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Frau Hudec will noch nicht zusperren

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Als Rosa Hudec das erste Mal den Rollbalken hinaufschob, um ihr kleines Milchgeschäft auf der Schmelz aufzusperren, war Julius Raab noch Bundeskanzler. 45 Jahre ist das jetzt schon her...

Dabei ist sie pumperlgesund, trotz ihrer 82 Jahre. „Ich bin die Letzte da in der Gegend“, sagt sie und klingt dabei sowohl ein bisserl melancholisch als auch stolz. Zurecht: Denn kein Greißler in ganz Wien steht schon so lange hinter der „Budl“.

Die Tautenhayngasse, die den Akkonplatz in zwei Hälften zerschneidet, ist eine düstere Häuserschlucht. Sie besteht aus haufenweise Schrägparkern, einem Radweg, der gegen die Einbahn führt, und zwei schmalen Asphaltstreifen, die von Fußgängern nur dann benützt werden, wenn es unbedingt notwendig ist. Auf einer ganz besonders grauen Fassade steht in rostroten Blockbuchstaben „Milch“. Es ist das einzige Lebenszeichen, das diese Gasse noch von sich gibt. Obwohl es am ersten Blick fast scheint, als hätte man vor langer Zeit vergessen, die großen Lettern abzumontieren.

„Ein halber Liter Milch, bitte schön. Vielleicht ein Semmerl oder ein Grahamweckerl? Aha, ein Cola, bitte schön. Dose oder Flasche?“ Die Kühlvitrine sirrt leise, während Frau Hudec auf einem Zetterl alles zusammenrechnet. „Brauchen’s a Sackerl?“ Kurzes Rascheln. „Wie’s geht? Naja, wenns besser wär’, tät i auch ned flüchten.“ Es ist wie überall: Die guten Zeiten sind lange vorbei. Aber Frau Hudec jammert nicht, das ist nicht ihre Art. Dafür hat sie auch gar keine Zeit. „Ich sperr’ jeden Tag zwischen viertel und halb sechs auf.“ Bis zehn tut sich nicht viel, dann geht’s aber los, denn da wird’s Zeit für die Stammkundschaft.

Herr Manfred zum Beispiel, der mit Bier nicht gerade auf Kriegsfuß steht, hat relativ viel Zeit. Und die verbringt er bei Frau Hudec. Wenn die Sonne scheint, steht er draußen, wo sich Hausrat aus erster und zweiter Hand stapelt. Backformen, Mixer, Schuhe, Teller, Kannen, Bügeleisen, Toaster. Darüber hängt eine Tafel: „Thea – feiner im Geschmack“. Darunter mit Kreide: „Hier gibt es alle Lebensmittel, Bier, alkohol. Getränke, Mehlspeisen, Käse+Wurstsemmeln, gratis Zustellung.“ Und daneben, im Schaufenster, das randvoll mit Puppen, Porzellangeschirr und anderem Krimskrams gefüllt ist: „Schwarzer Herrn Anzug billig abzugeben, G52 und Dunkelbraunes Sacko und lichte Hose.“

„Brauchst des Zeug zum Fiaß woschn? Wäu, trinken kannst des jo ned wolln.“ Manfred ist kein Cola-Freund. Mit Kundschaft plaudert er gern – wenn keine da ist, plaudert er eben allein. Als er noch Katzen gehabt hat, erzählt er, hat er einmal so aufs Klo müssen, aber das war am Gang – und besetzt. „Hob i ins Katznkistl gmocht.“ Diebisches Lachen begleitet seinen letzten Satz. Frau Hudec nimmts gelassen, sie kennt die Geschichten in- und auswendig. Und lässt weiter geduldig „anschreiben“. Ungemütlich wird’s für sie nur, wenn sie Schulden eintreiben muss: „Die haben ja alle ka Geld. Dann geh’ ich zu denen, drei, vier Stöcke rauf, läut an, aber die machen ja nicht auf, wenn sie mich sehen.“

Mit dem Austrinken täten sich halt alle recht schwer, sagt Frau Hudec. Selbst zu Mittag, wenn sie eigentlich wichtige Wege zu erledigen hätte, dauerts immer ewig, bis sie zusperren kann. Echte Pause macht die 82-Jährige allerdings keine: „Da muss ich runter zum Großhändler auf die Linzer Straße. Die liefern mir ja nix, weil ich ihnen nicht genug abnehm.“

Ab 14.00 Uhr ist dann wieder offen. Manfred wartet dann schon vorm Geschäft auf ein frisches „Sechzehnerblech“ (eine Dose Ottakringer Bier, Anm.). Drinnen an der Wand steht ein kleines Tischerl, flankiert von zwei wackligen Sesseln. Die werden oft von dem Herrn mit dem Schäfer in Beschlag genommen, obwohl ein uraltes Schild an der Tür Vierbeiner ausdrücklich verbietet: „Hunde mitnehmen behördl. verboten“. Frau Hudec sieht das nicht so eng. Auch beim Zusperren am Abend bleibt sie flexibel: „Die wollen oft einfach nicht heimgehen“, beklagt sie sich wie eine Mutter, deren Kinder sich partout nicht aus der Sandkiste stampern lassen.

Wie lange Rosa Hudec das alles noch machen will? „Na ja, ich glaub, nimmer lang.“ Aber das sagt sie nur so. „Vielleicht trifft mi ja einmal der Schlag“, weil mit ihrer Stammkundschaft wird sie schon hie und da laut. Zum Beispiel wenn der Herr Manfred behauptet, er bekomme noch Geld von ihr. Ausgerechnet der Herr Manfred. Aber der Zorn ist schnell verflogen, schließlich gibt es permanent Arbeit im Geschäft. Kranksein kann sich Frau Hudec einfach nicht leisten. Sie hätte auch gar keine Zeit dafür.

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