"Es ist ein innerer Zwang für mich"

Daniela "Dee" Kohler hat im Müllsammeln eine Bestimmung gefunden.
Daniela "Dee" Kohler hat im Müllsammeln eine Bestimmung gefunden. ©Sams
Daniela "Dee" ­Kohler ist Filmemacherin, Surferin und ­leidenschaftliche Müllsammlerin – weltweit. Warum sie das macht und wie es zu ihrer Bestimmung wurde, verrät sie im Talk mit WANN & WO.     

WANN & WO: Daniela, du hast ein nicht ganz alltägliches Hobby: Du sammelst Müll in der Natur auf. Wie kam es zu deinem Engagement?

Daniela Kohler: Meine Hobbys wurden in den vergangenen Jahren immer mehr zu meiner „Purpose“, meinem Zweck und meiner Bestimmung auf dieser Welt. Ich habe eines Tages einfach gewusst: Das machst du jetzt. Und ich spüre, es ist das Richtige für mich. Ich mache es mit voller Leidenschaft.

WANN & WO: Gab es dazu einen bestimmten Auslöser?

Daniela Kohler: Ich bin auf den Philippinen geboren und habe das Land 2015 im Rahmen von Dreharbeiten für meinen Film „Paddle to Purpose“ besucht. Es gibt dort auf einem Berg ein abgelegenes Dorf, in dem eine alte Frau lebt, die traditionell tätowiert. Dort wurde auch noch sehr ursprünglich gelebt – das änderte sich allerdings mit dem Tourismus. Ich habe gesehen, wie Touristen den Kindern Schokolade und andere Süßigkeiten mitbrachten. Gut gemeint, als Geschenk. Doch die Kinder kannten davor nur Bananen, Reis und Fisch. Sie haben sich über die Süßigkeiten natürlich sehr gefreut, die Verpackungen haben sie allerdings einfach auf den Boden geworfen. Sie wussten es nicht besser.

WANN & WO: Wie hast du reagiert?

Daniela Kohler: Ich dachte mir: Das ist wahrscheinlich der letzte Fleck auf dieser Erde, auf dem noch auf diese Art gelebt wird – und nun bringt die Zivilisation hier diesen Scheiß rein. Das hat mich so geärgert, dass ich einfach angefangen habe, den Müll aufzusammeln. Ich bin dann zweimal täglich den Berg hoch und runter und habe den Abfall mitgenommen. Am Anfang haben mich die Kids noch verarscht. Sie haben nicht verstanden, was ich da tu. Aber nach dem zweiten, dritten Tag haben sie es langsam gecheckt und mitgemacht. Und schließlich haben sie damit begonnen, die Verpackungen in Mülltonnen zu werfen. Da habe ich gesehen, was in wenigen Tagen erreichbar ist. Wie schnell man ein Bewusstsein herbeiführen kann. Und das war für mich dann der ausschlaggebende  Grund, dran zu bleiben.

WANN & WO: Philippinen, Portugal, Malaysia, Brasilien ... du bist überall zuhause – und beseitigst auch überall den Müll. Räumt Daniela Kohler quasi die Welt auf?

Daniela Kohler: (lacht) Naja, die ganze Welt wird eher schwierig – das ist schon sehr viel Müll. Aber ich tu, was ich kann. Es ist auch schon ein richtiger innerer Zwang. Es ist ein großer Schritt getan, wenn die Menschen erkennen, dass sie einerseits Teil des Problems sind, andererseits aber auch Teil der Lösung sein können. Das ist auch eine wichtige Botschaft bei unseren Kids Camps bei „Paddle4“. Da müssen die Kinder jeden Tag Müll am See sammeln. Das gehört zur Surfer-Attitüde einfach dazu. Mutter Natur ermöglicht es mir, zu surfen und Spaß zu haben – und deshalb gebe ich ihr etwas zurück! So entsteht ein schöner Kreislauf.

WANN & WO: Du warst am vergangenen Wochenende beim WANN & WO-Clean-up dabei und organisierst auch selbst immer wieder Aufräumaktionen. Welche Aktion steht als nächstes auf dem Programm?

Daniela Kohler: Initiativen wie den WANN & WO-Clean-up oder die Müllpiraten finde ich toll. Es ist schön zu sehen, wenn die Leute sich zusammenschließen und sich gemeinsam für eine saubere Natur stark machen. Wir waren an diesem Wochenende ebenfalls wieder unterwegs und haben Müll gesammelt. Das Wetter spielt für uns dabei keine Rolle – als Surfer wird man sowieso nass. Wir arbeiten gerade mit der Stadt Bregenz an der Kampagne #bregenzbeachcleanup. Am 28. August veranstalten wir dann die nächste Aufräumaktion. Bis dahin soll unter dem genannten Hashtag alles gesammelt werden, was in Bregenz mit Müll zu tun hat. Fotos von Abfallsammlungen, Videos, etc. Wir haben auch noch weitere Projekte in diesem Zusammenhang, die ich hier aber nicht verraten möchte. Das soll noch eine Überraschung bleiben.

WANN & WO: Abschließend: Du hast 2019 den Film „Paddle to Purpose“ veröffentlicht – eine von insgesamt drei Dokus. Wann erscheint der Nachfolger?

Daniela Kohler: Die Präsentation soll im März 2022 in Bregenz stattfinden, so das Ziel. Coronabedingt musste ich inhaltlich einiges umplanen. Ich freue mich aber schon sehr auf den Release des zweiten Teils.

Kurz gefragt

Von all dem Müll, den du bereits aus dem Wasser gefischt hast – was hat dich am meisten schockiert?
Eine Spritze. Da frage ich mich, was die im Wasser zu suchen hat? Ich habe die auch nicht gefunden, sie ist an meinem Stand-up-Paddle vorbeigeschwommen. In Portugal oder auf den Philippinen habe ich noch nie eine Spritze gefunden – am Bodensee, und speziell in Bregenz, aber schon einige.

Du reist sehr viel: Welches Land hat es dir ganz besonders angetan?
Portugal, genauer gesagt: Ericeira. An diesen Ort habe ich mein Herz verloren. Im kommenden September ziehe ich nun auch dorthin.

Dein Lebensmotto?
„Grow with the Flow.“

„Paddle to Purpose“ – Filmscreening am 14. August in Bregenz

Im Sommer 2019 veröffentlichte Daniela „Paddle to Purpose“, den ersten von insgesamt drei Dokumentarfilmen. Die Kamera folgt der Bregenzerin dabei von Vorarlberg über Zürich und Portugal bis auf die Philippinen, wo sie ihren familiären Wurzeln nachgeht. Immer mit dabei: ihr Surfbrett. Die Dokumentation ist kostenlos auf www.paddletopurpose.com abrufbar. Wer möchte, kann die Filmemacherin mit einer Spende unterstützen. Der Film wird zudem am 14. August im DWDS Bregenz (Pipeline Shop) im Rahmen eines Screenings inklusive Live-Musik vorgeführt. 

Zur Person

Daniela „Dee“ Kohler

  • Alter, Wohnort: 36 Jahre, Bregenz
  • Ausbildung: Studium Filmproduktion University of Roehampton, London
  • Beruf: ehemals Marketing Surfmax Hard, Surfverleih und -schule „Paddle4“ in Fußach, Creative Consultant Film- und Medienproduktion Tontheater, Organisatorin zahlreicher (Beach-)Clean-up-Aktionen; Instagram: @wastefree_dee

(WANN & WO)

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