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Coronavirus: Drittel der Verstorbenen aus Alters- und Pflegeheimen

Gesundheitsminister Rudolf Anschober (G) und Elisabeth Rappold (Gesundheit Österreich GmbH, Studienautorin) im Rahmen einer PK "1. Teil der Studie Covid-19 in Alten- und Pflegeheimen und weitere Lockerungsempfehlungen für Besuche in Alten- und Pflegeheimen sowie Behinderteneinrichtungen"
Gesundheitsminister Rudolf Anschober (G) und Elisabeth Rappold (Gesundheit Österreich GmbH, Studienautorin) im Rahmen einer PK "1. Teil der Studie Covid-19 in Alten- und Pflegeheimen und weitere Lockerungsempfehlungen für Besuche in Alten- und Pflegeheimen sowie Behinderteneinrichtungen" ©APA/ROLAND SCHLAGER
Wie eine aktuelle Untersuchung ergab, machen Bewohner von Alten- und Pflegeeinrichtungen ein Drittel der insgesamt in Österreich an Covid-19-Verstorbenen aus.
Flächendeckende Corona-Tests in Altersheimen
Zwischenbilanz bei Tests in Pflegeheimen

Unter den bisher 646 Corona-Toten waren 222 Bewohner von Betreuungseinrichtungen, wie es am Dienstag bei einer Studienpräsentation hieß. Bei aller Tragik seien diese Entwicklungen im internationalen Vergleich positiv zu bewerten, so Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne).

In anderen Ländern: 60% der Corona-Todesfälle

In einigen Ländern habe der Anteil der Bewohner aus Alten- und Pflegeeinrichtungen bis zu 60 Prozent der Gesamttodesfälle ausgemacht, sagte der Minister im Rahmen einer Pressekonferenz in Wien. Auf die bereits am Beginn der Pandemie bekannte besondere Bedrohung für diese gesellschaftliche Gruppe habe man mit Schutzkonzepten reagiert, die vor allem darauf abzielten, "Einschleppungen" von Fällen zu verhindern. Dies sei "durchaus beachtlich gelungen", trotzdem gab es auch hierzulande "viele Fälle", räumte Anschober ein.

833 Infektionen in Alten- und Pflegeeinrichtungen

Bis zum gestrigen Montag (8. Juni) wurden unter den 16.868 in Österreich verzeichneten Covid-19-Infektionen 833 im Rahmen der Kontaktverfolgung und Clusteranalysen der Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) Alten- und Pflegeeinrichtungen zugeordnet. Die Fallsterblichkeit in dieser Gruppe betrug demnach 26,7 Prozent. Insgesamt sind 0,3 Prozent aller Heimbewohner in Österreich bisher an Covid-19 verstorben, erklärte die Studienautorin Elisabeth Rappold von der Gesundheit Österreich GmbH.

Man habe gesehen, dass in der ersten Epidemie-Phase "viele Infektionen in Pflegeeinrichtungen" zu verzeichnen waren. Die strengen Hygienemaßnahmen ab Ende März hätten dazu beigetragen, dass die "Zahlen dann ausschleichend" waren und Ende April, Anfang Mai erste Lockerungen angestoßen werden konnten. Seither "ist es nur noch zu vereinzelten Infektionen gekommen", die nunmehrige Annäherung an die Normalität "steht auf guter Basis", sagte Rappold.

Unterschiedliche Datenlage: "Vergleich mit Bauchweh"

Aufgrund der unterschiedlichen Datenlage in verschiedenen Ländern könne man in dem Bereich nur einen "Vergleich mit Bauchweh" anstellen. Während in Österreich 0,3 und Deutschland 0,4 Prozent der Heimbewohner verstorben sind, sei dieser Anteil in Schweden mit zwei Prozent oder Belgien mit 3,7 Prozent deutlich höher, erklärte Rappold.

Anschober: Corona-Testungen dauern an

Anschober hatte im April angekündigt, dass alle Mitarbeiter und Bewohner in Alters- und Pflegeheimen getestet werden. 918 solche Einrichtungen gibt es in Österreich, die Anzahl der Bewohner und Mitarbeiter belaufe sich auf insgesamt um die 130.000 Menschen, sagte der Minister bei der Ankündigung der groß angelegten Testungen. Dieses Screeningprogramm dauere noch an, berichtete Anschober am Dienstag. Noch seien nicht alle Bundesländer mit den Testungen fertig. Bisher wurden österreichweit 26.000 Bewohner und 27.000 Mitarbeiter getestet, bei knapp 800 Bewohnern und knapp 400 Mitarbeitern seien die Test bisher positiv ausgefallen.

Neue Empfehlungen für Heime

Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) stellte am Dienstag auch neue Lockerungsempfehlungen in Alters- und Pflegeheimen vor, die nun auf der Homepage des Ministeriums abrufbar sind. Das Ziel sei eine "schrittweise Rückkehr zu einer möglichst normalen Lebenssituation". Davon sei man in manchen Einrichtungen leider weit entfernt gewesen, so eine Bewohnervertreterin.

Susanne Jaquemar vom Vertretungsnetz betonte, dass es vor allem in den Zeiten des strengen Lockdowns, in denen Besuche in Alters- und Pflegeheimen zum Schutz vor Einschleppung von Covid-19 weitestgehend untersagt und die Bewegungsfreiheit der Bewohner massiv eingeschränkt waren, "zu sehr vielen Beschwerden" gekommen ist. Vielfach wurden etwa Spaziergänge unter Androhung von Isolationsmaßnahmen untersagt, der Rahmen des Heimaufenthaltsgesetzes wurde dabei mitunter verlassen: Für derartige Maßnahmen "gab es keine gesetzliche Grundlage", so Jaquemar.

Nur zögerliche Rückkehr zur Normalität

Auch nach der ersten Lockerung der Maßnahmen Anfang Mai habe es in manchen Regionen jedoch nur eine sehr zögerliche Rückkehr zur Normalität gegeben. Einzelne Einrichtungen würden die Freiheit von Bewohnern und Angehörigen noch immer stark beschneiden. Lockerungen müssten nun "endlich" auch Menschen in den Pflegeeinrichtungen erreichen. Alltägliche Besorgungen müssten "selbstverständlich möglich sein", und auch Treffen mit Angehörigen dürften nicht hinter Plexiglas und unter Beobachtung stattfinden, forderte Jaquemar, die die neuen Empfehlungen des Ministeriums als "ganz wichtigen Schritt in Richtung Alltag in normalisierten Umständen" wertete.

Anschober verwies darauf, dass vor den Lockerungen der Schutz der Heimbewohner oberste Priorität gehabt habe und Maßnahmen "aus der Sondersituation heraus" entstanden seien. Die Entschärfung der Vorgaben habe zu keinen negativen Auswirkungen auf die Infektionszahlen geführt, sei aber mitunter auch "unterschiedlich gelebt worden", so der Minister. Man werde sich diese Entwicklungen nun "gemeinsam anschauen müssen". Die neuen Empfehlungen seien ein "großer Schritt in Richtung Normalisierung" und auf Basis eines breiten Dialoges mit den Bundesländern entstanden und würden von dem Grundkonsens getragen, die Gleichberechtigung in der Gesellschaft wieder zu verbessern.

Hygieneregeln gelten weiterhin

Es gelte aber weiter, Hygienepläne und die allgemeinen Schutzmaßnahmen wie das Abstandhalten oder den Verzicht auf das Händeschütteln oder Umarmungen einzuhalten. Die Einrichtungen seien auch weiter gefordert, "individuelle Risikoabschätzungen" vorzunehmen und eigene Konzepte für ihre Standorte zu erarbeiten. Zu einer weiteren Normalisierung soll es auch bei den Besuchszeiten kommen, Kinder dürften nun wieder bei einem Besuch dabei sein. Auch die Heimvertretungen könnten ihrer Tätigkeit wieder ungehindert nachgehen, so Anschober. Er gehe davon aus, dass "die (auch für Einrichtungen im Bereich der Behindertenhilfe neu formulierten, Anm.) Lockerungen auch gelebt werden", verwies jedoch darauf, dass man diese wieder überdenken könne, wenn sich das Infektionsgeschehen verschlechtere oder Infektionscluster vermehrt auftreten.

Für die Direktorin der Diakonie Österreich, Maria Katharina Moser, hat sich durch den Lockdown, aber auch die Lockerungen eine "massive Dilemmasituation" für die Betreiber der Einrichtungen ergeben. Die gesetzten Maßnahmen waren zwar "wichtig und richtig", hätten aber natürlich auch die Isolation verschärft. Eine solche Situation "verletzt die Seele" und demente Menschen können solche Vorkommnisse oft gar nicht verstehen. Wenn etwa beruhigende Besuche von Angehörigen wegfallen und Behandlungen nicht durchgeführt werden können, verschlechtere das auch die Situation insgesamt. Der "Kontakt per Skype ist nicht derselbe", zitierte Moser eine Angehörige.

Studie zu Alters- und Pflegeheimen "hat uns klüger gemacht"

Die nun vorgestellte Studie zu Covid-19 in Alters- und Pflegeheimen "hat uns klüger gemacht", nun brauche es aber auch eine Studie zu Langzeitfolgen. In punkto Gewährung von Freiheiten werde man leider "ohne Impfstoff immer etwas schuldig bleiben", sagte Moser, die vor einer wiederkehrenden "Medikalisierung" des Bereiches warnte. Hinsichtlich einer etwaigen zweiten Infektionswelle widersprach Moser Stimmen, die eine Art selektiven Lockdown für Risikogruppen in den Raum stellen: Ein Wegsperren von älteren Menschen "wäre eine moralische Katastrophe".

Fallsterblichkeit nach Altersgruppen - SŠäulengrafik

(apa/red)

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