Flucht wiederkehrendes Thema bei Architekturbiennale

Dass auf dieser 15. Architekturbiennale in Venedig vieles anders ist als in den Jahren zuvor, wird nicht nur durch die enorme Polizei-Präsenz auf dem Gelände der Giardini deutlich. Auch in den Länderpavillons widmen sich einige Staaten unter dem Generalthema "Reporting from the Front" einem Thema, das Europa in den vergangenen Monaten eingeholt hat: Flucht.


Und so bahnt man sich an diesen Tagen vor der offiziellen Eröffnung am Samstag nicht nur den Weg durch das zahlreich angereiste Fachpublikum, sondern auch durch Uniformierte mit Maschinengewehren, die an allen Ecken durch die frühsommerliche Szenerie patrouillieren und auch selbst den einen oder anderen Blick in die Pavillons werfen, wie etwa im Österreich-Pavillon, der dieses Jahr von Elke Delugan-Meissl verantwortet wird und die Ergebnisse von drei Projekten in Wien präsentiert, die mit Hilfe von architektonischen Interventionen Flüchtlingsunterkünfte zu menschenwürdigeren Orten machen sollen.

Mit dieser Herangehensweise ist der Österreich-Pavillon, der am morgigen Donnerstagnachmittag eröffnet wird, bei weitem nicht allein. Bewegt man sich durch die Pavillons, findet man immer wieder Auseinandersetzungen mit dem Thema Flüchtlinge und den architektonischen Herausforderungen, mit denen die betroffenen Länder konfrontiert sind. So etwa der griechische Pavillon, der sich unter dem Titel “#This Is A Co-op” ganz allgemein dem Thema Krise widmet. Erstmals tritt der Griechische Architektenverband als Kommissär des Pavillons auf und versammelt ein vielstimmiges Bild aus jenem Land, das in den vergangenen Jahren auch mit der Finanzkrise und nunmehr mit der Flüchtlingsbewegung zu kämpfen hat.

Zentral im Eingangsbereich findet sich ein Amphitheater, das als Diskussionsplattform für Besucher und Experten im Rahmen von Veranstaltungen dienen soll. Dahinter, auf einem langen Tisch und den Wänden dahinter, ist eine “Research-Area” entstanden, in der diverse architektonische Projekte rund um die angesprochenen Krisensituationen vorgestellt werden. Sie stammen aus einem landesweiten Aufruf, zum Thema “Reporting from the Front” Projekte für den Pavillon einzureichen. Inhaltlich konzentriert man sich auf vier “Krisen”: Die Flüchtlingskrise und die spontanen, zivilgesellschaftlichen Reaktionen auf die Ankunft der Flüchtenden; die “urbane Krise” mit Begleiterscheinungen wie Verarmung, verfehlter Integration oder genereller Unsicherheit sowie Strategien dagegen; “Raum und Gemeinschaft” in Zeiten von überbordenden Sicherheitsbestimmungen und Privatisierung; schließlich die “Krise des Berufs des Architekten” in Zusammenhang mit der von der Wirtschaftskrise ausgelösten Arbeitslosigkeit von Architekten.

Auch Deutschland hat sich diesmal im wahrsten Sinne des Wortes dem Flüchtlingsthema geöffnet: Unter dem Titel “Making Heimat. Germany, Arrival Country” hat das beauftragte Deutsche Architekturmuseum (DAM) den Pavillon an vier Seiten geöffnet und mehr als 48 Tonnen Ziegelsteine aus den Wänden gebrochen. Der frische Wind ist also im Inneren durchaus zu spüren, Außen- und Innenraum gehen eine Symbiose ein – ein Anstoß, über Deutschland als offenes Land zu reflektieren. Gezeigt werden zahlreiche Beispiele aus “Arrival Cities” in Deutschland. Vorgestellt werden nicht nur in den vergangenen Monaten etablierte Flüchtlingsunterkünfte, sondern auch Einblicke in “typische” Migrantenviertel großer Städte, die Flüchtlingen kostengünstigen Wohnraum, Zugang zu Arbeitsplätzen und gute Netzwerke bieten. Weiterführend können sich Interessierte unterdurch eine Datenbank von deutschen Flüchtlingsunterkünften klicken.

Über die Lebensumstände von Menschen an Kriegsschauplätzen macht man sich wiederum im niederländischen Pavillon Gedanken, der außen wie innen in tiefes Blau getaucht ist. Thema sind Friedensmissionen der UNO in Afrika. Während Militärbasen “selbsterhaltende Inseln” sind, tragen sie laut dem Kurator Malkit Shoshan nichts zur Verbesserung der Lebenssituation jener Menschen bei, die in unmittelbarem Umfeld leben. Seine Recherche widmete er daher der Dringlichkeit, neue Raumkonzepte zu schaffen, von denen lokale Gemeinschaften profitieren können. Ziel ist es, die UN-Basen als “Katalysator” für regionale Entwicklung zu sehen. Entsprechende Entwürfe stehen im Zentrum von “Blue”. Und so schwingt auf dieser Biennale auch eine gewisse Hoffnung mit, mit architektonischen Mitteln einen Beitrag zu den neuen Aufgaben unserer Zeit zu leisten.

(S E R V I C E – 15. Architekturbiennale von Venedig. 28.5. bis 27.11. Infos unter)

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