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Das Tor bleibt zu: Falk Richters "Ausnahmezustand" in Salzburg

"Das Tor muss geschlossen bleiben", das ist einer der Schlüsselsätze in Falk Richters Drei-Personen-Stück "Ausnahmezustand".
Und das Tor blieb tatsächlich zu. Sowohl in den Köpfen der Bewohner einer abgeschotteten Enklave reicher Wohlstandsbürger, die Falk Richter in seinem erstmals in Österreich aufgeführten Text präzis und in den scharfen Vokabeln seiner Generation analysierte. Aber auch in den Gemütern des Premierenpublikums im Schauspielhaus Salzburg, wo “Ausnahmezustand” am Mittwochabend nur mäßig begeistert aufgenommen wurde.

Eva Hosemann führte Regie, und Stephan Bruckmeier sorgte für die Ausstattung. Aber daran lag es nicht. Der “Ausnahmezustand” im Schauspielhaus spielt in einem Jacuzzi, dahinter und rundherum eine Müllhalde der Wohlstandsgesellschaft. Die Überwachungsneurose der “Frau”, die überwiegend dumpfe Resignation des “Mannes” und die chronische Feindseligkeit des “Sohnes” verwandeln die Wohlfühl-Oase in ein reales Bedrohungsszenario. Mit Meeresrauschen vom Tonband, weil es so idyllisch klingt. Die Manager der Festung, in der zu Wohnen das Leben erst lebenswert macht, haben an alles gedacht. Nur nicht an die Angst vor dem Scheitern. Und die bekommt ein Gesicht. Das Gesicht von Menschen, die übers Meer schwimmen, Mauern überspringen und Tore durchbrechen könnten. Da ist plötzlich Schluss mit Bürger-Idylle.

Elke Hartmann gab die “Frau”, Volker Wahl den “Mann” und Maximilian Pfnür den “Jungen”. Daran lag es auch nicht. Abgesehen von einzelnen, vielleicht ein wenig übertriebenen oder geringfügig aus der Rolle fallenden Sätzen (Geschmacksache) zeigten alle drei gutes Schauspielerhandwerk, körperlichen Einsatz (immerhin saßen sie 90 Minuten lang im Wasser) und gepflegte Behandlung der Sprache. Hartmann, Wahl und Pfnür verhalfen Richters Text zu eindringlicher Klarheit und spielten sich nahe ans Premierenpublikum.

Die Zuschauer wollten trotzdem nicht so recht. Zwar ist Richters Text ohne Zweifel eine brillant formulierte Zustandsanalyse geistiger und realer Mauern sowie wohlhabender und zugleich freudlos-enger Lebensmodelle, in denen richtige Gefühle mit Grillen, Golfspielen, Routine-Sex und Literaturzirkeln weggedröhnt werden. Der Text knüpft an Tennessee Williams an, der auch kein Mittel fand gegen das bornierte Standesdünkel des Bürgertums. Aber im Gegensatz zu Williams oder auch dem thematisch ähnlich gelagerten Roman “America” von T.C. Boyle fehlt dem Richter-Text alles Dramatische.

Bereits nach einer Viertelstunde ist das Material exponiert. Was folgt, sind vertiefende Details aber keine Entwicklung. “Ausnahmezustand”, das übrigens auch bei der Uraufführung an der Berliner Schaubühne nur mäßige Begeisterung auslöste, wäre – deutlich gestrafft- als Hörspiel gut geeignet. Oder besser noch als kleine Erzählung für einen anregenden Leseabend. Aber für die Bühne hat Richters Text zu wenig Kraft. Hier wird deutlich, dass Richter über das Nörgeln gegen die Komfortzone nicht hinauskommt. Daher bleiben die Tore zu.

(Von Christoph Lindenbauer/APA)

“Ausnahmezustand” von Falk Richter. Österreichische Erstaufführung im Schauspielhaus Salzburg. Inszenierung: Eva Hosemann. Ausstattung: Stephan Bruckmeier. In den Rollen: Elke Hartmann, Volker Wahl und Maximilian Pfnür. Nächste Vorstellungen: 23., 26. bis 29.4., 19.30 Uhr, 0662 / 8085-0, http://www.schauspielhaus-salzburg.at

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