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Coronakrise: Deutlich mehr Anrufe bei "Rat auf Draht"

Vor allem psychische Problem machen Kindern und Jugendlichen zu schaffen.
Vor allem psychische Problem machen Kindern und Jugendlichen zu schaffen. ©pixabay.com (Sujet)
Bei "Rat auf Draht" ist die Anzahl der Beratungen im Vergleich zum Vorjahr stark gestiegen. Im April machten Kindern und Jugendlichen vor allem psychische Problem zu schaffen.

Die Zahl der Beratungen bei "Rat auf Draht" ist im April im Vergleich zum Vorjahr stark angestiegen. Telefonisch meldeten sich ein Drittel mehr Kinder und Jugendliche bei dem rund um die Uhr, kostenlos und anonym erreichbaren Notruf 147. Im zuletzt ausgebauten Chat-Bereich wurde um 82 Prozent mehr beraten. Vor allem psychische Probleme machen den Hilfesuchenden in der Coronakrise zu schaffen.

Besorgniserregende Entwicklung in der Krise beobachtet

"Wir beobachten eine besorgniserregende Entwicklung. Fragen zur psychischen und physischen Gesundheit sind im Themen-Ranking sehr weit oben, während klassische Teenager-Sorgen wie die erste Liebe, Streit mit Freunden oder Taschengeld zusehends in den Hintergrund rücken", schilderte Birgit Satke, Leiterin von "Rat auf Draht", am Dienstag bei einem Pressegespräch.

Die Kinder und Jugendlichen plagen laut Satke "Ängste in allen Facetten". So sorgen sich viele, dass sie sich selbst oder Familienmitglieder mit dem Coronavirus anstecken könnten. Auch Zukunftsängste hinsichtlich der Schule, der Jobaussichten oder der beruflichen Situation der Eltern stellen ein Problem dar.

Psychische Gewalt in Familien besonders drastisch gestiegen

Die psychische Gewalt innerhalb der Familie stieg besonders drastisch an. Im April des Vorjahres gab es 31 diesbezügliche Beratungen, heuer waren es 149. "Die Kinder und Jugendlichen werden beispielsweise ständig von ihren Eltern angeschrien und bekommen gesagt, dass aus ihnen niemals etwas werde, wenn sie ihre Hausaufgaben nicht erledigen", sagte Satke. Viele wüssten nicht, dass psychische Gewalt unter Strafe stehe.

Ebenfalls einen starken Anstieg gab es hinsichtlich von Schlafproblemen (240 Prozent), Anfragen zu psychischen Erkrankungen wie Panikattacken oder Depressionen (146 Prozent), Suizidgedanken und Autoaggression wie etwa Ritzen (jeweils 54 Prozent) sowie physischer Gewalt in der Familie (88 Prozent).

"Familien drohen in der Corona-Krise zu zerbrechen", warnte Katrin Grabner, Kinderrechtsexpertin bei SOS-Kinderdorf. Das werde mitunter dadurch verstärkt, dass auf manche Säule des Gesundheitssystems zuletzt vergessen wurde. "Viele Behandlungen psychischer Erkrankungen waren ausgesetzt. Dabei werden belastete Jugendliche zu kranken Erwachsenen", mahnte die Kinderrechtsexpertin.

Rat auf Draht fordert Entlastung für Familien

"Kinder, Jugendliche und ihre Familien zu entlasten, muss nun oberste Priorität haben", forderte Grabner. Eine Ausweitung des Angebots von Therapieformen per Telefon oder Videochat, die vor allem von Jugendlichen gut angenommen werden, würde sich anbieten. Dazu müssten diese Therapieformen aber auch zu abrechenbaren Kassenleistungen werden, so die Kinderrechtsexpertin.

Generell mangele es an rund 70.000 kassenfinanzierten Therapieplätzen für Kinder und Jugendliche in Österreich. Manches Bundesland müsse ohne Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie mit Kassenvertrag auskommen. "Diesem Engpass muss man dringend entgegenwirken", forderte Grabner.

Lehrer dürfen mit Aufgaben nicht alleine gelassen werden

Zudem könnten nun mit der Öffnung der Schulen, die für viele Kinder und Jugendliche ein wichtiges Unterstützungssystem darstellt, viele Probleme der vergangenen Wochen erst an die Oberfläche dringen. "Lehrer dürfen mit dieser Aufgabe nicht allein gelassen werden. Es braucht einen Ausbau der Schulpsychologie und Sozialarbeit", sagte Grabner.

Das zuletzt ausgeweitete Chat-Beratungsprogramm von "Ratauf Draht" wird bis Ende dieses Schuljahres aufrechterhalten, aber zusehends zeitlich eingeschränkt. Ab 18.00 Uhr werden jedoch auch in den Ferien weiterhin Experten von "Rat aufDraht" per Online-Chat zur Verfügung stehen.

Personal musste aufgestockt werden

"Wir haben das Personal sowohl am Telefon als auch in der Chat-Beratung aufgestockt, sonst hätten wir das Programm nicht aufrechterhalten können", so Satke, die darauf aufmerksam machte, dass "Rat auf Draht" zum überwiegendem Teil auf Spenden angewiesen sei. Lediglich ein Drittel der Kosten werde von der öffentlichen Hand getragen.

(APA/Red)

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