"Gesundheitskompetenz" ist in Österreich ein Problem

Prävention und Information zu Gesundheitsthemen haben in Österreich Luft nach oben.
Prävention und Information zu Gesundheitsthemen haben in Österreich Luft nach oben. ©APA/MICHAEL GRUBER
Bei Präventionsmaßnahmen gibt es in Österreich "viel Luft nach oben", wie das aktuelle Gesundheitsjahrbuch von Sanofi zeigt. Die Coronapandemie hätte gezeigt, dass die Kommunikation und Gesundheitskompetenz in Österreich verbesserungswürdig sind.

"Vor einem Jahr standen wir hier und sagten: Da ist ein Licht am Ende des Tunnels. Aber das Licht am Ende des Tunnels war ein entgegenkommender Zug: die Omikron-Variante", eröffnete Wolfgang Kaps, Geschäftsführer von Sanofi Österreich, die Podiumsdiskussion zur Präsentation des Gesundheitsjahrbuches 2021 am Dienstag in Wien. Es gebe "in Österreich noch unfassbar viel Luft nach oben" an Präventionsmaßnahmen abseits von Lockdowns, meinte Patientenanwältin Sigrid Pilz.

"Gesundheitskompetenz hat mehr Auswirkungen auf die Gesundheit, als das Gesundheitssystem: Wie viel ich trinke, rauche, esse und mich bewege - das sind Faktoren, die auch eine Rolle spiele, wie schwer man an Covid erkrankt", erklärte Rolf Gleißner, Leiter der Abteilung für Sozialpolitik und Gesundheit in der Wirtschaftskammer, neben Sanofi Mitherausgeber des Jahrbuches mit dem diesjährigen Schwerpunkt "Gesundheitskompetenz in der Bevölkerung". Die Frage sei, ob man sich "freiwillig durch Fakten" von der Notwendigkeit einer Impfung überzeugen lasse, oder ob es eine "gesetzliche Pflicht" mit Sanktionen und Kontrollen brauche, so Gleißner weiter.

Impfgegner verteilen Folder vor Schulen

"Gesundheitskompetenz ist eine Bringschuld", präzisierte Patientenanwältin Sigrid Pilz mit einem Beispiel: Ein Schulsprecher wies sie darauf hin, dass es keine Broschüren mit grundlegenden Informationen wie "Was tun, wenn ich infiziert bin?", "Wie trage ich eine Maske richtig?", "Wie funktioniert Aerosolübertragung?" gebe. Stattdessen hätten Impfgegner vor Wiener Schulen "haarsträubende Folder" verteilt. "Man kann das Feld nicht einfach denen überlassen, die gewissenlos die Bevölkerung verhetzen wollen". Mit gut gemachten Infobroschüren "könnte man den Leuten Ängste nehmen, aber auch Handlungsorientierung geben - das wäre wichtig hinsichtlich Fake News", so Pilz.

Falschmeldungen machen Sorgen

"Kursierende Falschmeldungen machen uns am meisten Sorgen", meint auch Umweltmediziner Hans-Peter Hutter, Umweltmediziner an der Med-Uni Wien. "Hoch angesehene Institutionen sagen, der Mund-Nasen-Schutz wirkt. Aber wenn die Elfi Nowotny aus Simmering auf Facebook sagt: 'Masken schaden mehr, als sie nützen', hat das teilweise mehr Bedeutung." Wie man die "Unerreichbaren" erreiche, sei nach Ansicht Hutters jedoch "die falsche Frage", das sei "vergebene Liebesmüh". Die Frage sei viel mehr, wie man an die "schwer Erreichbaren" komme. Dafür brauche es "gezielt aufsuchende Präventionsmaßnahmen", die soziale Verhältnisse berücksichtigend. "Sehr umständlich und mühsam, aber anders geht's nicht", so Hutter.

Mut haben, Unwissen einzugestehen

Für eine transparentere, ehrlichere Kommunikation plädierte auch Cornelia Lass-Flörl, Direktorin des Instituts für Hygiene und Medizinische Mikrobiologie an der Med-Uni Innsbruck: "Wir haben es mit einer ganz neuen Situation zu tun und man sollte den Mut haben, der Bevölkerung mitzuteilen, dass wir viele Dinge nicht wissen und immer einen Schritt hinterherhinken. Fakt ist, dass wir noch nicht wissen, wie es mit den Impfungen weitergeht, wie viele wir letztendlich benötigen werden."

Es gebe jedenfalls "in Österreich noch unfassbar viel Luft nach oben" an Präventionsmaßnahmen abseits von Lockdowns, meinte Pilz. "Flächendeckende PCR-Tests, verbindliches Home Office dort, wo es möglich ist; Luftfilter in öffentlichen Räumen wie Schulen und Kindergärten." Viele Maßnahmen, von deren Wirkung man "eigentlich überzeugt" sei, würden nach wie vor nicht umgesetzt, so Pilz abschließend.

(APA/red)

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