Frauenmorde: Wenn die Beziehung tödlich endet

Gewalt gegen Frauen nimmt zu. In Österreich kam es 2021 bereits zu 21 Morden an Frauen.
Gewalt gegen Frauen nimmt zu. In Österreich kam es 2021 bereits zu 21 Morden an Frauen. ©Maurizio Gambarini dpa/lsw/Sujet
Die beiden Frauenmorde in Wien-Favoriten Anfang September reihen sich an eine Serie an Femiziden, die in Österreich 2021 stattgefunden haben. Drei Vertreter von Gewaltschutzvereinen beleuchten das Thema aus der Sicht der Täter, der Opfer und der Kinder.
Bluttat in Wien-Favoriten
Nach Bluttat in Wien: U-Haft für 28-Jährigen beantragt

Am 13. September 2021 wurde die Polizei in Wien-Favoriten zu einer Gewaltschlichtung gerufen. Doch am Ort des Geschehens fanden die Beamten kein streitendes Paar vor, sondern zwei blutüberströmte Leichen und einen geständigen 28-Jährigen. Letzterer hatte seine Ex-Frau (35) und ihre Freundin (37) erstochen und mit dem Nudelwalker erschlagen. Der Vater im Gefängnis, die Mutter ermordet: Zurück blieb die vierjährige Tochter des Paares, die zum Tatzeitpunkt nicht zu Hause war. Wie können solche Tragödien vermieden werden? Drei Vertreter von Gewaltschutzvereinen sprechen über ihre Sicht zu dem Thema und über mögliche Präventionsmaßnahmen.

Zehnter Frauenmord 2021 in Wien

Die Morde an den beiden Frauen in Wien-Favoriten sind bereits der 20. und 21. Femizid in 2021 in Österreich. Es ist der zehnte Frauenmord in Wien, laut Zusammenfassung der Morde der autonomen Österreichischen Frauenhäuser. Laut Zahlen der Organisation, hat es dieses Jahr bereits 19 mutmaßliche Mordversuche oder schwere Gewaltverbrechen an Frauen in Wien gegeben.

Morde sind "Versagen der Behörden"

„In erster Linie ist das ein Versagen der Behörden, da behördenbekannte Männer nicht zur Verantwortung gezogen werden und auf freien Fuß angezeigt werden“, sagt Maria Rösslhumer, Leiterin des Vereins AÖF Autonome Österreichische Fraeunhäuser und der Initiative "StoP- Stadtteile ohne Partnergewalt". Sie appelliert „an die Justiz und natürlich auch an die Polizei, dass sie Gewalttäter ernster nehmen.“ Laut Rösslhumer sollten Staatsanwälte Gefährlichkeitsprognosen bei bereits angezeigten Tätern anwenden, um zu entscheiden, ob ein gefährlicher Mann in U-Haft genommen werden soll. Zur Unterstützung sollten Gewaltschutzexperten einbezogen werden.

"Halte nichts davon, dass man jeden einsperrt"

Alexander Haydn, Psychotherapeut bei der Männerberatung ist beim Thema U-Haft für Gefährder anderer Meinung: „Die Gründe für Untersuchungshaft sind im Gesetz in Österreich sehr genau geregelt. Natürlich bin ich dafür, dass diese Gesetze sehr genau umgesetzt werden. Aber ich halte nichts davon, dass man jeden einsperrt, der einem suspekt erscheint oder bei dem es irgendwelche Anschuldigungen gibt.“ Für Haydn müsse es einen „Trichtereffekt“ in den Beratungsstellen geben, welche aussortieren, wer ein hohes Risiko für neuerliche Gewalt darstellt. Ab 1. September gab es zusätzlich eine Neuerung im Gewaltschutzgesetz: Gefährder, gegen die ein Betretungs- und Annäherungsverbot ausgesprochen wurde, müssen an einer sechsstündigen Gewaltpräventionsberatung in einer Beratungsstelle teilnehmen. Alexander Haydn kann sich eine Ausweitung dieses Ansatzes vorstellen: „Ich könnte mir vorstellen, dass es ein probates Mittel wäre, wenn man nach bestimmten Kriterien ausgewählte Hochrisikofälle mit einer Vorgeschichte auch gesetzlich verpflichtet ein weiterführendes, Verhaltensänderungstraining, wie zum Beispiel Anti-Gewalttraining, zu absolvieren.“

Nachbarschaftshilfe in Wien als Präventionskonzept

Mit der Ausweitung der Initiative „StoP“ wollen die autonomen Frauenhäuser in Wien nun eine weitere Möglichkeit zur Gewaltprävention schaffen. „StoP ist ein Nachbarschaftsprojekt, bei dem wir die Zivilgesellschaft involvieren wollen. Die Menschen in der Nachbarschaft sind in der Nähe des Geschehens und bekommen mit, was da passiert“, erklärt Rösslhumer. Es sei wichtig, dass Nachbarn wissen, wie sie bei häuslicher Gewalt reagieren können und an wen sie sich wenden können. Die Initiative konnte bereits in den Bezirken Wieden, Favoriten, Mariahilf, Meidling und Margareten etabliert werden. Bei dem Projekt werden regelmäßig sogenannte „Frauen-" und „Männertische“ veranstaltet, bei denen über häusliche Gewalt und Präventionsmaßnahmen informiert wird.

Verpflichtende Anti-Gewalttrainings

Für Alexander Haydn gibt es in der Männerberatung vor allem in der Prävention noch Lücken. „Was ich mir wünschen würde, ist ein niederschwelliger, kostenfreier Zugang zur Männerberatung in ganz Österreich. Auch sollte die Lücke in der Interventionskette, zwischen Beratungsstellen zur Gewaltprävention und gerichtlicher Verurteilung, geschlossen werden. Nachfolgend zur Beratung sollte es für einen Teil der Männer, jene die ein hohes Risiko haben, dass es neue Gewalt gibt, eine verpflichtendes Anti-Gewalttraining geben und dieses sollte auch finanziert sein“, so der Psychotherapeut. Gewalttätige Männer seien laut Haydn den meisten Fällen keine Psychopathen. Viele Männer würden sich bei der Tat keine Gedanken über die Konsequenzen ihrer Handlung machen und damit auch keine Gedanken darüber, was die Tat mit ihren Kindern macht.

Handlungsbedarf bei Kinderschutzarbeit

Laut Jahresbericht 2020 der Kinder- und Jugendschutzhilfe Wien gab es 9.793 Gefährdungsabklärungen in Wien. In 1.647 Fällen davon lag der Verdacht auf körperliche Gewalt vor. Darin, sei laut Kinder- und Jugendhilfe, auch miteingeschlossen, dass Kinder Gewalt miterleben müssen. Dabei kamen 20 Prozent der Gefährdungsmeldungen aus Schulen, 29 Prozent von der Polizei und nur fünf Prozent von Ärzten. „Es wird verabsäumt, präventive Kinderschutzarbeit zu leisten. Da finde ich, wäre wahnsinnig viel Handlungsbedarf. Es wird nicht genug thematisiert – leider. Ich möchte klarstellen, dass bei Femiziden nicht nur die getötete Frau zum Opfer wird, sondern auch die Kinder oder das Kinder der Frau“, sagt Hedwig Wölfl, Psychologin und Leiterin des Kinderschutzvereins „Die Möwe“.

"Es braucht eine Kindeswohlkommission"

Wölfl sieht ebenfalls vor allem mehr Bedarf bei der Präventionsarbeit. Die Psychologin fordert sowohl Schulungen für Lehrer und Kindergärtner, Sport- und Musiklehrer, als auch Workshops für Kinder und Eltern. Zusätzlich befürwortet sie für Gewaltschutz zuständiges Personal an Schulen. Sie betont auch die wichtige Rolle von Zivilcourage: „Man kann immer etwas tun.“ Positiv sieht Wölfl, dass mit der Hass-im-Netz-Novelle auch Kindern, die Zeugen häuslicher Gewalt wurden, den Opferstatus zuerkannt bekommen. „Das Aufwachsen in einer gewalttätigen Umgebung ist eines für die Entwicklung schädlichsten Dinge, die es gibt“, so die Psychiaterin. Wölfl fordert ein drittes Kinderschutzzentrum in Wien und: „Es braucht eine Kindeswohlkommission die unabhängig ist, niederschwellig erreichbar ist, an die man sich wenden kann und die auch Frage- und Durchgriffsrechte hat, die dann auch Vorschläge an die Politik macht, die behandelt werden.“

Hilfe bei Gewalt:

Frauenhelpline: 0800 222 555

Autonome Frauenhäuser: https://www.aoef.at/

Männerberatung-Telefon: +43 1 603 28 28
Männerberatung-Online: https://www.maenner.at/

Die Möwe (Kinderschutzberatung): +43 1 532 15 15

Die Möwe-Onlineberatung: https://die-moewe.beranet.info

(cor)

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