"Es war eine katastrophale und tragische Zeit"

Bernhard Amann.
Bernhard Amann. ©VN/WANN&WO
Anlässlich des Serienstarts der Neuauflage von „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ wirft WANN & WO einen Blick auf die Drogen­situation im Ländle – damals und heute.

Christiane F. ist wohl die berühmteste Drogensüchtige der Welt. Das 1978 erschienene Buch „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ wurde zum Bestseller, der 1981 erschienene gleichnamige Film wird Schülern seit Jahrzehnten als abschreckendes Beispiel im Unterricht gezeigt.

W&W am Platzspitz

Doch tragische Schicksale wie jenes von Christiane waren zu dieser Zeit nicht nur in Berlin zu finden. Auch im Ländle und in der benachbarten Schweiz gab es bis in die 1990er hinein eine große, grenz­überschreitende Drogenszene. Einer der berüchtigtsten Umschlagplätze war dabei der Zürcher Platzspitz. WANN & WO-Produktionsleiter Willi Gebhard war im November 1991 für eine Reportage vor Ort. Er erinnert sich: „Ende der 80er und Anfang der 90er wurde die Drogenszene auf den Platzspitz toleriert. Immer mehr Süchtige hielten sich im Park auf, zeitweise waren es mehrere tausend Personen pro Tag. Die Süchtigen kamen aus der ganzen Schweiz, aber auch aus Vorarlberg. Viele lebten permanent auf dem Platzspitz. Unsere Reportage zeigte damals ein Bild von wandelnden Leichen im ,Needle-Park‘.“

Situation heute

Im Jahr 1992 reagierten die Schweizer Behörden, der Platzspitz wurde geschlossen, drei Jahre später wurden die Süchtigen auch vom Bahnhof „Letten“, ebenfalls in Zürich, vertrieben. Seither hat sich vieles verändert – sowohl in der Schweiz, als auch im Ländle. Drogenpolitik sowie Hilfsangebote wurden stetig angepasst und weiterentwickelt, die Umschlagplätze von der Polizei stillgelegt. Was allerdings nicht bedeutet, dass dadurch weniger kon­­­­­­­­­­sum­­­­iert wird. Ganz im Gegenteil. „Die Suchtmittelmengen und der Konsum sind in den letzten Jahren sogar gestiegen. Was mitunter auch den offenen Grenzen geschuldet ist“, teilt die Landespolizeidirektion  Vorarlberg auf WANN & WO-Anfrage mit. Weiters informiert die Exekutive: „Offene Drogenumschlagplätze gibt es in dieser Art in Vorarlberg nicht mehr. Im Umfeld von Bahnhöfen und Seeanlagen trifft sich das Klientel aber nach wie vor. Ein Teil des Kaufes hat sich natürlich auch in das ,Darknet‘ verlagert. Je nach Drogenart kann es zudem sein, dass der Kleinverkauf in diversen Lokalen stattfindet.“ Die Qualität des „Stoffs“ hat zudem immer weiter zugenommen: „Anhand der Sicherstellungen registrieren wir eine höhere Qualität vor allem bei Kokain, Heroin und MDMA. Aber auch bei Cannabis – der im Ländle sicher am häufigsten konsumierten Droge – zeigt sich, dass die durchschnittliche Qualität gestiegen ist.“

Stimmen

"45 Tote im Ländle in kürzester Zeit"

Bernhard Amann, Ex & Hopp: „Es war hüben wie drüben eine katastrophale und tragische Situation. Aufgrund der großen Anzahl betroffener Menschen entschied sich die Schweiz für eine pragmatische und menschenwürdige Lösung. Unter anderem wurde die kontrollierte Heroinabgabe installiert. Auch hier gab es eine offene Szene, etwa im Rösslepark in Feldkirch, die in regem Austausch mit Zürich oder St. Gallen stand. Heroin war zweifellos am gefragtesten. In Vorarl­berg war in den 1980er-Jahren ein stetiger Anstieg der Konsumenten festzustellen, was seinen tragischen Höhepunkt im Frühjahr 1990 fand: In kürzester Zeit starben damals 45 junge Menschen an Überdosierungen. Aufgrund des steigenden Drucks wurde im Herbst 1990 das Ex & Hopp als erste niedrigschwellinge Einrichtung Österreichs in Betrieb genommen, gefolgt vom Hiob (heute Caritas Café) und dem Do It Yourself in Bludenz. Zudem begann das Substitutionsprogramm Anfang der 90er-Jahre.“

„Die Verelendung der Szene war groß“

Wolfgang ­Grabher, ­Clean: „Ende der 80er und Anfang der 90er-Jahre war Vorarlberg, auch durch die Nähe zu den offenen Drogen-Szenen in Zürich (Platzspitz), Basel (Kocherpark) und St. Gallen (Bienehüsli) mit einer starken Heroinwelle konfrontiert. In Feldkirch etablierte sich eine offene Szene vor allem rund um den Bahnhof. Aids, Prostitution und Beschaffugskriminalität standen an der Tagesordnung. Die Verelendung der Szene war groß und nicht zuletzt der repressiven Drogenpolitik geschuldet, die Suchtkrankheit auf kriminelles Verhalten reduzierte. Erst als sich zeigte, dass starker Verfolgungsdruck alleine keine Lösung brachte und es im Jahr 1990 eine Phase von gehäuften Herointoten gab, wurden Hilfseinrichtungen ausgebaut und auch neu geschaffen. Durch „Therapie statt Strafe“ im Suchtgiftgesetz und ab 1998 auf Grundlage des neuen Suchtmittelgesetzes fand eine – bis heute bestehende – Differenzierung und massive Erweiterung der ambulanten Drogen- und Suchthilfeangebote (behördliche bzw. gerichtliche Weisungen) statt.“

„Eines der modernsten Drogenkonzepte“

Primar Dr. Philipp Kloimstein, Maria Ebene: „Anhand der Situation am Zürcher Platzspitz ist es in der Schweiz damals gelungen, eines der modernsten Drogenkonzepte zu etabliereen, das auch noch einiges an Entwicklungspotenzial für Vorarlberg bzw. Österreich generell zeigen würde.“

"Wir Kinder vom Bahnhof Zoo": Neue Serie auf Amazon Prime Video

Die Geschichte von Christian F. prägte eine ganze Generation. Amazon hat den Weltbestseller von 1978 nun als moderne Coming-of-Age-Geschichte neu interpretiert. In acht Episoden folgt die Serie (läuft seit Freitag) sechs Jugendlichen, darunter Christiane (gespielt von der österreichisch-australischen Darstellerin Jana McKinnon/Bild) die kompromisslos für ihren Traum von Glück und Freiheit kämpfen und dabei alle Probleme mit Eltern, Lehrern und anderen Spießern hinter sich lassen wollen – und immer tiefer in den Drogensumpf Berlins eintauchen.

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(Red.)

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