Germinal bei den Wiener Festwochen: Kommunikation als Drama

"Germinal" wird im Wiener Odeon Theater gezeigt.
"Germinal" wird im Wiener Odeon Theater gezeigt. ©Alain Rico
Die Akteure von Halory Goergers und Antoine Defoorts "Germinal"zeigten am Donnerstag im Odeon im Rahmen der Wiener Festwochen, wie es wäre, wenn Kommunikation und Sprache neu entdeckt würden.
Germinal bei den Festwochen


Beginn – dunkel. Die vier Schauspieler, die sich selbst spielen, neben Goerger und Defoort noch Arnaud Boulogne und Ondine Cloez, erkennen, dass sie in der abgeschlossenen, kargen Welt, in der sie sich befinden, mit den Schaltboards (Controller), mit denen sie ausgestattet sind, nicht nur Lichtspiele veranstalten können, sondern auch kommunizieren. Während die Wissenschaft bis heute rätselt, wie die menschliche Sprache zustande gekommen ist, lassen die Theatermacher die Figuren ihre Gedanken einfach per Drehknopf an die Wand projizieren und so den anderen zugänglich machen.

Kommunikation als Thema bei den Festwochen

Toll ist das! Man kann die wenigen vorhandenen Dinge benennen, auch sich selbst einen Namen geben, einen Dialog führen – und das in verschiedenen Sprachen. Selbst das Philosophieren klappt. Auch andere Funktionen der Sprache entdeckt die Gruppe, die mit ihrer naiven Herangehensweise an das neue Werkzeug zuweilen Schmunzeln oder gar Gelächter bei den Zuschauern hervorruft. Beim Singen stellen die Vier fest, dass Sprache auch ihren ästhetischen Wert hat.

An diesem Punkt haben Halory, Antoine, Arnaud und Ondine das neu gewonnene Kommunikationsmittel längst von den Projektionen zu einer Lautsprache weiterentwickelt. Ein Mikrofon lässt die Darsteller auf den gezielten Einsatz von Kehlkopf, Lippen, Zunge kommen. Doch es gibt auch Probleme: Die Sprache muss in allen ihren Formen, die ihre Benutzer kreieren, neu gelernt werden, das Ausdrucksmittel kann zu laut sein und den Zuhörer stören, es kommt zu Missverständnissen zwischen Sender und Empfänger von Botschaften. In die größten Kalamitäten geraten die Frau und die drei Männer, als sie all die Begriffe, die sie geschaffen haben, in Kategorien einteilen und auch noch Über- und Unterkategorien fällig werden.

Sprache und Verstehen

Auf dem Höhepunkt der Verwirrung wollen die Beteiligten, die darin gefangen sind, dass ihre Sprache kein unmittelbares Verstehen und unmittelbares Erfassen der Umgebung ermöglicht, wieder bei null anfangen und wenden sich per Sprechanlage an den Kundendienst. Der empfiehlt das Handbuch zu dem abgeschlossenen Universum der Vier – ein weiteres Kommunikationsmittel, einen Laptop, der wie zuvor das Mikrofon aus einem Loch geholt wird.

Jean-Paul Sartre hat die Figuren in seiner dramatisierten Existenzanalyse “Huis-clos” (Geschlossene Gesellschaft) in den 1940er Jahren an einen Ort der Unentrinnbarkeit gesetzt, der Hölle ist, weil ihn die Eingeschlossenen sich wegen ihrer Unvereinbarkeiten gegenseitig dazu machen. In “Germinal” landen Halory, Antoine, Arnaud und Ondine zunächst in einer Tabula-Rasa-Situation – der Stücktitel bezieht sich nicht auf den gleichnamigen Roman von Emile Zola, sondern auf den Namen des “Monats des Sprießens” im Französischen Revolutionskalender. Die Revolutionäre machten einst nicht nur mit herrschender Politik und Gesellschaft, sondern auch mit der Zeit reinen Tisch.

Kein Entkommen bei “Germinal”

Die vier “Germinal”-Darsteller enden mit ihren Sprachentdeckungen zwar nicht in der Hölle. Aber immerhin im Sumpf. Selbst heben sie ihn aus dem Bühnenboden aus. Und wie in “Huis-clos” gibt es kein Entkommen. Allerdings ganz und gar nicht wie dort durch eine endlose Fortsetzung der Qual: Mit den Menüs, die sie auf dem Laptop vorfinden, können die Vier ihr gesamtes bühnengroßes Universum steuern – Licht, Wandgestaltung und auch die Sprache. Das Quartett stößt auf eine Chronologie ihrer (Sprach-)Entwicklungen während des Abends, es stößt auf die gewollte, zusammenhängende Abfolge und darauf, dass ein Ende bereits feststeht. Jede zeitliche Kohärenz ist endlich. Und so kommt das Ende auch: In ihrem Sumpf aus Plastikmaterial badend, lässt die Gruppe, angesichts der Unausweichlichkeit feiernd, ihre Sprachschöpfungen Revue passieren.

Mit spielerischem Humor zeigen die Macher von “Germinal”, wie vorteilhaft es ist, die Sprache überhaupt zu haben. In ihrer Laborsituation zeigen sie aber auch, welche Tücken in ihr lauern, und beweisen zugleich, wie gut sie das Medium selbst beherrschen. Die Message kam offenbar beim Publikum an. Denn dieses bediente sich am Ende eines in diesem Kontext kaum zu missverstehenden Kommunikationsmittels: Es applaudierte. (APA)

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