„Die Herbstsaison wird mit Sicherheit eine große Herausforderung werden“

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Im WANN & WO-Sonntags-Talk spricht Landessanitätsdirektor Dr. Wolfgang Grabher über das erste halbe Jahr der Coronakrise in Vorarlberg, einen kritischen Herbst/Winter und ­russische Impfstoffe.  

von Harald Küng/Wann & Wo

WANN & WO: Herr Dr. Grabher: Vorarlberg – aber auch der Rest der Welt – hat coronabedingt ein bewegtes erstes Halbjahr hinter sich. Waren Sie überrascht, wie sich die Virussituation entwickelt hat?

Dr. Wolfgang Grabher: Nein, diese Entwicklung war nicht wirklich überraschend. Nachdem diese Erkrankung über Tröpfchen von einem Menschen auf den anderen übertragen wird und keine Person gegen dieses Virus immun war, war damit zu rechnen, dass es zu einer weltweiten Pandemie kommt und diese durch Hygienemaßnahmen nur eingedämmt beziehungsweise verlangsamt werden kann. Eine Beendigung der Pandemie ist meiner Ansicht nach voraussichtlich erst durch die Entwicklung eines Impfstoffes oder eines Medikamentes gegen das Virus möglich.

WANN & WO: Wie haben Sie die Situation im Land erlebt? Hat das Zusammenspiel der verantwortlichen Stellen funktioniert?

Dr. Wolfgang Grabher: Am Anfang der Krise war es faszinierend zu sehen, wie innerhalb weniger Tage Ressourcen mobilisiert wurden, Krisenstäbe einberufen und ein Kooperationsnetz zwischen Krankenanstalten, Rotem Kreuz, 1450, niedergelassenen ÄrztInnen und dem Amt der Vorarlberger Landesregierung aufgebaut wurde.

WANN & WO: Mit dem Rückreiseverkehr nach der Urlaubszeit steigen die Zahlen in ganz Europa und somit auch im Ländle wieder stark an. Wie schätzen Sie die Lage aktuell ein?

Dr. Wolfgang Grabher: Die aktuelle Lage ist trotz leicht steigender Fallzahlen noch als stabil zu be­­­zeichnen. Wir liegen derzeit bei fünf bis fünfzehn Neuerkrankungen pro Tag, was umgerechnet auf die Gesamtbevölkerung von Vorarlberg als geringe Fallzahlen zu beurteilen sind. Besorgniserregend ist sicher, dass momentan rund  30 bis 50 Prozent der neu positiv getesteten Personen die Infektion nicht im Inland erworben haben, sondern diese aus dem Ausland importiert haben. Diese Personen sind somit natürlich auch wieder der Ausgangspunkt von Sekundärinfektionen für Personen, die sich bei ihnen anstecken. Man muss deshalb besonderes Augenmerk auf die Reiserückkehrer aus den Hochrisikogebieten legen.

WANN & WO: Der Herbst steht vor der Tür – und damit auch der Start der Grippesaison. Gehen Sie im Herbst von einer zweiten Covid-Welle aus? Und wenn ja, wie gut sehen Sie das Land dafür gerüstet – auch im Hinblick auf die parallel verlaufende Grippe-Situation?

Dr. Wolfgang Grabher: Die Herbst- und Wintersaison wird mit Sicherheit eine große Herausforderung werden, da sich die Grippesymptome kaum von den Covid­­­symp­tomen unterscheiden lassen. Es ergeht deshalb der Appell an alle Bürger und Bürgerinnen, sich im Herbst gegen Grippe impfen zu lassen, um dadurch die Anzahl der Covid-Verdachtsfälle niedrig zu halten. Mittlerweile sind im Land Strukturen aufgebaut, Teststraßen und  Laborkapazitäten vergrößert worden, sodass bei der zweiten Welle schneller gehandelt werden kann, wie dies am Anfang der Pandemie der Fall war.

WANN & WO: Sie haben eingangs bereits von einem Impfstoff gesprochen: Russland hat mitgeteilt, einen effektiven Impfstoff entwickelt und positiv getestet zu haben. In Kürze  will das Land mit einer Massenstudie starten. Was halten Sie davon? Und wie sehen Sie die Impfstoff-Thematik allgemein?

Dr. Wolfgang Grabher: Zum russischen Impfstoff liegen auch mir bislang nur jene Informationen vor, die über die Medien verbreitet werden. Sollte es aber tatsächlich stimmen, dass der Impfstoff nicht sämtliche Zulassungsschritte durchgemacht hat, die vor der Zulassung eines Medikamentes oder eines Impfstoffes gefordert werden, ist eine Verwendung meiner Meinung nach problematisch, wenn nicht sogar fahrlässig.

WANN & WO: Kaum wurden die Corona-Maßnahmen gelockert, schienen die Menschen den Respekt vor dem Virus wieder verloren zu haben. Abstände werden nicht mehr eingehalten, die Menschen versammeln sich in großen Gruppen, etc. Es scheint beinahe so, als wäre das neuartige Coronavirus bereits erfolgreich bekämpft. Wie sehen Sie dieses Thema und wie könnte die Bevölkerung weiterhin sensibilisiert werden, um einen möglichen (und wirtschaftlich noch verheerenderen) zweiten Lockdown zu verhindern?

Dr. Wolfgang Grabher: Die Berichterstattung sowohl in lokalen Medien als auch weltweit trägt sicher dazu bei, dass die Sensibilität erhalten bleibt. Feststellbar ist jedoch eine gewisse „Müdigkeit“ der Bevölkerung, was Schutz- und Hygienemaßnahmen betrifft.

WANN & WO: Wie schätzen Sie den Nutzen des „Mund-Nasen-Schutzes“ ein? Die Masken sorgen ja seit Monaten für Diskussionsstoff.

Dr. Wolfgang Grabher: Nachdem die Erkrankung über Tröpfchen übertragen wird, ist ein Mund-Nasen-Schutz eine effektive Maßnahme, das Erkrankungsrisiko zu reduzieren. Leider kann dadurch aber eine Infektion nicht gänzlich verhindert werden, da auch andere Infektionswege – etwa über die Hände oder auch über Aerosole –  möglich sind.

Kurz gefragt

Wie haben Sie den heurigen Sommer(-urlaub) verbracht? Im Büro und im Montafon.

Impfpflicht, ja oder nein? Und warum? Nein. Druck erzeugt immer Gegendruck und Widerstand. Es wird an den politisch Verantwortlichen, den ÄrztInnen und nicht zuletzt den Medien liegen, der Bevölkerung die Notwendigkeit und Sinnhaftigkeit einer Impfung gegen Sars-CoV-2 nahezubringen.

Glauben Sie, dass das Ländle gestärkt aus dieser Krise hervorgehen wird? Ja.

Wie schätzen Sie Vorarlbergs ­Gesundheitssystem ein? Das österreichische und auch das Vorarl­berger Gesundheitssystem zählen zu den besten weltweit. Jedem ­Menschen ist der Zugang zur bestmöglichen Medizin kostenfrei möglich.

Wie sehen Sie die Corona-Tracing-App? Die App ist ein gutes Hilfsmittel zum Auffinden von Kontaktpersonen.

Wie lange wird uns das Thema Sars-CoV-2 Ihrer Ansicht nach noch begleiten? Bis ein effektiver und sicherer Impfstoff gefunden ist, was aber voraussichtlich noch bis ins Jahr 2021 dauern wird.

Zur Person: Dr. Wolfgang Grabher

Alter: 56 Jahre
Wohnort: Lustenau
Ausbildung/Funktion: Ausbildung zum Arzt für Allgemeinmedizin, Amtsarzt in der Bezirkshauptmannschaft Dornbirn, seit 2012 Leiter der Abteilung IVD-­Sanitätsangelegenheiten Land Vorarlberg

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