Freibrief für Affären: Ian McEwans neuester Roman "Kindeswohl"

Der neue Roman von Ian McEwan: "Kindeswohl"
Der neue Roman von Ian McEwan: "Kindeswohl" ©Diogenes Verlag / EPA
Um eine ehrenwerte ältere Familienrichterin, die von ihrem Gatten mit einem absurd anmutenden Ansinnen konfrontiert wird, just als sie einen kniffligen Fall, in dem es um Tod und Leben geht, zu entscheiden hat - darum dreht sich "Kindeswohl" von Ian McEwan, unser Buchtipp der Woche.

Der Ehemann verlangt von seiner noch immer geliebten Frau, der Richterin, den Freibrief für eine Affäre. Das ist der Ausgangspunkt des Romans “Kindeswohl” von Ian McEwan. Leider bleibt das Buch ein wenig hinter dem Plot zurück.

Liebevoll gezeichnete Hauptfigur

Fiona Maye, Richterin am Londoner High Court, wird vom 66-jährigen Autor (“Abbitte”, “Saturday” u.a.), der im Herbst sein Buch im Rahmen von “Literatur im Nebel” im Waldviertel vorstellte, sorgsam und liebevoll gezeichnet: eine seit 35 Jahren mit einem noch immer attraktiven Geschichtsprofessor verheiratete, hoch angesehene Juristin, die ihrer Karriere zuliebe auf eigene Kinder verzichtete und sich stattdessen am Familiengericht dem “Kindeswohl” widmet. Ihre Arbeit, bei der sie in Scheidungsfällen, in Erziehungsfragen oder in religiösen Streitigkeiten dem Recht der Minderjährigen auf eine freie und selbstbestimmte Zukunft zum Durchbruch zu verhelfen sucht, verrichtet sie höchst gewissenhaft, in der kargen Freizeit wirkt sie als ambitionierte Hobby-Pianistin. Für ein leidenschaftliches Ehe- und Sexleben fehlt ihr die Zeit – und wohl auch die Lust.

Sexueller Mangel bei Ian McEwan

Gatte Jack hat genau mitgezählt: Sieben Wochen und ein Tag ist es her, dass die beiden Eheleute zuletzt miteinander geschlafen haben. Für ihn ist das zu wenig. Er will noch einmal das erleben, was er in dieser zunehmend geschwisterlich geführten ruhigen Beziehung nicht mehr findet: “Ekstase, vor Erregung fast ohnmächtig werden. Erinnerst du dich?” Und er hat auch schon die passende Frau für die geplante Affäre: seine 28-jährige Assistentin. Soweit, so abgeschmackt. Die Richterin fällt aus allen Wolken. Ihr Richterspruch ist vorhersehbar: Nein. Der Gatte nimmt den bereits gepackten Koffer und geht. Anderntags lässt die Verlassene bereits die Schlösser der Wohnung austauschen. Vor Gericht würde dieser Entschluss nicht halten, aber er tut gut.

Das Dilemma der Richterin

Der Roman wendet sich in seinem Zentrum scheinbar Wichtigerem zu: Fiona muss darüber entscheiden, ob ein an der Grenze zur Volljährigkeit stehender junger Mann gemäß den Lehren seiner und seiner Eltern Religion – alle sind streng gläubige Zeugen Jehovas – eine lebensrettende Bluttransfusion ablehnen oder vom Gericht dazu gezwungen werden darf. Die Uhr tickt, eine rasche Entscheidung ist vonnöten, das Medieninteresse ist groß. Fiona entschließt sich zu einem Spitalsbesuch, trifft den hochbegabten, sensiblen, charmanten und ephebischen Jüngling – und entscheidet gegen den Tod durch Überzeugung, für das Potenzial des Lebens.

Affären keine große Affäre

Das alles wird bedächtig, ungekünstelt und empathisch erzählt. Das Understatement ist überdeutlich. Aus den Affären macht McEwan keine große Affäre: Die zuvor sorgsam aufgebaute Spannung zu der richterlichen Entscheidung am Grenzpunkt zwischen Religion, Recht und Ethik führt nach der Bekanntgabe des Urteils zu keinerlei Diskussionen, weder muss sich Fiona dem erwarteten medialen Sturm stellen, noch wird sie von Selbstzweifeln heimgesucht. Und auch der Gatte sitzt sehr rasch wieder auf dem Koffer vor der versperrten Wohnungstür: Seine Gier nach der großen Leidenschaft habe er noch im Augenblick ihrer Umsetzung bereut, bekennt er. Details erspart der Autor der betrogenen Gattin ebenso wie den Lesern, aber auch die Auseinandersetzung, das reinigende Gewitter, das gegenseitige Auf- und Abrechnen findet nicht statt.

“Kindeswohl”: Etwas zu detailverliebt

Stattdessen verliert sich Ian McEwan detailreich in eine Besonderheit des britischen Rechtssystems, der “Tournee” der Londoner Richter durch ländliche Gerichtsbezirke, samt bizarrer Details von herrschaftlichen Residenzen und feudalistischen Überresten. Dort, in der Provinz, gewittert es tatsächlich – und unter Blitz und Donner taucht der von Fiona gerettete junge Mann auf, berichtet von der Entzweiung mit seinen Glaubensgenossen, bekennt leidenschaftlich seine Bewunderung für die weise Frau und will von ihr als Jünger aufgenommen werden: “Ich möchte bei Ihnen wohnen.”

Was dann folgt, passt nicht zu jener beherrschten Figur, die der Autor zuvor mit großem Aufwand und einiger Überzeugungskraft gezeichnet hat. “Kindeswohl” geht erstaunlich pathetisch und gefühlsbeladen zu Ende, als müssten sich alle zuvor unterdrückten Emotionen ihren Weg an die Oberfläche bahnen. Wo zuvor nüchtern über Tod und Leben verhandelt wurde, werden plötzlich Kleinigkeiten zu großer, übermächtiger Schuld. Statt mit einem salomonischen Urteilsspruch geht der Roman mit einem schwülstigen Fluch zu Ende. Einspruch, Euer Ehren.

Ian McEwan: “Kindeswohl”, Aus dem Englischen von Werner Schmitz, Diogenes Verlag, 224 S., 20,50 Euro

Weitere aktuelle Buchtipps finden Sie in unserem Bücher-Special.

(apa/red)

  • VIENNA.AT
  • Wien
  • Freibrief für Affären: Ian McEwans neuester Roman "Kindeswohl"
  • Kommentare
    Kommentare
    Grund der Meldung
    • Werbung
    • Verstoß gegen Nutzungsbedingungen
    • Persönliche Daten veröffentlicht
    Noch 1000 Zeichen