Drive My Car - Kritik und Trailer zum Film

Der einst erfolgreiche Regisseur Yusuke Kafuku nimmt zwei Jahre nach dem Tod seiner geliebten Frau Oto das Angebot einer Inszenierung von Tschechows "Onkel Wanja" an. Vor Ort wird ihm die schüchterne Misaki Watara als Fahrerin zugeteilt. Eine besondere Beziehung der beiden entsteht, die sich bei den gemeinsamen Autofahrten Stück für Stück ihrer Vergangenheit stellen, wobei diese mit dem Stück, Erinnerungen und der Hoffnung auf die Zukunft verschmilzt. Dafür wurde Regisseur Ryusuke Hamaguchi in Cannes heuer mit dem Drehbuchpreis geehrt.

"Geduldig werden wir die Lasten, die uns das Schicksal auferlegt, ertragen", heißt es in Anton Tschechows "Onkel Wanja", dem literarischen Unterbauch von Ryūsuke Hamaguchis schöner Filmadaption von Haruki Murakamis "Drive My Car". Es ist die Geschichte eines Mannes, der in der Gesellschaft der jungen Frau, die sein Auto fährt, Trost findet. Am Tag vor dem Heiligen Abend, am Freitag, kommt das berührende Werk nun in die heimischen Kinos.

Drive My Car - Kurzinhalt zum Film

Vielleicht ist es töricht, an einem Auto zu hängen. Vielleicht aber auch nicht, wenn man damit geliebte Erinnerungen verbindet. Der Bühnenschauspieler und Regisseur Yūsuke Kafuku (Hidetoshi Nishijima) hängt an seinem roten Saab 900, einer alten, eckigen Kiste, die inmitten der Winterlandschaften von Japan wie ein roter Fleck von Wassily Kandinsky im Kino aussieht. Seine Ehefrau Oto (Reika Kirishima) nimmt die Zeilen seines nächsten Stücks "Onkel Wanja" von Anton Tschechow auf Kassette auf, damit er sich den Text später auf seinen langen Fahrten zur Arbeit anhören, seine Zeilen lernen und seinen roten Kokon mit ihrer Stimme füllen kann.

Oto liebt ihn. Und trotzdem, sie geht fremd, während Yūsuke so tut, als wüsste er es nicht. Er will sie nicht verlieren. An dem Tag, an dem sie ihm scheinbar alles beichten möchte, fällt Oto tot um und nimmt die Frage nach ihren wahren Gefühlen mit ins Grab. Dann, erst nach 40 Minuten, rollt der Vorspann.

Das erste Kapitel ist fast wie ein eigener, wunderschöner in sich geschlossener Film des japanisches Regisseurs Ryūsuke Hamaguchi, der sich von einer Kurzgeschichte aus Haruki Murakamis Sammlung "Von Männern, die keine Frauen haben" inspirieren hat lassen, um ein nachdenkliches, dreistündiges Opus mit mehreren faszinierenden Wendungen zu drehen. Es ist ein anmutiger Filmroman über gemeinsame Einsamkeit, die Hätte-sein-könnens im Leben, und die Notwendigkeit des Weitermachens.

Zwei Jahre nach der Tragödie fährt Yūsuke in seinem geliebten Saab von Tokio nach Hiroshima, eine Stadt, die immer noch ein nukleares Trauma verarbeitet. Er soll Regie bei einer mehrsprachigen Produktion von "Onkel Wanja" führen, die letzte Kassette, die Oto für ihn gemacht hat. Doch dort angekommen, muss er seine Arbeitsroutine hinterm Steuer aufgeben. Jetzt bekommt er eine junge, schweigsame Fahrerin namens Misaki (Toko Miura) zugeteilt, weil er aus Versicherungsgründen nicht selber fahren darf.

Die Situation gibt dem Film natürlich seinen Titel, und während sie mehr Zeit miteinander verbringen, nähern sich Yūsuke und Misaki langsam einander an und verwandeln das Auto in eine Art fahrenden Beichtstuhl. Sie hat nichts dagegen, dass er jede Autofahrt dazu nutzt, um die Zeilen aus dem Stück zu durchlaufen und zu einer Aufnahme seiner verstorbenen Frau zu üben. Sie hat ihre ganz eigenen Traumata.

Drive My Car - Die Kritik

Offene Parallelen zwischen Hamaguchis Verfilmung (die beim heurigen Festival in Cannes mit dem Preis für das beste Drehbuch ausgezeichnet wurde) und Anton Tschechows Stück über verpasste Chancen im Leben, sind natürlich kein Zufall. Bei Murakami war es eine Randnote. Aber Hamaguchi macht es zum Herzen des Ganzen.

Der ausgesprochen arbeitswütige Regisseur und Drehbuchautor, der bereits Anfang diesen Jahres das ausgezeichnete Triptychon "Gūzen to sōzō" uraufgeführt hat, das ebenfalls bei der Viennale zu sehen ist, wiederholt einige der gleichen Motive, die in seinem vorherigem "Asako I & II" (2018) zu sehen waren. Etwa die Frage danach, wie man heilen kann. In dem Beziehungsdrama versuchte die titelgebende Heldin ihre Trauer zu bewältigen, indem sie einen Mann heiratet, der wie der Doppelgänger ihres vorherigen Mannes aussieht.

Ersetzen kann man wohl niemanden, aber die letzte Szene in "Drive My Car" lädt zu der Idee ein, dass das Leben irgendwie weiter geht. In einem der schönsten Kinomomente diesen Jahres gibt eine stumme Frau (Yoo-rim Park) eine wunderbaren Aufführung der letzten Zeilen von "Onkel Wanja" in koreanischer Gebärdensprache wider. "Was soll man schon tun - man muss leben!"

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(APA/Red)

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