Deutschland und Polen streiten um Kulturschätze

Das Originalmanuskript von Mozarts Klavierkonzert Nummer 27, Anmerkungen Beethovens zu seiner 8. Symphonie, Werke von Goethe und Jakob Reinhold Lenz: Sie alle gelten als Monumente deutscher Kultur. Und sie befinden sich seit dem Zweiten Weltkrieg in Polen. 

Die Bundesregierung hat die Rückgabe der Sammlung verlangt, was Warschau jedoch strikt ablehnt. Der Streit zieht sich nun schon seit 15 Jahren hin, und ein Ende ist nicht in Sicht.

Die Dokumente in der Jagiellonia-Bibliothek in Krakau, der größten des Landes, gehören zu den zehntausenden Dokumenten, die von den Nazis zum Schutz vor den Bomben der Alliierten aus der Berliner Nationalbibliothek geschafft wurden. Sie wurden zunächst auf einem Militärstützpunkt und danach in einem Benediktiner-Kloster in Sicherheit gebracht. Nach dem Krieg brachten die polnischen Behörden die Manuskripte in die Universitätsbibliothek von Krakau. In einem Artikel der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ wurden die Dokumente kürzlich als „letzte deutsche Kriegsgefangene“ bezeichnet. Polen reagierte verärgert und bezeichnete die deutschen Forderungen nach einer Rückgabe der Manuskripte als unbegründet.

„Ich schätze mich sehr glücklich, mich um diese Sammlung kümmern zu dürfen und bei ihrer Sicherung für die Kultur der Welt helfen zu können“, sagt der Direktor der Jagiellonia-Bibliothek, Zdzislaw Pietrzyk, in seinem Büro. „Es ist wirklich beeindruckend, sich mit einem Mozart-Original zu befassen.“ Die Bibliothek gewährte der Nachrichtenagentur AP einen seltenen Einblick in Teile der Sammlung, die für die Öffentlichkeit nicht zugänglich ist. Die Dokumente liegen in Ledermappen, die in einem klimatisierten Safe aufbewahrt werden.

In Mozarts Manuskript für sein Klavierkonzert Nummer 27 in B-Dur ist zu erkennen, wann der Komponist seine Feder wieder in die Tinte tauchte. Beethoven notierte mit Bleistift Korrekturen in seinem Entwurf für die 8. Symphonie. Zu den Schätzen gehören auch ein Gebetbuch auf Latein aus dem 15. Jahrhundert, die Schriften des Dichters Jakob Reinhold Lenz aus dem 18. Jahrhundert und eines der ältesten existierenden Musikbücher, das 1507 gedruckt wurde.

Die deutschen Hoffnungen auf eine Rückgabe der Sammlung stoßen in Polen auf Unverständnis und Ärger. Schließlich verlor Polen in den fast sechs Jahren deutscher Besatzung während des Zweiten Weltkriegs sechs Millionen Menschen und zahlreiche Kulturgüter, darunter nach Schätzungen 22 Millionen Bücher und hunderttausende Kunstwerke. Zentraler Punkt des Streits ist die Tatsache, dass die Manuskripte aus Berlin nicht wie so viele andere Kulturgüter gegen Ende des Krieges von den Sowjet-Truppen außer Landes gebracht wurden. Sie wurden vielmehr von den Deutschen in einem Gebiet zurückgelassen, das später polnisches Territorium wurde.

Bibliotheksdirektor Pietrzyk sagt, es sei ein Glück gewesen, dass 1945 polnische Bibliothekare diesen Teil der Sammlung aus der Preußischen Bibliothek im Benediktiner-Kloster in Krzeszow, früher Grüssau, entdeckten. Sie seien gerade noch rechtzeitig gekommen, um die Dokumente vor Plünderern zu schützen. 15 der 505 hölzernen Kisten seien bereits zerstört oder gestohlen worden. Die Dokumente waren Teil einer größeren Sammlung von insgesamt drei Millionen Stücken, die zwischen 1941 und 1944 aus den Berliner Bibliotheken geholt wurden. Sie gingen zuerst in das Schloss Fürstenstein (Ksiaz) in Schlesien und kamen danach nach Krzeszow.

Polen „hat die Stücke aus der Preußischen Bibliothek legal übernommen, die die Deutschen unbeaufsichtigt zurückließen“, als sie vor der Roten Armee flohen, erklärte ein Sprecher des polnischen Außenministeriums. Der deutsche Chefunterhändler in den Verhandlungen mit Warschau, Tono Eitel, bezeichnete den Verlust der Schätze in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ als Wunde im Kulturleben Deutschlands.

Die Manuskripte wurden 1947 der Jagiellonia-Bibliothek übergeben. Dort wurden sie katalogisiert und der Öffentlichkeit auf Mikrofilm oder als Kopien zugänglich gemacht. Unter der Herrschaft der Kommunisten wurden einige Stücke zurückgegeben. So überreichte 1977 der damalige Erste Sekretär des Zentralkomitees der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei, Edward Gierek, dem DDR-Staatschef Erich Honecker die Manuskripte von Mozarts „Zauberflöte“ und dessen „Jupiter“-Symphonie sowie ein weiteres von Johann Sebastian Bach. Im Gegenzug übergab Honecker ein Porträt des polnischen Königs Johann III. Sobieski aus dem 17. Jahrhundert.

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