

Eine einzige Episode einer psychischen Erkrankung führe zu einem Einkommensverlust von 24 Prozent und der Effekt halte sich über 15 Jahre, zitierte Internist Meryn eine Studie aus den USA. Eine Irland-Studie hätte gezeigt, dass die Wahrscheinlichkeit, Arbeit zu haben, durch eine chronische Erkrankung bei Männern um 61 Prozent und bei Frauen um 52 Prozent reduziert werde. Außerdem sei schon seit langem bekannt, dass zwischen dem Pro-Kopf-Einkommen eines Landes und der durchschnittlichen Lebenserwartung der Bürger ein Zusammenhang bestehe: “Ja, und? Folgen hat es keine gegeben”, bemerkte der Arzt.

Zielgruppe: Männer

Altbekannt sei z. B. auch, dass Männer bis zu einem Alter von 75 Jahren weniger Gesundheitsangebote annehmen würden: “Mein Schluss: Auf das Thema muss man geschlechtsspezifisch zugehen”, so Meryn. Viele Männer meinen, sie hätten keine Zeit, zum Arzt zu gehen: Daher müsse man sie dort abholen, wo sie seien und z. B. die Beratung am Arbeitsplatz ausbauen. Weiters sei die wirtschaftliche Rezession in aller Munde: Man müsse damit rechnen, dass die Arbeitslosigkeit zunehme – man müsse jetzt schon entsprechende Maßnahmen ergreifen.

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