Fünf Millionen: Pflegerin als "Erbschleicherin" vor Kadi

Dieser außergewöhnliche Fall von Erbschleicherei könnte direkt der Fantasie der Drehbuchautoren von Hollywood entsprungen sein: Eine Pflegerin taucht mit einem Testament auf.

Als im September 2006 in Wien-Döbling eine Witwe im 80. Lebensjahr starb, hinterließ diese ein Vermögen von 5,36 Millionen Euro. Die rechtmäßigen Erben staunten nicht schlecht, als wenig später eine diplomierte Krankenschwester ein Testament vorlegte, das sie als Alleinerbin aufwies. Die 35-Jährige hatte die krebskranke Frau in ihrem letzten Lebensjahr gepflegt. Heute, Mittwoch, musste sie sich wegen versuchten schweren Betrugs und Diebstahls vor einem Schöffensenat im Straflandesgericht verantworten.

Das Testament soll nämlich eine dreiste Fälschung sein. Die Angeklagte habe die Unterschrift der Witwe nachgemacht, nachdem sie deren vorgeblich letzten Willen selbst zu Papier gebracht hatte, so der Vorwurf der Staatsanwältin. Der Freund der Pflegerin wiederum machte drei Zeugen namhaft, die schriftlich das vorgeblich rechtmäßige Zustandekommen des fremdhändigen Testament bestätigten.

Die Krankenschwester wies die gegen sie erhobenen Anschuldigungen wortreich zurück. Sie habe überhaupt nicht gewusst, wie viel Geld die alte Dame besaß. Sie sei praktisch rund um die Uhr für sie dagewesen, habe viel Zeit an ihrem Bett verbracht, lang mit ihr gesprochen. Daraus sei eine “innige Beziehung” entstanden, so dass die Witwe sie eines Abends zu sich rief und ihr erklärt habe, sie wolle sie adoptieren.

Von einer “richtigen Mutter-Tochter-Beziehung” und Gefühlen, die sie nicht einmal ihrer eigenen Mutter gegenüber empfunden habe, soll die 74-Jährige geschwärmt haben. “Ich war sprachlos, überrascht”, gab die Angeklagte zu Protokoll. Nach einer überschlafenen Nacht sei sie mit der Adoption einverstanden gewesen und habe einen Anwalt eingeschaltet.

Zum Testament sei es dann gekommen, weil sich die Witwe “schon sehr schwach” gefühlt habe, behauptete die 35-Jährige. Die Witwe habe befürchtet, das Adoptionsverfahren könnte zu lange dauern, und daher ihren letzten Willen verfügt. Alles sei mit rechten Dingen zugegangen, versicherte die Pflegerin.

Das Umfeld der Witwe sieht das anders. Für langjährige Vertraute ist klar, dass es sich bei der 35-Jährigen um eine “Erbschleicherin” handeln muss. Diese habe die betagte Frau abgeschottet, keine Besuche mehr zugelassen. Kurz vor ihrem Tod soll die Witwe angekündigt haben, sie wolle eine neue Pflegerin, weil ihr die aktuelle “keine Luft zum Leben” lasse und sie von ihren Kontakten “abschneide”.

Vor allem aber soll die Angeklagte die Dame noch zu ihren Lebzeiten bestohlen haben. 100.000 Euro fehlten laut Anklage aus der Wohnung, ebenso wertvoller Schmuck und ein Sparbuch über 15.000 Euro.

Letzteres habe ihr Schützling ihr “als Urlaubs- und Weihnachtsgeld” übergeben, konterte die Pflegerin. Die Brillanten und kostbaren Broschen habe sie “nie gesehen, das hat mich nicht interessiert”. Geld sei immer lose auf ihrem Nachtkastl herumgelegen, der Steuerberater habe laufend Banknoten gebracht, damit die 74-Jährige ihre Ausgaben decken konnte. Sie habe sich nicht daran vergriffen, so die Angeklagte.

Der Prozess wurde zur Einvernahme zahlreicher Zeugen vertagt.

 

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