Corona-Prognosen: Wo Österreichs Politiker falsch lagen

Innenminister Karl Nehammer (ÖVP), Vizekanzler Werner Kogler (Grüne), Ex-Kanzler Sebastian Kurz (ÖVP) und Ex-Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) verkünden bei einer Pressekonferenz neue Corona-Regeln: Ein bekanntes Bild in den ersten Lockdowns. Viele Versprechen von damals waren jedoch falsch.
Innenminister Karl Nehammer (ÖVP), Vizekanzler Werner Kogler (Grüne), Ex-Kanzler Sebastian Kurz (ÖVP) und Ex-Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) verkünden bei einer Pressekonferenz neue Corona-Regeln: Ein bekanntes Bild in den ersten Lockdowns. Viele Versprechen von damals waren jedoch falsch. ©APA/HERBERT NEUBAUER
Die ÖVP unter Sebastian Kurz erklärte die Coronapandemie mehrmals für beendet. Auch Rudolf Anschober war nach der ersten Welle erleichtert, dass es keine zweite geben werde. Wo Politiker falsch lagen: Ein Überblick.
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Die Geschichte der vierten Welle ist auch eine Geschichte überzogener politischer Versprechen. Vor allem die ÖVP unter Kanzler Sebastian Kurz und Nachfolger Alexander Schallenberg hat die Corona-Krise gleich mehrmals für beendet erklärt. "Die Pandemie ist für alle vorbei, die geimpft sind", versprach Kurz im Juni. Von Lockdowns wollte die ÖVP daher trotz dramatischer Hilferufe der Spitäler nichts wissen. Dabei hätte die Regierung aus der Erfahrung des Vorjahres lernen können.

Anschober und Kurz lagen öfter mit ihren Corona-Prognosen falsch

Schon vor der zweiten Corona-Welle im Herbst 2020 hatten sich ÖVP und Grüne grob verschätzt. "Ich bin sehr optimistisch, dass es in Österreich zu keiner zweiten Welle kommen wird", sagte etwa der Grüne Gesundheitsminister Rudolf Anschober nach dem überstandenen ersten Lockdown im Juni. Ende August - nach einem Monat des langsamen aber steten Anstiegs der Infektionen - sagte Kurz in einer Rede: "Die gute Nachricht ist, es gibt schön langsam Licht am Ende des Tunnels." Ein Monat später explodierten die Infektionszahlen.

Experten warnten die Regierung vor Wiederholung der Fehler von 2020

Im heurigen Sommer hatten Experten die Regierung immer wieder vor einer Wiederholung der Fehler des Vorjahres gewarnt. So stellte die Virologin Dorothee Von Laer Ende August einen weiteren Lockdown in Aussicht, wenn die vierte Welle "nicht bald abflacht". Zuvor hatte schon die "Ampelkommission" deponiert, dass die niedrige Durchimpfung angesichts der hochansteckenden "Delta-Variante" nicht ausreiche, "um erneute Überauslastungen von Intensivstationen im Zuge des Herbstes und Winters 2021 auszuschließen".

Wiener Landesregierung warnte vor Gefährdung der Intensivkapazitäten

Noch früher, nämlich Ende Juni, hatte die Wiener Landesregierung vor einer Gefährdung der Intensivkapazitäten gewarnt, sollten sich nicht mehr Menschen impfen lassen. Dass Wien die Zutrittstests in Gastronomie und Sporteinrichtungen daher auf Kinder unter 6 Jahren ausdehnte, während der Bund seine Maßnahmen lockerte, ließ die ÖVP schwere Geschütze auffahren. Insbesondere Tourismusministerin Elisabeth Köstinger geißelte wiederholt den Wiener Sonderweg.

Sebastian Kurz versprach Rückkehr zur Normalität bis Sommer 2021

Die Kritik der ÖVP kam nicht von ungefähr. ÖVP-Chef und (damals noch) Bundeskanzler Sebastian Kurz hatte nämlich schon im Sommer 2020 die Rückkehr in die Normalität bis zum Sommer 2021 versprochen - und das später angesichts der angelaufenen Impfkampagne unermüdlich wiederholt. So stellte Kurz in einem von der ÖVP verbreiteten Video im April für den Sommer eine "coole Zeit" in Aussicht. Da nahm sich die Ankündigung des Grünen Vizekanzlers Werner Kogler im Mai fast schon bescheiden aus: "Eigentlich ein bisschen ein Sommer wie damals."

"Die Pandemie gemeistert, die Krise bekämpft"

"Die Pandemie gemeistert, die Krise bekämpft", plakatierte die ÖVP schließlich für ihre Sommerkampagne. Und Ende Juni doppelte Kurz mit dem Versprechen nach: "Die Pandemie ist für alle vorbei, die geimpft sind." Diesem Slogan verpflichtete sich auch sein Nachfolger im Kanzleramt, Alexander Schallenberg. "Die Pandemie ist zu Ende", verkündete Schallenberg am Rande des ÖVP-Parteitags im August in einem Interview. ÖVP-Finanzminister Gernot Blümel begründete das Ende des Mottos "koste es was es wolle" im Oktober mit dem Satz: "Weil die Pandemie vorbei ist." Und selbst diese Woche - nach dramatischen Hilferufen insbesondere von Salzburger Medizinern - lehnte Schallenberg Ausgangsbeschränkungen für Geimpfte noch ab: "Ich will ja die Ungeimpften zur Impfung bringen und nicht die Geimpften einsperren."

Lockdown für Ungeimpfte

Auch die türkis-schwarzen Landeshauptleute hielten sich bis zuletzt an diese Linie - selbst in den Corona-Hotspots Salzburg und Oberösterreichs. "Wir in Oberösterreich haben Gott sei Dank viele Intensivbetten", lehnte Thomas Stelzer noch vorigen Mittwoch härtere Maßnahmen ab, nur um tags darauf den "Lockdown für Ungeimpfte" zu verkünden. Der Salzburger Wilfried Haslauer leistete noch etwas länger Widerstand und ätzte sogar, "Virologen hätten am liebsten, dass jeder Salzburger und Oberösterreicher im Zimmer eingesperrt wird." Nun kündigten beide Landeschefs den kompletten Lockdown ab kommendem Montag an. Auch die Schulen sollen schließen.

"Eine generelle Impfpflicht wird es nicht geben in Österreich"

Damit scheint die Macht des Faktischen nicht nur das Nein der ÖVP zu neuen Lockdowns gekippt zu haben, sondern auch jenes der Grünen zu einer Impfpflicht. "Eine generelle Impfpflicht wird es nicht geben in Österreich", hatte sich Gesundheitsminister Wolfgang Mückstein im Juli apodiktisch festgelegt. Einzig für Gesundheitsberufe kündigte er eine solche vorige Woche an. Am Mittwoch bestätigte Justizministerin Alma Zadic schließlich Gespräche über eine darüber hinausgehende Regelung: "Das wird alles geprüft, der Gesundheitsminister spricht sich sehr eng mit Juristen ab, mit Verfassungsjuristen."

(APA/Red)

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