AA

Einsamkeit: 118.000 Wiener Senioren sind Single

Die Coronakrise lässt die Einsamkeit unter Senioren stärker werden.
Die Coronakrise lässt die Einsamkeit unter Senioren stärker werden. ©APA/dpa/Armin Weigel
Drei von zehn Alleinlebenden in Wien sind 65 oder älter und durch die Coronakrise voneinander abgeschnitten. Unterhaltungsmöglichkeiten sind in Wien heuer nur eingeschränkt möglich.

Allein in Wien leben 118.000 alleinstehende Senioren, österreichweit ist es mehr als eine halbe Million. Wegen der Corona-Pandemie kann das vor Weihnachten übliche Sozialangebot heuer nur eingeschränkt stattfinden. Die Caritas drängt daher auf den vom Kanzler schon im Sommer angekündigten "Pakt gegen Einsamkeit" und einen eigenen Regierungsbeauftragten. Einsamkeit ist aber nur ein Grund für die Zunahme psychischer Probleme in der Pandemie. Und betroffen sind nicht nur Ältere.

Österreichweit zählt die Statistik Austria fast 1,5 Millionen "Einpersonenhaushalte", das entspricht etwa einem Sechstel der Bevölkerung (17 Prozent) und mehr als einem Drittel aller Haushalte (38 Prozent). Deutlich mehr sind es in Wien: hier machen die Einzelhaushalte 44 Prozent (bzw. 21 Prozent der Bevölkerung) aus. Somit lebt fast hinter jeder zweiten Wohnungstüre in der Hauptstadt ein Single. Drei von zehn Alleinlebenden (118.000 oder 29 Prozent) sind 65 Jahre oder älter.

Viele Senioren in der Per-Albin-Hansson-Siedlung

Besonders hoch ist der Anteil der alleinlebenden Senioren in der Per-Albin-Hansson-Siedlung in Favoriten, wie die APA/OGM-"Grätzlanalyse" auf Ebene der Wiener Stadtviertel zeigt. Hier lebt in fast jeder vierten Wohnung ein Single ab 65. "Wie in vielen Großwohnsiedlungen der Nachkriegszeit sind auch dort beim Erstbezug vorwiegend jüngere Personen eingezogen, die heute im Pensionsalter sind und von denen viele schon ihren Lebenspartner verloren haben", erklärt Johannes Klotz von OGM. Auch das Arsenal, Neukagran und Kaisermühlen liegen mit 17 bis 20 Prozent über dem Wiener Durchschnitt.

Vergleichsweise wenige Single-Senioren gibt es dagegen in Neubaugebieten wie der Seestadt und dem Sonnwendviertel (zwei bis drei Prozent). Hoch ist der Anteil der allein lebenden Senioren aber in den eher bürgerlich geprägten Stadtvierteln im Westen Wiens, etwa Speising (20 Prozent der Haushalte) sowie Neuwaldeg und Sievering (19 Prozent). Klotz erklärt das auch mit der höheren Lebenserwartung in diesen vergleichsweise wohlhabenden Stadtteilen. Ihre höhere Lebenserwartung ist, gemeinsam mit dem niedrigeren Alter der Frauen bei der Hochzeit, auch der Grund, weshalb sieben von zehn alleinstehenden Senioren in Wien Frauen sind.

Hilfsorganisationen und Psychologen beobachten schon seit Ausbruch der Pandemie eine deutliche Zunahme der Einsamkeit. Die Caritas startete deshalb im April ein "Plaudernetz", bei dem Freiwillige aus ganz Österreich als Gesprächspartner zur Verfügung stehen. Rund 8.000 Anrufe wurden bisher vermittelt. Die Seniorenklubs und Pensionistenwohnhäuser der Gemeinde Wien vermitteln (neben Einkaufshilfe und Begleitung zum Arzt) auch persönliche Gesprächspartner. Sie stehen auch an den Weihnachtstagen bereit. Der Plausch in der Wohnung ist heuer jedoch untersagt. Gespräche dürfen nur draußen stattfinden - mit Mund-Nasen-Schutz.

"Pakt gegen Einsamkeit" beschlossen

Bereits im Sommer hat die Regierung außerdem einen "Pakt gegen Einsamkeit" in Aussicht gestellt. Nach der Ankündigung durch Kanzler Sebastian Kurz (ÖVP) im August und einem "Runden Tisch" im Kanzleramt im September sei allerdings nichts geschehen, kritisiert Caritas-Präsident Michael Landau. Er plädiert für einen eigenen Regierungsbeauftragten für das Thema. Denn Einsamkeit sei zu einer "Zivilisationskrankheit" geworden, "die durch die Pandemie noch einmal deutlich verschärft worden ist". Und zwar nicht nur für die ältere Generation.

"Einsamkeit ist ein Faktor, der mit der höheren psychischen Belastung korreliert", bestätigt auch Christoph Pieh von der Donau Uni Krems. Laut mehreren vom Professor für Psychosomatische Medizin und Gesundheitsforschung durchgeführten Befragungen haben Depressionen, Ängste und Schlafstörungen in der Pandemie massiv zugenommen. Er hält Einsamkeit aber nur für eine von mehreren und möglicherweise nicht die hauptsächliche Erklärung. Infrage kommen auch die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie: Zukunftsängste und Jobverlust. Zumal der Anstieg bei den unter 35-Jährigen besonders stark ausgefallen ist. Welche Faktoren besonders belastend wirken, will Pieh nun mit einer vierten Befragungswelle ergründen. Die Studie startet kurz vor Weihnachten.

Zoomen statt Singen beim Feiertagsangebot für Senioren

In Wien können ältere Menschen üblicherweise auf ein reichhaltiges Angebot zurückgreifen, um die Weihnachtsfeiertage nicht alleine verbringen zu müssen. Doch in Zeiten der Corona-Pandemie sind soziale Kontakte nur eingeschränkt möglich. Kaffeekränzchen oder Seniorenrunden fallen großteils aus. Betreuung und Unterhaltung wird somit vor allem via Telefon und Internet geboten. Dort, wo die Treffen analog stattfinden, sind die Sicherheitsvorkehrungen streng.

Besuche werden etwa im Rahmen der Aktion "Von Mensch zu Mensch" des Pensionistenklubs bzw. des Kuratoriums der Wiener Pensionistenwohnhäuser (KWP) offeriert. Senioren können dort um Unterstützung bei den Einkäufen bitten, aber auch eine Begleitung zum Arzt ist möglich. Wenn nur jemand zum Plaudern oder Spazierengehen gesucht wird, kann man sich ebenfalls an die ehrenamtlichen Mitarbeiter der Aktion wenden, wie im Büro von Sozialstadtrat Peter Hacker (SPÖ) betont wird. Sie halten sich auch am 24. oder 25. Dezember bereit.

Der Plausch in der Wohnung ist heuer jedoch untersagt. Die Gespräche finden vor der Haustüre statt, das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes ist dabei obligatorisch. Weniger Aufwand ist für den Besuch des KWP-Weihnachtsevents am 24. Dezember nötig. Die Veranstaltung mit Alfons Haider ist als Online-Show konzipiert. Zudem ist die Klub-Hotline während der Feiertage unter der Wiener Telefonnummer 31399170112 erreichbar. Bewegungsprogramm wird ebenfalls täglich angeboten - via Onlineplattform Zoom.

Tageszentren des Fonds Soziales Wien sind geöffnet

Auch die Tageszentren des Fonds Soziales Wien sind geöffnet. Allerdings gelten dort ebenfalls umfangreiche Sicherheitskonzepte. So wurde etwa die Anzahl der Besucherinnen und Besucher beschränkt. Aktivitäten wie Tanz und Gesang werden derzeit dort nicht angeboten. Die Gäste erhalten aber zumindest Bastel-Kits für die Weihnachtszeit, die etwa mit Ausmalbildern bestückt sind.

Weitere Tipps hat Wien auch auf der Website https://www.senior-in-wien.at/ gesammelt. Wer aufgrund der Pandemie unter Ängsten leidet, kann sich außerdem an die Sorgenhotline des Psychosozialen Dienstes wenden. Sie ist täglich von 8.00 bis 20.00 unter der Wiener Nummer 4000-53000 erreichbar.

Soziale Kontakte einschränken und zu Hause bleiben sei eine Herausforderung, gerade in der Weihnachtszeit, sagte Susanne Herbek, die Seniorenbeauftragte der Stadt Wien. Den Betroffenen riet sie trotzdem: "Bleiben sie vorsichtig und geben sie gut auf sich und ihre Angehörigen Acht. Wien bietet zahlreiche Möglichkeiten, auch mit Abstand und in einer sicheren Umgebung abwechslungsreiche Feiertage zu erleben."

Die Caritas der Erzdiözese Wien hat ebenfalls eine Reihe von Initiativen gestartet, um in der heuer besonders schwierigen Situation ein Angebot bereitzustellen. Verwiesen wird etwa auf die Initiative Plaudernetz, die noch unter dem Eindruck des ersten Lockdowns gemeinsam mit Partnern ins Leben gerufen wurde. Ziel war und ist es laut Caritas, Menschen, die niemanden zum Reden haben, mit jenen in Verbindung zu bringen, die Zeit zum Plaudern haben. Tausende Freiwillige aus ganz Österreich haben sich in den vergangenen Monaten bereits als Gesprächspartner registriert. Erreichbar ist das Netz zum Plaudern auch am Heiligen Abend und über die Feiertage. Seit Projektstart gab es mehr als 8.000 Anrufe.

Caritas: Einsamkeit nimmt zu

"Die Caritas beobachtet schon lange: Einsamkeit nimmt zu. Sie ist keine Frage des Alters. Und Einsamkeit macht krank. Durch die Corona-Krise wurde das Problem noch einmal deutlich verschärft", warnte der Geschäftsführende Caritasdirektor der Erzdiözese Wien, Klaus Schwertner, gegenüber der APA.

Die pfarrlichen Wärmestuben bieten auch heuer einen Platz zum Ausruhen, wobei zudem Getränke und Mahlzeiten ausgeteilt werden. Seit 1. Dezember haben insgesamt 27 dieser Einrichtungen in Wien wieder ihre Türen geöffnet. Die Corona-Situation führt jedoch dazu, dass die Hygienestandards verstärkt wurden. Das Angebot, so betont man, richtet sich nicht nur an armutsbetroffene Menschen, sondern auch an Personen, die einsam sind. Details dazu sind unter https://www.caritas-wien.at/waermestuben/ zu finden. Kaffee und ein Menü gibt es am 24. Dezember auch bei den Jesuiten am Ignaz-Seipel-Platz.

(APA/red)

  • VIENNA.AT
  • Wien
  • Einsamkeit: 118.000 Wiener Senioren sind Single
  • Kommentare
    Kommentare
    Grund der Meldung
    • Werbung
    • Verstoß gegen Nutzungsbedingungen
    • Persönliche Daten veröffentlicht
    Noch 1000 Zeichen