Elke Heidenreich: "Nur Kunst besiegt Tod"

Erstmals seit 2004 hat das Land Salzburg für die Eröffnung der Salzburger Festspiele wieder eine offizielle Festspiel-Rede eingeplant.

Elke Heidenreich, Autorin, Kritikerin und Talkmasterin aus Deutschland, hat sie gehalten und heute, Samstag, Vormittag, im Rahmen der Eröffnungszeremonie ein 20-minütiges Plädoyer für die Kunst selbst gehalten. Zugleich hat Heidenreich der Liebe als im Festspielmotto beschworenen Gegenspieler des Todes eine Absage erteilt.

“Der Tod mag stark sein, aber genauso stark wie er ist die alles umfassende Liebe. Ich bin da skeptisch”, so Heidereich am Anfang ihrer mit dem Festspielmotto “Denn stark wie die Liebe ist der Tod” übertitelten Rede. Und weiter: “… an den Türen des Todes muss alle irdische Liebe enden, wir schreiten durch ein Tor, durch das noch niemand zurückgekommen ist, da mag die Liebe noch so mit Tränen und Fäusten dagegenhämmern.”

Heidenreich verwies auf die Dramatik der unglücklichen Liebe in Literatur und Oper und bezeichnete die glückliche Liebe als sterbenslangweilig. “Wir überfordern die Liebe. Es mangelt nicht an Liebe in der Welt, es mangelt eher an erträglichen Erwartungen in die Liebe. Die Liebe ist letztlich ein biochemischer Prozess, ich sage Ihnen gern die Formel für die Substanz, die das Liebessyndrom im Gehirn auslöst, sie lautet: C6H5 (NH2) CH3.”

Als Lösung brachte Heidenreich die Kunst ins Spiel. Nur sie könne die Machtlosigkeit des Irdischen gegenüber dem Tod relativieren. “Kunst ist die einzige Luft, die wir atmen können in unserm Lebenskäfig, in den wir eingeschlossen sind, bis der Tod sanft oder unsanft den Käfig endgültig zumauert. Die Kunst ist ein rettendes Geländer. Die Poesie, die Musik rufen etwas in uns hervor, das uns verändert. Wir müssen das nur zulassen”, sagte die Festspielrednerin und zitierte Paul Klee: “Kunst macht sichtbar. Kunst ist das Herunterreißen der Masken. Hinter der Maske sitzt unsere Seele.”

Um ihre These von der Kunst als Überlebens-Notwendigkeit abzusichern, berief sich Heidenreich auch im weitern Verlauf ihrer ausgesprochen emotionalen Rede nur auf Künstler selbst und lies Zitate folgen. Als erstes Andrea Breth: “Ich empfinde die Welt als einen täglich zunehmenden Verlust an Menschlichkeit, an Geistigkeit, an Sprache, verantwortungslos, mit wachsender Vereinsamung, immer größerer Kluft zwischen Arm und Reich, erfüllt von Wurstigkeiten”, oder Gustav Mahler: “Was man musiziert ist doch der ganze fühlende, denkende, atmende, leidende Mensch.” Auch der Hollywood-Klassiker “Pretty Woman” oder Martin Walsers aktueller Roman “Der liebende Mann” mussten herhalten, und Heidenreich wusste auch, was der gute Künstler tut: “Der Künstler erzählt von etwas Höherem, er besingt nicht das persönliche Schicksal, sondern das Leben selbst.”

Auch Gesellschaftskritik – wenn auch milde – fehlte nicht in der Rede der deutschen Autorin und Kritikerin. “Wir müssen wieder lernen, Stille zuzulassen, um für die Musik in uns einen Raum zu schaffen, in dem sie wirken und uns erreichen kann. Ohne Musik ist das Leben ein Irrtum, (Zitat: Friedrich Nietzsche), ja, aber mit zu viel Musik, die aus jedem Auto an der Ampel dröhnt und jede Werbung für jedes Produkt untermalt, ist es die Hölle.”

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