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Festwochen: "Es geht uns gut"

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Ja, es ging uns gut. Damals, als Arno Geiger vor gut drei Jahren seinen Roman "Es geht uns gut" (Hanser) veröffentlichte.

Als der gebürtige Vorarlberger für diese leichtfüßige und dennoch tiefgründige Analyse des 20. Jahrhunderts den Deutschen Buchpreis erhielt, lobte ihn die Jury, “Vergänglichkeit und Augenblick, Geschichtliches und Privates, Erinnern und Vergessen in eine überzeugende Balance” gebracht zu haben. Irgendwie krank hingegen musste man sich gestern, Sonntag, bei der Uraufführung jener dramatisierten Fassung fühlen, die Andreas Jungwirth und Lars-Ole Walburg als Koproduktion mit den Wiener Festwochen zum 30-Jahr-Jubiläum des Hauses auf die Bühne des Wiener Schauspielhauses brachten.

“Diese Szenen, Geschichten von Paaren verschiedener Generationen, sind im Präsens geschrieben, unmittelbar, dramatisch, mitunter komisch”, sagt der Autor Andreas Jungwirth im Programmheft, “Wenn man diese Familiengeschichten auf die Bühne bringen will, findet man hier sowohl inhaltlich als auch formal sehr viel Futter”. Schwere Kost offensichtlich, die Jungwirth und Regisseur und Co-Autor Walburg höchst unverdaut auf die Bühne entleerten. Hätte es eine Speisekarte gegeben, wäre das Gericht schnell umrissen: Geschmacksneutral, eine ganze Reihe von Beilagen ohne Hauptspeise. Die karge, in weiß gehaltene Bühne (Ausstattung: Kathrin Krumbein) gleicht einem leeren Teller, über den die Erinnerungen der Protagonisten wie gefrorene Erbsen kullern.

Von jener genialen Montagetechnik, mit der Geiger die Geschichte der Großeltern, die kurz vor dem Zweiten Weltkrieg in einer Hietzinger Villa ihren Ausgang nimmt und über die Nachkriegswehen der unglückseligen Tochter bis hin zum orientierungslosen Enkel Philipp, der das Haus im Jahr 2001 vom Taubendreck befreit, reicht, war in den 90 Minuten wenig zu spüren. Vielmehr haben Jungwirth und Walburg Geigers ohnehin kurze, aber immerhin kohärente Szenen beschnitten und bunt durcheinandergewürfelt, echte Dialoge, die dem Roman (abgesehen vom Präsens) Dynamik verleihen, sind Mangelware. Vielmehr ist es ein ewiges Zur-Seite-Sprechen, Kommentieren und bloßes Rezitieren, das diese Inszenierung derart schal macht, dass man das Gefühl bekommt, mit der Lektüre der 400-seitigen Taschenbuchausgabe schneller weiterzukommen, als im Zuschauerraum des Schauspielhauses.

So gleicht es rückblickend einer Warnung, als Max Mayer als Philipp zu Beginn des Stücks im beinahe mannshohen Kamin auftaucht, und schlichtweg und hoch theatralisch die ersta halbe Seite des Romans vorträgt. Was folgt, ist eine Selbstbeschreibung der auftretenden Figuren. So sehr Silvia Fenz als betrogene Ehefrau Alma auch in ihrem Schlussmonolog überzeugt, wenn sie ihren dementen Ehemann Richard (charmant: Florentin Groll) im Altersheim besucht, so sehr verliert sie, wenn sie ganz zu Beginn in seiner Gegenwart ohne jegliche Interaktion dem Publikum die Situation erklärt. Überhaupt dominiert das Erklären: Anstatt miteinander zu sprechen, erfahren wir von den Charakteren selbst, wer sie sind, was sie tun, was sie denken, was sie sagen, welche Antworten sie bekommen. Da hilft es auch nicht, dass nicht selten alle gleichzeitig auf dem Dachboden stehen, Erinnerungsstücke in die Hand nehmen und über die Grenzen von Leben und Tod hinweg nonverbal Kontakt zueinander herstellen.

Katja Jung als Tochter Ingrid berührt erst, als sie in der Donau ertrinkt (was ihr Sohn Philipp wortreich schildert, während sie im Kamin sitzt und sich Blumen ins Haar steckt), ihr überforderter Ehemann Peter (Thomas Reisinger) fällt lediglich auf, als er die Schrecken des Kriegs (natürlich retrospektiv) in einem Wutanfall auf der Bühne zum Leben erwecken darf. Besonders blass und bar jeglicher Bühnenpräsenz bleibt Max Mayer, der als tragende Figur zwar die Orientierungslosigkeit der jüngsten Generation repräsentieren soll, dies aber allzu glaubhaft umsetzt. Daran ändert auch Nicola Kirsch als seine Geliebte Johanna nichts, da ihr keine Chance bleibt, dieses Desinteresse an der eigenen Geschichte zum Hauptthema der Beziehung zu machen.

Mit Aktualität überspannt wirkt schließlich jener moralische Wutausbruch des Bauarbeiters Steinwald (Steffen Höld), wenn er in seinem Monolog über die Neurosen der Österreicher auch noch den Unwillen der österreichischen Fußball-Nationalmannschaft und erst recht den eben entdeckten Inzestfall von Amstetten anprangert (und von der gesamten Mannschaft von der Bühne getragen wird). Unglücklich ist auch die Doppelbesetzung des wortkargen ukrainischen Arbeiters Atamanov (Alen Dzambic), der mit einem Akkordeon bestückt auch noch den nie enden wollenden Soundtrack zur Inszenierung verantwortet, der so manche Textpassagen übertönt. Warum sich alle männlichen Akteure im Laufe des Abends zumindest einmal bis auf die Unterhose ausziehen, ist dann schon eine Frage, die man sich nicht mehr stellt.

Das Publikum würdigte die gesamte Mannschaft mit lang anhaltendem, wohlwollenden Applaus und feierte im Anschluss das 30-jährige Bestehen des am 4. Mai 1978 von Hans Gratzer eröffneten Schauspielhauses.

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