Die absurden Argumente der Hochhaus-Lobby

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Gastkommentar von Andreas Unterberger: Absolut faszinierend, welch abstrusen Argumente die Verfechter des geplanten Hochhauses neben dem Wiener Konzerthaus in ihrer Verzweiflung anführen.

Diese Argumente zeigen totale inhaltliche Hilflosigkeit – und verstärken zugleich von Tag zu Tag den Eindruck, dass Rotgrün ganz andere Motive für die geplante Verschandelung dieses Schnittpunkts von Jugendstil, Biedermeier und Ringstraßenarchitektur hat, über die man jedoch nicht öffentlich zu reden wagt. Wohl aus Angst vor dem Staatsanwalt.

Wir lernen: Selbst den höchstbezahlten PR-Agenturen und Lobbyisten fallen keine glaubwürdigen Gründe für den Bau des Hochhauses an dieser extrem sensiblen Stelle der Stadt ein. Obwohl sie doch eigentlich trainiert sind und sich dafür hoch bezahlen lassen, jeden noch so horrenden Unsinn zu verkaufen.

Sie argumentieren etwa damit, dass das gegenwärtige Hotel InterContinental hässlich sei.

Das ist es in der Tat. Es gehört in die lange Reihe der Bauten der ersten 25 Nachkriegsjahre, wo im Wiederaufbau-Drang ohne jedes Gefühl für Ästhetik möglichst rasch und möglichst viel gebaut worden ist. Daher ist ja auch schon das bestehende Hotel deutlich zu hoch. Jedoch: Noch kein einziger der Pläne für einen Neubau zeigt eine Reduktion der Hässlichkeit. Ganz im Gegenteil. Man sieht nur langweilige 08/15-Architektur. Statt Kreativität zu signalisieren, sind die Pläne von der absoluten Maximierung des umbauten (und verkaufbaren) Raumes diktiert. Dieser erreicht rein mathematisch in einer rechteckigen Schachtel seine größte Ausdehnung. Aber selbst wenn das Projekt kreativer und ästhetischer wäre, bleibt es allein durch seine Größenordnung ein Skandal. Es macht ja sowohl in der Vertikale wie auch Horizontale ein Vielfaches der derzeit verbauten Dimension aus.

Nur dieses Projekt kann den Eislaufverein retten.

Eine glatte Lüge. Solange die Gemeinde Wien mit gewaltigem Aufwand alljährlich den Wiener Rathausplatz für ein paar Wochen in einen Eislaufverein verwandelt, und solange dort niemand über die Kosten spricht, wäre anstelle des Rathausplatz-Projekts eine einmalige Sanierung des Eislaufvereins billiger und sinnvoller. Steht dieser doch den Eisläufern viel länger zur Verfügung.

Durch das Projekt kann ein zusätzlicher Turnsaal errichtet werden.

Ein besonders schwaches Argument. In Wien sind in den letzten Jahren, vor allem durch den Bund, aber auch die Gemeinde, zahllose moderne Turnsäle errichtet worden. Zum Teil geschah dies sogar unterirdisch, um das Stadtbild zu schonen (siehe etwa das Piaristengymnasium in der Josefstadt). Aber nirgends wurde wegen eines Turnsaals ein stadtverschandelndes Hochhaus errichtet. Wären den Rathausbonzen wirklich die Sportflächen für die Wiener wichtig, hätten sie etwa einst verhindern müssen, dass zahlreiche Wiener Fußballplätze verschwunden und (dem Rathaus aus offenkundigen Gründen immer sehr sympathischen) Spekulanten zum Opfer gefallen sind. So mussten etwa die in Wien einst erfolgreichen Vereine Wacker und Admira bis nach Niederösterreich abwandern.

Durch das Projekt kann ein Durchgang zwischen Eislaufverein und Konzerthaus eröffnet werden.

Kein Mensch braucht diesen Durchgang. Denn man müsste für seine Benutzung auf beiden Seiten des Konzerthauses verkehrsreiche Straßen ohne Ampel durchqueren. Man müsste überdies stadtseitig eine Grünanlage durchqueren. Und man käme auf der anderen Seite nach Überqueren der Straße an einem Gitter an, über das man auf das dort viel niedrigere Gehsteigniveau hinunterspringen müsste.

Ein besonders interessantes Motiv für ihre Zustimmung zum Hochhaus hat laut dem „Falter“, einem den Grünen und dem Rathaus ja sehr nahestehenden Blatt, die grüne Gemeinderätin Birgit Hebein: „Würden die Grünen mit einer Ablehnung des mit der SPÖ akkordierten Heumarkt-Projektes zeigen, dass sie keine Handschlagqualität haben, dann gefährdete das auch die Verhandlungen um die Mindestsicherung. Und etwas für die ungefähr 200.000 Mindestsicherungsbezieher in der Stadt zu erreichen sei entscheidender als 348 grün-interne Nein-Stimmen zum Heumarkt-Projekt.“

Wir lernen daraus, welch abenteuerliche Gegengeschäfte zwischen Rot und Grün laufen, die absolut nichts miteinander zu tun haben.
Wir lernen daraus, dass die Grünen in ihrer ideologischen Besessenheit um jeden Preis die ja vor allem Migranten zugutekommende Mindestsicherung fortführen wollen,
obwohl alle anderen Bundesländer diese schon gekürzt haben,
obwohl Wien deswegen gerade eine zusätzliche Explosion des Defizits erleidet,
obwohl jetzt schon mehr als zwei Drittel aller Asylanten nach Wien ziehen.

Wir lernen daraus: Die Grünen kämpfen also selbst um den Preis der Stadtverschandelung und um den Preis des Ignorierens der „verbindlich“ befragten eigenen Parteimitglieder für etwas, was die große Mehrheit der Wiener ablehnt, und was selbst in der SPÖ von einer wachsenden Gruppe abgelehnt wird.
Wir lernen daraus: Die Grünen sind sogar zu einer mehrfachen Verhöhnung der Demokratie imstande.
Das enthüllendste Pro-Hochhaus-Argument formulierte aber ein grüner Gemeinderat namens Rüdiger Maresch. Er wird im Falter schlicht so zitiert: „weil ich will, dass Rot-Grün weiter bleibt“.

Wir lernen: Es geht in keiner Weise um die Sache, sondern nur um die Beteiligung an der Regierungsmacht, um die damit verbundenen Posten und Benefizien. Um all das bangen die Grünen so panisch, dass sie sogar das banale Faktum übersehen: Die SPÖ hat in Wahrheit gar keine Alternative, als mit Rot-Grün weiterzumachen. Wegen der Zahlenverhältnisse im Gemeinderat, wegen der tiefen innerparteilichen Kluft bei den Rathausroten, wegen der gemeinsamen Angst der Linken, sich den Wählern zu stellen.

Der Autor war 14 Jahre Chefredakteur von „Presse“ bzw. „Wiener Zeitung“. Er schreibt unter www.andreas-unterberger.at sein „nicht ganz unpolitisches Tagebuch“, das heute Österreichs meistgelesener Internet-Blog ist.

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