Debüt-Roman von Erwin Uhrmann

Die Taten der als Lainzer "Mord­schwestern" in die österreichische Kriminal­ge­schichte eingegangenen Krankenschwestern stoßen fast zwei Jahrzehnte nach dem aufsehenerregenden Prozess auf spätes Echo in der Kulturszene. Während derzeit Peter Kern seinen Film "Mörderschwestern" dreht, liegt in den Buchhandlungen der Debütroman des in Wien lebenden Niederösterreichers Erwin Uhrmann.

“Der lange Nachkrieg” (Limbus Verlag) beginnt mit den Sätzen: “Meine Großtante ist von einer Krankenschwester ermordet worden. Irgendwo in den 80er Jahren.” Der Ich-Erzähler, ein junger Mann namens Hector, verspürt plötzlich den starken Drang, dem Tod seiner Großtante Helene in einem Pflegeheim nachzuforschen, in dem später eine Mordserie für Aufsehen sorgte.

Was genau Hector antreibt, bei ehemaligen Bekannten seiner Großtante, beim damals tätigen Staatsanwalt und schließlich auch bei der in Haft befindlichen Täterin selbst nachzuforschen, bleibt unklar. Wie so vieles in diesem Buch. Es werden Reisen nach Belgrad und Triest unternommen, Helene erfährt eine Reinkarnation als junge, attraktive Frau, Hector unterhält eine vage Beziehung zu einer Freundin namens Clara. Vor allem aber bekommt er bei jeder sich bietenden Gelegenheit Erektionen, onaniert und träumt von oraler oder manueller Befriedigung. Allmählich stellt sich heraus, dass die mörderische Krankenschwester Irmtraud, der vom Boulevard allerlei sexuelle Hemmungslosigkeit angedichtet wurde, ihm als Bub für seine ersten Masturbations-Fantasien gedient hatte.

Hector schwitzt und wichst sich durch einen heißen Sommer, teilt sein Leben in aktive und passive Tage und hält Zwiesprache mit Erscheinungen aus seiner Kindheit, wie einer russischen Kosmonautin, der er den Namen Twigutschatka gegeben hat. Nenad heißt dagegen ein Bekannter, der ihn in Ex-Jugoslawien herumfährt, auf Besichtigungstour der “Reste eines Ausnahmezustands”, des “Kriegs vor der Haustür”, dessen Wunden noch nicht verheilt sind: “Die Mitte von Europa ist schon viel zu lange im Nachkrieg.”

Ein echten Reim darauf kann sich weder Hector noch der Leser machen. Die Besuche in der Haftanstalt werden zum herumgestotterten Fiasko, das keinerlei Aufklärung bringt. Vom einstigen Missbrauchstäter im Internat bis zu Freundin, Mutter und Großtante spuken alle in seinem Kopf herum. “Kill your darlings”, nimmt sich Hector vor, doch die Austreibung der Geister, die er rief, will ihm nicht gelingen.

Erwin Uhrmann, 1978 in Niederösterreich geboren, ist bisher vor allem als Mitbegründer des Vereins “Kunstwerft” und Mit-Initiator einer “Kunstklappe zur anonymen Rückgabe gestohlener Kunstwerke” in Erscheinung getreten. Als Autor hat er sich mit “Der lange Nachkrieg” noch nicht wirklich auf die allgemeine Leseliste urgiert.

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