Der alte Mann und die Schafe

Bizarre Felsformationen am Strand, weiße Kalksteinhäuser und überall Schafe. Eine kleine Ostseeinsel nördlich von Gotland ist wieder in den Sucher der Weltöffentlichkeit gerückt. Grund dafür ist das Ableben ihres prominentesten Bewohners.

Die letzten drei Jahre hat Ingmar Bergman permanent auf Farö (dt. „Schafinsel“) gewohnt. Seinen Wohnsitz am Karlaplan in Stockholm hatte der schwedische Film – und Theaterregisseur aufgegeben, um nicht der Versuchung erliegen zu können, Staffan Valdemar Holm, Chef des Stockholmer „Burgtheaters“ Dramaten anzurufen und zu sagen: „Hör mal ich hab Lust, ein Stück zu inszenieren“.

Dies erzählte er in einem seiner seltenen Interviews an seinem 86sten Geburtstag am 14.Juli 2004 der Journalistin Betty Skawonius von der größten schwedische Tageszeitung „Dagens Nyheter“ . Bergman, den „Dagens Nyheter“ in ihrem Nachruf als „Magier, der die ganze Welt verhexte“ titulierte, hat wie kein anderer das Bild von den Menschen Schwedens geprägt – sexuelle Freizügigkeit gepaart mit grüblerischer Schwermut – und hatte keine Scheu davor, Seelenleben bis in die tiefsten Abgründe auszuleuchten.

Der internationale Durchbruch gelang ihm mit Kinoklassikern wie „Wilde Erdbeeren“ (1957), den ersten Oscar errang er 1960 mit „Die Jungfrauenquelle“. 1997 wählten ihn die berühmtesten Filmregisseure der Welt, darunter etwa Martin Scorsese, Robert Altman oder Wim Wenders, anläßlich des 50. Filmfestivals in Cannes zum „besten Filmregisseur aller Zeiten“ und überreichten ihm die „Palme der Palmen“. Bis an die Zähne vorbereitet.

Aber auch wenn Film und Fernsehen Ingmar Bergman weltberühmt gemacht haben, gehörte sein Herz eigentlich dem Theater: „Der Film ist die Huren- und Schlachterbranche“, das Theater dagegen „der Anfang und das Ende und eigentlich alles“, so Bergman in dem Interview. Das moderne Theater und die Klassiker auszuforschen, sei „unendlich lehrreich und stimulierend“ gewesen, „die Symbiose mit den Schauspielern war das zentrale Element in der Ausübung meines Berufs“.

Sich selbst bezeichnete der Regisseur als „Mensch mit hoher Katastrophenbereitschaft“: „Ich kann nicht improvisieren, ich muss bis an die Zähne vorbereitet sein, ehe ich zur Arbeit gehe. Ich habe eine geradezu krankhafte Angst davor, dass alles voll daneben geht, daher versuche ich für alles vorbereitet zu sein und alle denkbaren Katastrophen voraussehen zu können“. Seine letzte Theater-Regiearbeit war Ibsens „Gespenster“ 2002 am Dramaten: „Nach dem Stück bestimmte ich, dass jetzt Schluss ist. Die sollen mich nicht aus dem Theater raustragen müssen. Ich gehe selbst. Niemand soll sagen: Jetzt muss der Alte einsehen, dass er aufhören soll.“

Dennoch vermisste er das Theater und die Schauspieler unendlich, als er sich ganz nach Farö zurückgezogen hatte: „Ich glaubte nicht, dass die Schauspieler mir so sehr fehlen würden“. Nach seinem letzten Film „Saraband“ 2003, hat Bergman nichts mehr geschrieben: „Ich will Olle Hedbergs Ausspruch ’Durch Erotik wird man erotisch’ missbrauchen und sagen ’Durch Kreativität wird man kreativ’. Und da meine Kreativität momentan auf dem Nullpunkt ist, bin ich auch nicht kreativ’.“

Er habe jedoch ein Arbeitsbuch, in dem er Material sammle, so Bergman in Skawonius’ Interview: „Das ist ein Filmmanuskript. Was Spaß macht, ist ja ohne Verpflichtungen zu fantasieren. Langweilig wird es, wenn man sich hinsetzen und schreiben muss. Ich hatte ja immer sogenannte ’deadlines“ zu erfüllen. Jetzt habe ich keine ’deadline“ mehr, außer ich sterbe selber“.
(Martina Sperling/APA)

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