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Dinev-Uraufführung am Volkstheater

©© APA
Ein aus Bulgarien stammender Bauarbeiter ist bei einem Arbeitsunfall ums Leben gekommen und wird zu Hause aufgebahrt. Seine Witwe hat seine Freunde und Arbeitskollegen zur Totenwache gebeten und eine Klagefrau bezahlt, um der Tradition entsprechend Abschied zu nehmen.

Das Totengedenken wird zu einem dionysischen Fest des Lebens, voll Melancholie und Heiterkeit. Diese schöne Grundidee hat der 1990 von Bulgarien nach Österreich emigrierte Dimitre Dinev vor drei Jahren in seiner gerade ein Dutzend Seiten umfassenden Erzählung “Die Totenwache” verarbeitet. Im Auftrag des Wiener Volkstheaters hat er nun daraus ein Stück gemacht. Gestern, Sonntag, Abend wurde “Eine heikle Sache, die Seele” unter großem Jubel uraufgeführt.

Dem Beifall für den Auftrag an Dinev, der mit “Engelszungen” einen wunderbaren Roman geschrieben und sich eine bewundernswerte Karriere als deutsch schreibender Autor aufgebaut hat, möchte man sich gerne anschließen. Auch die Absicht, ein Thema des multikulturellen Migrantenlebens auf die Bühne zu bringen, ist begrüßenswert. Leider macht es der fast zweistündige, pausenlose Abend nicht leicht, uneingeschränkt mitzujubeln. Denn nicht nur dank der von Alexander Müller-Elmau aus unerfindlichen Gründen steil angeschrägten Guckkastenbühne, sondern auch auf Grund fehlender dramatischer Entwicklung befindet sich die Aufführung in Schieflage. Es gibt von Regisseur Hans-Ulrich Becker nach Kräften genützte komische Situationen und immer wieder witzige Dialoge, doch keine Handlung und keine echten Lebensgeschichten der Figuren. Die Konflikte sind harmlos und konstruiert und stellen Dinevs lebensbejahendes, allseits konsensfähiges Konzept eines völkerverbindenden Humanismus der “kleinen Leute” nie in Frage.

Das ist schade, denn Dinev hat nicht nur die unterschiedlichsten Seiten des Lebens, vom realen Sozialismus und den Protesten gegen das Shivkov-Regime in Bulgarien bis zum Flüchtlingslager Traiskirchen und dem bestaunten Opernballgast des Kanzlers (Alfred Gusenbauer ließ sich die gestrige Premiere nicht entgehen), am eigenen Leib kennen gelernt, er ist auch ein ausgezeichneter Erzähler. Daher sind die Anekdoten, Witzchen und Geschichten, die der österreichische Vorarbeiter Josef (Johannes Seilern nahe einer “I am from Austria”-Karikatur), der Serbe Bora (stark als angeblicher früherer Hammerwerfer, dem die Frauen reihenweise zufliegen: Günter Franzmeier), der Rumäne Virgil (Kai Schumann bleibt als Beinahe-Intellektueller blass), der arbeitslose Bulgare Zeko (Marcello de Nardo als zwielichtige Gestalt mit ungewöhnlichen Träumen) und die ebenfalls aus Bulgarien stammende Klagefrau Sladka (Claudia Sabitzer brilliert mit einer Mischung aus lasziver Schnippigkeit und mütterlichem “Schatzi, Schatzi, Schatzi”-Trost für alle Sorgen) erzählen, auch die stärksten Passagen des Stückes.

Wo nichts weitergeht, muss Abwechslung von außen kommen: So werden drei Musiker hinzugeholt, die den Balkan-Sound im kleinen Finger haben, und eine ukrainische Stripperin, die die Männer spielend um den kleinen Finger wickelt. Der Munterste ist an diesem Abend (das hat Becker in seiner Inszenierung sehr schön herausgearbeitet), aber ausgerechnet Nikodim (Günther Wiederschwinger), der aufgebahrte tote Bauarbeiter, den ein Mörtelkübel am Kopf erwischte und der mit seinem feschen Schnurrbart noch immer zum Abküssen einlädt. Nicht nur scheint er, der seine Frau und seine Kollegen immer so vortrefflich zu unterhalten verstand, beim Gelage von sich aus mitzusingen und mitzuhalten, auch wird er von den Freunden selbstverständlich beim Feiern miteinbezogen. Nur blöd, dass er im Übermut des Mittanzens mit dem ihm von Frau und Freunden zugesteckten Geld um sich wirft. Das wäre das Fährgeld für Charon gewesen, nun wird Nikodim zum herumirrenden ewigen Migranten.

Bei diesem interessanten Projekt wäre noch mehr drinnen gewesen, aber nicht nur die Seele, auch das Bühnengewerbe ist eine heikle Sache. Das hat Dinev auch bei den Salzburger Festspielen erfahren, wo seine angekündigte “Schuld und Sühne”-Bearbeitung für Andrea Breth nun doch nicht aufgeführt wird. Dafür ist er, keine geringe Ehre, neben Nobelpreisträger Orhan Pamuk heuer dort “Dichter zu Gast”. Am 27. Juli liest Dinev in diesem Rahmen gemeinsam mit Walter Schmidinger im Landestheater aus “Eine heikle Sache, die Seele”.

“Eine heikle Sache, die Seele” von Dimitre Dinev, Uraufführung, Regie: Hans-Ulrich Becker, Bühne: Alexander Müller-Elmau, Kostüme: Gabriele Sterz, Mit Heike Kretschmer, Claudia Sabitzer, Katharina Vötter, Günter Franzmeier, Marcello de Nardo, Franz Xaver Schuch, Kai Schumann, Johannes Seilern, Günther Wiederschwinger, Musik: Alexandar Wladigeroff, Dimitar Karamitev, Martin Lubenov, Nächste Vorstellungen: 7., 9., 12., 15., 19., 24., 25. und 29. Mai, Karten: 01 / 52111-400, http://www.volkstheater.at

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