Fünffachmord-Angeklagter: "Der Tod ist der Ausweg"

Ich war unfähig zum Selbstmord. Meine Strafe ist, dass ich leben muss." Der mutmaßliche Fünffachmörder von Wien und Oberösterreich, Reinhard St., hat sich vor einem Geschworenengericht am Donnerstag zum Teil sehr emotional gezeigt. Video: Prozessauftakt  

Besonders bei seinen Ausführung im Zusammenhang mit seiner ermordeten Tochter brach er immer wieder in Tränen aus. Er habe nur “das Beste” für sie gewollt.

“Wenn man wirklich versuchen würde, das nachzuvollziehen, dann müsste man auf eine geistige Ebene, die geisteskranke Elemente enthält”, sagte der Angeklagte und versuchte dann doch eine Erklärung für sein Handeln: “Das Leben ist sinnlos. Ich habe fast 40 Jahre lang sinnlos gelebt. Solange das Leben angenehm ist, kann man es ja leben. Aber wenn es unangenehm wird, dann besteht keine Notwendigkeit, das auf sich zu nehmen. So ist mein Denken.”

“Es war immer klar für mich, dass ich mich nicht fortpflanzen will, kein Kind in die Welt setzen will”, berichtete der 39-Jährige. Dann schlägt er sich die Hand vor dem Mund. Man hört ihn schluchzen, bevor er fortfährt. Seine Tochter sei “ein extrem liebes Kind” gewesen: “Ich war verpflichtet, alles für sie zu tun”. Das Kind wäre unglücklich geworden, es sei auch sehr sensibel gewesen.

“Der Tod ist der Ausweg”, meinte er dann. “Der Tod wird so sein, wie vor unserer Zeugung, ein Idealzustand.” Die finanziellen Probleme habe er seiner Familie nicht zumuten wollen: “Der Schmerz, der wäre so gigantisch gewesen.” Es sei nicht “eiskalt geplant” gewesen: “Dann hätte ich es anders gemacht”, so der Angeklagte.

Es sei auch nicht geplant gewesen, dass er noch zu seinen Eltern fährt – aber er hätte die Mutter nicht mit dem Schmerz alleine lassen können: “Bitte, denken Sie sich hinein, meine Mutter hat so schon wegen jeder Kleinigkeit Angst gehabt. Das Leben wäre die Hölle geworden für meine Eltern.” Das gleiche hätte auch für seinen Schwiegervater gegolten.

Nun wolle er nur noch genaue “Darstellungen” für seine Geschwister: “Mir persönlich ist es egal, was da heute verhandelt wird. Ich sehe mich nicht mehr dem österreichischen Gesetz unterworfen. Mich kann man nicht mehr bestrafen.” Das, was er sich nun für sich wünsche, wäre vor Jahren noch möglich gewesen, spielte er offenbar auf die Todesstrafe an. Weil das nicht ginge, wünsche er sich eine “lebenslange Haftunterbringung – wenn ich schon leben muss.”

Als seine Frau schwanger geworden sei, wollte er es für seine Familie “besser haben”, deswegen habe er an der Börse Geld eingesetzt, erklärte Reinhard St. Er habe gewusst, “was man darf und was nicht”: “Das Problem war, dass ich zu oft zu nervös gewesen bin.” Von den finanziellen Schwierigkeiten habe er seiner Frau nichts sagen wollen, um sie nicht zu belasten. Für ihn selbst sei es eine “Belastung von früh bis spät” gewesen, meinte Reinhard St.

“Bis zum Schluss hat es die irrationale Hoffnung gegeben, ich kann es (die Verluste, Anm.) doch noch aufholen. Bis zuletzt war es ein Kampf, dass es doch noch weitergeht. Ich habe noch gehofft. Deshalb habe ich auch keine Mordwaffe gekauft”, erklärte der Mann mit gebrochener Stimme. “Das wollte ich ja nicht.”

Vor dem Tag der Taten, einem Dienstag, hätte er “drei volle Tage und Nächte Zeit gehabt, als die Frau und das Kind geschlafen haben. Da wäre es unter Anführungszeichen leichter gewesen. Aber ich wollte das nicht”. Er habe seine Probleme immer wieder zur Seite geschoben und auf eine andere Möglichkeit gehofft.

In der Nacht zuvor habe er wieder mit sich gerungen, da habe er die Hacke schon gehabt. “Dann ist die Frau aufgestanden, weil sie hatte ja einen Arbeitstag. Und irgendwie – jetzt oder gar nicht”, versuchte der Angeklagte unter Tränen und in gebrochenen Sätzen seine damalige Situation zu beschreiben.

Die Hacke habe er am Freitag vor dem besagten Dienstag zu Mitternacht in einer Auslage gesehen: “Da war ich noch in der Apotheke, weil das Kind krank war. Da hab ich noch überlegt, wenn ich es überhaupt machen würde, dann wie. Weil es darf ja keine Kampfsituation sein.” Er habe gedacht, ein “schneller Schlag” mit der Hacke auf den Kopf und dann sei man bewusstlos: “Was in der Praxis auch so war. Es war kein Todeskampf”, sagte der 39-Jährige. “Maximal ein, zwei Sekunden” hätten seine Opfer noch gelebt.

Richter Wilhelm Mende fragte den 39-Jährigen schließlich, ob er eine Pause brauche. Daraufhin setzte man mit einem Video vom Lokalaugenschein fort: Während man auf der Leinwand sieht, wie der Angeklagte unter Tränen sein Vorgehen zeigt, sitzt Reinhard St. zusammengesunken da und hin und wieder dringt leises Schluchzen unter seiner Hand hervor, die er sich auf den Mund gepresst hat.

Nachdem die Geschworenen die DVD vom Lokalaugenschein zu sehen bekamen, in dessen Rahmen Reinhard St. an den jeweiligen Tatorten ausführlich das Geschehene mittels einer Puppe nachgestellt hatte, erläuterte dieser noch ein Mal, weshalb aus seiner Sicht die Bluttaten unumgänglich waren. Jetzt sei er “geistig auf lebenslang eingestellt”. Er sei “überrascht, wie angenehm es im Gefängnis ist. Die Haft ist keine Strafe für mich”, sagte der Angeklagte

Aufgrund der erlittenen finanziellen Verluste sei er Anfang April zur Überzeugung gelangt, dass er sich nun das Leben nehme müsse, betonte der Mann: “Ich habe alles nur Schwarz gesehen. Große Sorgen, Traurigkeit wären gekommen.” Er hänge ja grundsätzlich nicht am Leben: “Das Leben an sich ist eine Krise. Das Leben ist eine tödliche Krankheit. Der Tod ist sowieso immer da.”

Er habe annehmen müssen, seine Tochter würde seinen Suizid nicht verkraften. Deswegen habe auch sie sterben müssen. Der Tod seiner Frau, seiner Eltern und seines Schwiegervaters wären wiederum als Folge davon unumgänglich geworden – der Schmerz über Nathalies Tod wäre für sie “einfach zu groß” gewesen, behauptete der 39-Jährige.

Er versicherte, nicht kaltblütig gehandelt zu haben. Er habe sich vielmehr “den ganzen Tag in eine Konzentration zwingen müssen. Ich habe mich zu den Schlägen zwingen müssen. Ich wollte nicht schlagen! Ich musste mich hineinsteigern und die Gefühle wegdrängen, dass ich das machen kann.”

Er habe “zur Leidvermeidung” besonders heftig zugeschlagen, “nicht um Leid zu produzieren”. So hätten seine Angehörige ihr Sterben nicht mitbekommen. Er sei “dankbar” für die Feststellungen des Gerichtsmediziners, wonach bei seinen Eltern innerhalb weniger Augenblicke Bewusstlosigkeit eingetreten sei.

Auf die Frage, weshalb er seinen Bruder, seine Schwester und seinen Schwager verschonte, erwiderte der Angeklagte: “Die stehen mir nicht nahe genug. Da ist die Liebe nicht groß genug.” Bei seinen Geschwistern handle es sich jedoch um “die wahren Opfer”, da diese weiter zu leben hätten “und mit dem für sie Unfassbaren umgehen müssen”.

“Ich denke mir jeden Tag, was sie sich alles erspart haben”, bemerkte Reinhard S. über die toten Familienangehörigen. Er müsse “bei dieser ideologisch-philosophischen Haltung bleiben, weil ich es sonst nicht aushalte.”

Der 39-Jährige erläuterte auch bereitwillig, weshalb er in Ansfelden noch ins Bordell ging, nachdem er die fünf Menschen ums Leben gebracht hatte. “Vor dem Tod gibt’s eine Henkersmahlzeit. Ein Bordellbesuch hat keinen Funken mit Liebe zu tun. Die Männer verstehen, was ich meine. Dem Bordellbesuch messe ich keine Bedeutung bei. Es war die letzte Möglichkeit, mit einer Frau zu schlafen.”

Der danach geplante Selbstmord sei gescheitert, weil er auf der Rückfahrt nach Wien “kein Anfahrtsziel” gefunden hätte. Obwohl er die Bundesstraße benützte, sei ihm kein Brückenpfeiler aufgefallen: “Ich den Gegenverkehr hineinfahren wollte ich nicht. Ich beschädige niemanden Dritten.” Außerdem sei das Problem am Suizid, “dass es die hundertprozentige Sicherheit nicht gibt. Da geh ich lieber ins Gefängnis, als ich lieg’ irgendwo verkrüppelt im Spital.” Also habe er sich entschlossen, sich der Polizei zu stellen, so Reinhard St.

Am Nachmittag wird die psychiatrische Sachverständige Sigrun Rossmanith ihr Gutachten darlegen. Die Verhandlung wird morgen, Freitag fortgesetzt. Mit dem Urteil ist am frühen Nachmittag zu rechnen.

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