Das Mädchen und die Spinne - Kritik und Trailer zum Film

Formal passiert in Ramon und Silvan Zürchers "Das Mädchen und die Spinne" nicht viel. Im Wesentlichen zieht Lisa zieht aus der gemeinsamen WG mit Mara aus. Die Umzugstage werden dabei aber zu einem filigranen, poetischen Geflecht zwischenmenschlicher Beziehungen, als Porträt einer liminalen Phase, in der Neues beginnt und Altes endet.

In Ramon und Silvan Zürchers "Das Mädchen und die Spinne" werden die engen Räume einer Wohnung so voll mit sehnsuchtsvollen, sich ansteckenden, heißen Körpern gepackt, dass es sich herrlich anfühlt, wie ein Leben vor der Pandemie. Nach der Weltpremiere auf der Berlinale kommt der Film nun am Freitag in die heimischen Kinos.

Das Mädchen und die Spinne - Kurzinhalt zum Film

Ganz zu Beginn von Ramon und Silvan Zürchers zweitem Film, den die Schweizer Zwillingsbrüder als "Trilogie über das menschliche Miteinander" bezeichnen, bemerkt eine Mutter eine schwer zu übersehende, rote Kruste auf Maras (Henriette Confurius) Oberlippe. "Hast du Herpes?", fragt sie. "Ja!", antwortet die und grinst zufrieden. Maras beste Freundin Lisa (Liliane Amuat) küsst sie dann auf die Wange und die Mutter sagt fast eifersüchtig: "Du wirst dir ihren Herpes einfangen."

Lisa zieht aus der gemeinsam Wohnung mit Mara aus, und die Situation ist geladen. Mara schmollt und fühlt sich ganz offensichtlich zurückgelassen. Die beiden sind vermutlich mehr als nur Freundinnen gewesen, aber die Brüder lassen das ganz bewusst offen. Lisas Mutter Astrid (Ursina Lardi) hilft beim Umzug, während ein paar Handwerker die neue Wohnung noch aufputzen.

Da verwandelt sich der Schauplatz plötzlich in einen Raum, in dem begehrliche Nachbarn, schreiende Kinder und sabbernde Hunde, nach Belieben ein- und ausgehen. Astrid flirtet mit dem Handwerker Jurek (André M. Hennicke). Sein junger Mitarbeiter Jan (Flurin Giger) hat ein Auge auf Mara geworfen, und auch die alleinerziehende Mutter (Sabine Timoteo) von unten steht ein bisschen auf sie. "Schade, dass nicht Du hier einziehst", flüstert sie in Maras Ohr, "wir hätten bestimmt viel Spaß".

Das Mädchen und die Spinne - Die Kritik

Wie schon ihr erster erstaunlicher Debütfilm aus dem Jahr 2013, "Das merkwürdige Kätzchen", spielt sich der Film der Zürchers wie ein Walzer ab. Die Figuren tanzen auf und ab, einer hinterlässt Spuren für den anderen, eine Geschichte einer Beziehung endet und eine andere beginnt. Eugen Dogas romantischer Walzer "Grammophon" wird zum Motiv, und der 1980er Jahre Hit "Voyage Voyage" taucht immer wieder in verschiedenen Variationen auf.

Und dann gibt es da noch Nora (Lea Draeger), die mit Kerstin (Dagna Litzenberger-Vinet) zusammenlebt, ständig oben ohne herumläuft und ihre Wohnung nie zu verlassen scheint. "Sie ist traurig. Sie sehnt sich nach Menschen", sagt jemand über sie. "Deshalb bleibt sie in ihrem dunklen Zimmer, bis sie eines Tages nicht mehr aufwacht. Und bis dahin fühlt sie nur ihre Einsamkeit, ihr Verlangen und ihren Schmerz."

Das sind Gefühle mit denen sich man unfreiwillig noch besser identifizieren kann, wenn man eine Pandemie miterlebt hat. Aber das meiste in diesem Film bleibt unausgesprochen und wird über verstohlene Blicke erzählt. Die Kamera bleibt oft auf schmerzlichen Details verharren, die man sonst leicht übersieht: ein blutiger Fingernagel, ein Kratzer auf einer Arbeitsplatte, eine tote Fliege, ein Bohrer, Rotwein, der über einen Tisch blutet.

Die Spinne aus dem Titel krabbelt an einer Stelle auf Lisas Rücken, und Mara schafft eine ununterbrochene Linie von Lisas Rücken, ihren Schultern, bis zu Maras Hand. Sie tauschen die Spinne in sanften, lyrischen Bewegungen von Hand zu Hand - ähnlich wie die Herpesblase, die mitten im Film von Mara auf Lisa übergeht. Es ist eine Art Akt der Zuneigung.

Auch "Das merkwürdige Kätzchen", inszeniert von Ramon und produziert von Silvan, war ein experimentelles Kammerspiel und drehte sich um eine Familie, die herumflitzte, und eine orangefarbene Katze, die durch ihre Wohnung wanderte. "Das Mädchen und die Spinne" ist eine mehr als würdige Fortsetzung, ein Gedicht an die Poesie, die Abgründe des Alltags, Abschied und Ankommen. Was passiert mit den Dingen, die wir zurücklassen?

An einer Stelle erzählt Mara die Geschichte über eine Spinne, die sie als Kind über ihrem Bett entdeckt hat. Sie kam jede Nacht, um sie zu "besuchen", sagt sie, bis sie nicht mehr kam. Diese bittersüße Anekdote beschreibt recht schön den Kern des Ganzen. Irgendwie sind wir alle nur flüchtige, liebestolle Touristen in diesem Leben.

(APA/Red)

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