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Debatte um Kopftuch-Verbot

Die Debatte um das Verbot islamischer Kopftücher an Frankreichs Schulen hat die Menschen in der arabischen Welt noch mehr in Rage gebracht, als die direkt betroffenen Mosleminnen.

Als der Großscheich der Kairoer Al-Azhar-Universität, Mohammed Sayed Tantawi, die höchste theologische Autorität im sunnitischen Islam, erklärte, das Kopftuch sei zwar eine religiöse Pflicht. Den Mosleminnen in Frankreich dürfe aber kein Vorwurf gemacht werden, falls sie es wegen eines staatlichen Verbots ablegten, brach in Ägypten ein Proteststurm los.

Aufgebrachte Anhänger der Moslembruderschaft forderten den Rücktritt Tantawis, der mit seinem Kommentar ihrer Ansicht nach das Ansehen der wichtigsten religiösen Institution der Sunniten beschädigt hatte. Gerüchte, Fanatiker könnten dem Großscheich sogar nach dem Leben trachten, machen seither die Runde. „Das ist ein neuer Angriff gegen die Moslems” ist das Argument, das die meisten arabischen Gegner des französischen Gesetzentwurfs vorbringen. Dabei herrscht sogar an türkischen Hochschulen seit Atatürks Verordnungen ein Kopftuch-Verbot. In Tunesien können Kopftuchträgerinnen im Staatsdienst nicht Karriere machen und auch Nachrichtensprecherinnen in Ägypten und dem Libanon haben es schwer, wenn sie mit dem Kopftuch vor die Kamera wollen.

„All dies stimmt leider, das ist eben ein Ausdruck der Situation der Schwäche, in der sich unsere moslemische Nation im Moment befindet”, meint Jihad Radjbi, die in der vergangenen Woche in der jordanischen Hauptstadt Amman bei strömendem Regen an einer Protestaktion gegen den französischen Gesetzentwurf teilgenommen hat. Wenn die Jordanierin ihre Enttäuschung darüber zum Ausdruck bringt, dass „ausgerechnet Frankreich, das Land, das man mir in meiner Kindheit als Inbegriff der Freiheit präsentiert hatte, die Mosleminnen an der Erfüllung ihrer religiösen Pflichten hindern will”, sprüht sie vor Engagement.

Organisiert wurde der Sitzstreik allerdings von der Berufsvereinigung der Agraringenieure, der ihr Ehemann angehört. Auch ähnliche Frauen-Protestaktionen in Kairo, Beirut und Gaza wurden von Parteien und Berufsverbänden organisiert, die von Männern dominiert werden. Die libanesische schiitische Hisbollah („Partei Gottes”) fuhr sogar 5.000 junge Frauen mit Bussen zur Demonstration. Diejenigen Frauen, die für die Rechte ihrer Glaubensschwestern in Frankreich auf die Straße gehen, stammen nicht aus dem ländlichen, konservativen Milieu, wo das Tragen des Kopftuches fast eine Selbstverständlichkeit ist. Viele von ihnen sind Studentinnen, die Slogans wie „Das Kopftuch ist kein religiöses Symbol – es ist eine religiöse Pflicht!” auch in fehlerfreiem Englisch auf ihre Transparente pinseln können.

„Man kann das Kopftuch nicht mit dem christlichen Kreuz oder der jüdischen Kippa vergleichen”, meint Jihad Radjbi. „Da es eine religiöse Pflicht ist, käme ein Kopftuch-Verbot vielmehr einem Verbot des Kirchenbesuchs gleich”, sagt sie. Ähnlich argumentiert auch der geistliche Führer der pro-iranischen Hisbollah, Scheich Mohammed Hussein Fadlallah. Er ist, wie viele seiner Gesinnungsgenossen besonders enttäuscht, dass ausgerechnet die französische Regierung das Kopftuch nicht in den Schulen dulden will. Gerade Präsident Jacques Chirac habe sich doch wiederholt für die Interessen der Araber eingesetzt, meint Fadlallah.

Saudiarabische Religionsgelehrte und Intellektuelle riefen die französische Regierung auf, ihre Entscheidung noch einmal zu überdenken. 30.000 jordanische Frauen unterzeichneten eine entsprechende Petition an Chirac. Doch der bekannte jordanische Kommentator Fahd Fanek klagt angesichts des Wirbels: „Als ob die arabische Welt keine wichtigeren Anliegen hätte, wie etwa die US- Besatzung im Irak oder das Eindringen der israelischen Armee in palästinensische Städte und Flüchtlingslager.”

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