Diese neuen Covid-Medikamente kommen in Österreich zum Einsatz

Neue Covid-19-Medikamente auch in Österreich im Anrollen.
Neue Covid-19-Medikamente auch in Österreich im Anrollen. ©pixabay.com (Symbolbild)
In absehbarer Zeit wird es auch in Österreich die ersten Medikamente in Tablettenform gegen Covid-19 geben. Doch die Verfügbarkeit wird zu Beginn extrem beschränkt, die Anwendung anhaltend an strikte Voraussetzungen gekoppelt sein.

Führende Experten erklärten jetzt bei einem Round-Table-Gespräch der Allgemeinmedizin-Initiative AM Plus in Wien: Es handelt sich um keine "Game-Changer". Die Covid-19-Impfung bleibe das Um und Auf der Bekämpfung der Pandemie.

Zuerst die Impfung - dann die Medikamente

"Das Wichtigste ist immer die Impfung. Danach kommt lange nichts, dann wieder nichts - und dann erst Medikamente", sagte der Wiener Infektiologe Florian Thalhammer (MedUni Wien/AKH). Christa Wirthumer-Hoche, Leiterin der AGES-Medizinmarktaufsicht, erklärte dazu im gleichen Sinn: "Alle diese Medikamente sind keine Game-Changer."

Einen Fortschritt stellten die neuen Arzneimittel trotzdem dar: Es handelt sich um das in Großbritannien bereits zugelassene und schon in nächster Zukunft auch in Österreich in sehr beschränktem Ausmaß in einem Spezialprogramm (Compassionate Use) zur Verfügung stehende Molnupiravir (Merck, Sharp und Dohme) sowie um die gerade in den USA in Notzulassung registrierte SARS-CoV-2-Proteasehemmer-Kombinationstherapie Nirmatrelvir/Ritonavir (Pfizer). Beide Therapien befinden sich bei der Europäischen Arzneimittelagentur EMA in Begutachtung. Im Gegensatz zu monoklonalen Antikörpern, die vor allem in Kliniken eingesetzt werden, sind sie für die Verwendung außerhalb von Krankenhäusern vorgesehen.

So wirken Molnupirarvir und Nirmatrelvir

Die Wirkungsmechanismen: Molnupiravir wirkt, indem es mit SARS-CoV-2-infizierten Zellen, die neue Partikel produzieren, falsche RNA-Bausteine unterjubelt und so zum Abbruch der Virusreplikation führt. Nirmatrelvir hemmt ein wichtiges SARS-CoV-2-Protease-Enzym. Das unterdrückt die Reifung und Infektiosität der Covid-19-Erreger. Die zusätzliche Substanz Ritonavir als zweiter Proteasehemmer soll den Abbau von Nirmatrelvir verzögern.

Der Vorteil: Bei beiden Arzneimitteln handelt es sich um synthetisch produzierbare Wirkstoffe. Sie werden zur oralen Einnahme zur Verfügung stehen. Diese erfolgt über fünf Tage hinweg.

Doch es gibt zahlreiche Einschränkungen: Die vor wenigen Tagen im New England Journal of Medicine publizierte Phase-III-Studie zu Wirksamkeit und Verträglichkeit von Molnupiravir zeigte eine 30-prozentige Reduktion der Häufigkeit von Spitalsaufnahmen und Todesfällen bei Covid-19-Patienten mit anfänglich mildem bis moderatem Krankheitsverlauf und zumindest einem Risikofaktor (Alter über 60, Adipositas, chronische Nierenerkrankung, Diabetes, Krebs etc.). Es zeigte sich ohne Zweifel ein signifikanter Effekt, doch "Wundermittel" ist Molnupiravir keines. Ein positiver Aspekt, wie Thalhammer darstellte: Nach drei Tagen war nur noch bei fünf Prozent der Behandelten eine Virusausscheidung gegeben, nach fünf Tagen bei keinem der Probanden. Nirmatrelvir/Ritonavir hat nach den bisher vorliegenden Daten die Potenz zu einer gar 89-prozentigen Risikoreduktion (schwerer Verlauf, Todesfälle).

Schwangere und Kinder kommen für diese Therapien nicht infrage. Es können auch schwere Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten auftreten.

Die wohl größte Einschränkung: Die Produktionsmengen werden bei beiden Arzneimitteln zu Beginn viel zu gering sein, um sie frei verschreibbar und verfügbar zu machen. Das bedeutet, dass in Österreich ein System zur Anwendung kommen wird, das bereits bei dem ehemals ebenso knappen Remdesvir bzw. anderen ersten Covid-19-Therapien benutzt wurde: In jedem Bundesland fungiert eine Spitalsapotheke als zentrale Covid-19-Apotheke (auch Single Point of Communication; SPOC). Je Bundesland wird der Bedarf an den Arzneimitteln erhoben, das hängt zum Beispiel auch von den regionalen Covid-19-Inzidenzraten ab. Die SPOC-Apotheke bestellt die notwendigen Mengen. Dann erfolgt von dort aus die Verteilung. Die Daten werden an die Medizinmarktaufsicht zurückgesendet, wo man die Aktivitäten beobachtet. Dadurch soll eine möglichst gerechte und sachkundige Anwendung sichergestellt werden.

Erste Medikamente ab 28. Dezember in Österreich

So sieht der Zeitplan für Molnupiravir in Österreich aus: Man rechnet damit, dass die ersten rund 12.000 Packungen etwa ab dem 28. Dezember in dem dargestellten System (Compassionate Use) verfügbar sein werden. Die einzelnen Bundesländer werden wohl - die Großstadt Wien ist anders strukturiert als "Flächenbundesländer" - die Abwicklung nach ihren regionalen Gegebenheiten organisieren müssen.

Da sich aber sowohl Molnupiravir als auch Nirmatrelvier/Ritonavir in Begutachtung der EMA befinden, ist nach den Vorbildern in Großbritannien (Molnupiravir) und den USA (Kombi-Therapie) in nächster Zukunft in der EU mit Zulassungen zu rechnen. Erst dann könnten die Covid-19-Medikamente zum Beispiel auch durch Hausärzte freier verschreibbar werden. Es bleibt allerdings die Einschränkung der mengenmäßigen Verfügbarkeit und der strikten Voraussetzung in der Auswahl dafür geeigneter Patienten. Die entsprechenden Regelungen für die Abwicklung müssen noch erstellt werden.

Die erste Voraussetzung: eine labormäßig dokumentierte akute SARS-CoV-Infektion. "Je früher die Arzneimittel dann eingenommen werden, desto besser", betonte Thalhammer. Ähnlich wie bei den spezifisch wirkenden Influenza-Medikamenten geht man am ehesten von einer Einnahme binnen am besten zwei bis drei Tagen nach Auftreten von Symptomen aus.

Erwin Rebhandl, Präsident von AM Plus, seit Jahrzehnten in Oberösterreich als Hausarzt tätig und mittlerweile Co-Betreiber eines Primärversorgungszentrums, fasste die Bedingungen so zusammen: "Wir brauchen einen positiven PCR-Test. Dann brauchen wir eine genaue Definition, wer zu den Risikopersonen gehört (Gefahr eines schweren Krankheitsverlaufes; Anm.). Wir müssen den Zeitfaktor berücksichtigen. Die Finanzierung muss geregelt sein - und wir brauchen die Medikamente in der Ordinationssoftware." Letzteres würde erst die einfache Überprüfung auf Wechselwirkungen zu einer sonst bestehenden Medikation schnell erlauben.

Österreich mit medikamentösen Therapien früh dran

Österreich ist bei den beiden medikamentösen Therapien im internationalen Vergleich wahrscheinlich recht früh dran. Molnupiravir ist beispielsweise bis vor einer Woche weltweit noch nirgends außerhalb von klinischen Studien angewendet worden, erklärte Christa Wirthumer-Hoche. Man sollte die Zeit jetzt nützen, um sich optimal auf dieser Herausforderungen vorzubereiten. Freilich, die Zeit für zusätzliche Erstimpfungen und die dritte Teilimpfung zu nützen, hat im Vergleich dazu überragende Priorität.

(APA/Red)

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