Der windigste Kanal der Welt

Die russische Variante des Velaro D ('ICE 3') im ultimativen Härtetest.
Die russische Variante des Velaro D ('ICE 3') im ultimativen Härtetest. ©RTA
Mitten in der Floridsdorfer Heide erhebt sich das Mekka des weltweiten Zugsbaus. Hier werden neue Garnituren im Windkanal auf Herz und Nieren getestet, bevor der erste Fahrgast einsteigen darf.
Die Bilder aus dem Windkanal
Der Velaro D im Härtetest

“Bis zu 300 km/h und bis zu minus 40 Grad”, sagt Gerhard Haller, Geschäftsführer des Floridsdorfer Windkanales RTA. Diese Wetterverhältnisse werden nicht etwa in besonders ungastlichen Wintern im Herzen der Antarktis erreicht, sondern mitten in Floridsdorf in einem der größten Klima-Windkanäle der Welt. Genau genommen sind es sogar zwei: In den großen können ganze Zugsgarnituren einfahren, das beeindruckende Bauwerk ist rund 100 Meter lang. Der kleinere, baugleiche aber mit ‘nur’ 30 Metern Länge deutlich handlicher, ist für Fahrzeuge aller Art reserviert. Vom Postbus bis zum Kleinflugzeug werden hier Fahrzeuge auf ihre Tauglichkeit in verschiedenen Wetterbedingungen getestet.

Floridsdorfer Mikroklima für Züge auf der ganzen Welt

Der Wind ist eigentlich nicht das Hauptthema in der Paukerwerkstraße im 21. Bezirk. Denn Windkanäle gibt es eigentlich viele – zum Beispiel hat jeder Autohersteller einen oder mehrere. Während dort vor allem aerodynamische Werte in Form des bekannte cW-Wertes ermittelt werden, hat sich die RTA auf eine ganz spezielle Art von Tests spezialisiert. In den Windkanälen kann nämlich jede Art von Wetter nachgestellt werden, von der glühenden Wüstensonne bis zu sibirischen Winterstürmen. Die Testreihen reichen dabei vom Selbstverständlichen – ist das Gerät eigentlich noch einsatzfähig – bis hin zu allerkleinsten Details. Dann wenn zum Beispiel beim Railjet bei minus 20 Grad Celsius die Scheibenwischer nicht mehr funktionieren, dann ist das ein Designproblem, das dringend behoben werden muss.

Thermische Fahrgasteigenschaften als wichtiges Windkanal-Thema

Was sind thermische Fahrgasteigenschaften? Um beim Hauptgeschäft der RTA zu bleiben: Es ist ein Unterschied, ob eine Stadtbahn bei Minusgraden fährt oder ein Railjet. In der Stadtbahn stehen die Menschen, haben ihre Mäntel an, dafür geht die Tür ständig auf und zu. Der Railjet muss aufgrund der sitzenden Position der Fahrgäste im oberen Bereich nicht so warm sein. Ziehen sollte es nach Möglichkeit in beiden nicht.

Gemessen werden solche Eigenschaften mit komplizierten Testanordnungen (die leider nicht fotografiert werden dürfen, denn auch Windkanal-Kunden haben’s gerne diskret). In den Zügen werden 500-Watt-Heizstrahler angebracht, die einzelne Menschen simulieren. Der gesamte Zug wird mit Sensoren ausgestattet, die genau messen, wem kalt ist und wem nicht. Ist diese Testanordnung nach ein bis zwei Wochen Vorbereitungszeit perfekt, übersiedelt ein Zug von den gewaltigen Vorbereitungshallen in den Windkanal. Je nach zukünftigen Anforderungen – die tunesische Staatsbahn hat natürlich andere als die Transsibirische Eisenbahn – werden jetzt Tests ausgeführt. Schnee, Regen, Sonnenschein, Seitenwinde… die Züge werden ganz ordentlich durchgeprügelt! Die Testreihen können übrigens ganz schön lang dauern. Der Velaro D, die nächste Generation des ICE von Siemens, wurde ganze zwei Monate lang abgeklopft.

Hochinteressante Windkanal-Nebengeschäfte in Floridsdorf

Während bei Geschäftsführer Haller die Leidenschaft für die Eisenbahn deutlich erkennbar ist, kann die RTA auch von Autoherstellern gemietet werden. 20 bis 30 Prototypen und Vorproduktionsmodelle gehen jedes Jahr durch die Hölle in Floridsdorf und werden Bedingungen ausgesetzt, die in den hauseigenen Windkanälen nicht simulierbar sind. Wird der 5er BMW, der 2014 auf den Markt kommt, auch in Riad (Saudi Arabien) während eines Wüstensturmes fahren? Oder in Novosibirsk nach einer ausgesucht kalten Nacht? Wenn nicht, dann gibt die hochspezialisierte Belegschaft der RTA Empfehlungen, wie gefundene Probleme gelöst werden könnten.

Dasselbe gilt übrigens auch für stationäre Objekte, die Wind und Wetter ausgesetzt sind. So werden zum Beispiel die Antennenanlagen der Mobilfunkbetreiber ebenfalls getestet.

Jahrhundertextreme: Die Technik darf auch mal versagen

Dabei bleibt man grundsätzlich auf dem Boden der ‘normalen’ Wetterverhältnisse. Während ein drei Tage dauernder Eissturm simuliert werden kann, macht das laut Gerhard Haller wenig Sinn. Denn solche Extreme treten nur sehr, sehr selten auf und werden in der Konstruktion von Fahrzeugen nicht berücksichtigt. “Wir können jedes System zum Versagen bringen”, sagt er dazu. Aber das ist nicht die Aufgabe in unserem Windkanal. “Bei Jahrhundertereignissen darf die Technik versagen. Kein Konstrukteur kann sich darauf einstellen, dass sich ein zentimeterdicker Eispanzer rund um sein Fahrzeug bildet. Das kommt so selten vor, dass es außer Acht gelassen wird.”

Weltweit einzigartiger Windkanal

Die Kunden des RTA-Windkanal kommen aus der ganzen Welt nach Floridsdorf. Chinesische Hochgeschwindigkeitszüge werden hier genauso geprüft wie schwere russische Güterzugsgarnituren oder der österreichische Railjet. “Nur Japan hat mir seiner Klimakammer eine vergleichbare Einrichtung”, berichtet Gerhard Haller. Dabei sind die ÖBB besonders sorgsam: Die lassen jede Garnitur prüfen, bevor der erste Fahrgast einsteigt.

Beeindruckende Leistung

Der ‘Unterbau’ des Windkanals erinnert in seinen gewaltigen Ausmaßen an einen Flugzeughangar, vollgestopft mit Leitungen und Rohren aller Art, die zu den riesigen Windschächten führen. Der Windgenerator – ein riesiger Ventilator – ist größer als die Turbine eines Düsentriebwerkes. Und deutlich leistungsfähiger: 4,7 Megawatt kann es in den Windkanal pumpen – das ist die Leistung von 1000 Einfamilienhäusern.

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