Corona in Österreich: Vom Musterschüler zum Sorgenkind

Österreich gehörte zu den "First overn", bewegt sich jetzt allerdings im Hinterfeld.
Österreich gehörte zu den "First overn", bewegt sich jetzt allerdings im Hinterfeld. ©APA/ROLAND SCHLAGER
Die Bilanz der einstigen "First Mover" fällt sehr unterschiedlich aus. Während einige das Coronavirus gut in den Griff bekamen, entwickelten sich andere Länder zu Sorgenkindern. Das Format brachte zwar einen Erfahrungsaustausch, aber wenig Konkretes.

Sie galten im vergangenen Frühjahr mit ihrer raschen Reaktion auf die Ausbreitung des Coronavirus weltweit als Musterschüler: Österreich, Israel, Tschechien, Australien, Neuseeland, Dänemark, Griechenland und Norwegen. Die selbst ernannten "smarten First-Mover-Countries" beraten seitdem regelmäßig miteinander. Ein Jahr nach Beginn der Pandemie fällt die Bilanz in den Ländern sehr unterschiedlich aus. Gebracht hat die Kooperation den Erfahrungsaustausch, aber wenig Konkretes.

Die Initiative zum ersten virtuellen Treffen der Länder am 24. April ging von Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) aus. Die bunte Mischung der völlig unterschiedlichen Länder ergab sich daraus, dass es diesen Ländern in der ersten Welle ähnlich gut gelungen war, durch sehr früh gesetzte strikte Maßnahmen die Ausbreitung des Virus einzudämmen. Zwischendurch wurden auch Singapur und Costa Rica in den Kreis aufgenommen. Neuseeland war nur bei den ersten Video-Treffen auf Premierministerebene dabei.

"Musterschüler" schlugen verschiedene Wege ein

Mittlerweile sind zwischen kaum mehr Parallelen bei der Bewältigung der Pandemie der Länder zu erkennen. Als Vorzeigeländer gelten schon lange nur mehr einige von ihnen. Während Australien und Neuseeland weiterhin sehr gut durch die Pandemie kommen, was den strikten Maßnahmen aber zu einem guten Teil auch der geografischen Lage der Inselnationen geschuldet ist, haben vor allem Israel und Tschechien eine sehr durchwachsene Bilanz vorzuweisen. Die Länder reagierten in der zweiten Welle mit Maßnahmen deutlich zögerlicher als in der ersten Welle und haben bis heute mit den Folgen zu kämpfen. Wochenlange Lockdowns brachten die Zahlen nicht wie gewünscht nach unten. Israel ist nun Impfweltmeister, kämpft aber nach wie vor mit hohen Infektionszahlen. Tschechien ist seit Monaten unter den Ländern mit der höchsten Inzidenzrate in der EU.

Die einstigen First Mover haben trotz der völlig unterschiedlichen Entwicklungen ihre regelmäßigen Beratungen fortgesetzt. Zuletzt berieten die Länder Mitte Jänner über die Pandemie-Bekämpfung und die Impfstrategien der unterschiedlichen Länder. Aus dem Bundeskanzleramt heißt es auf Anfrage, dass in erster Linie ein intensiver gegenseitiger Informationsaustausch vereinbart und durchgeführt wurde sowie vertiefende Gespräche auf Expertenebene. Österreich könne von einem möglichst intensiven internationalen Informations- und Erfahrungsaustausch nur profitieren, heißt es, denn "die verschiedenen hier vertretenen Länder befinden sich in unterschiedlichen Stadien der Pandemiebekämpfung und bringen Best Practice Beispiele sowie teils andere Erfahrungswerte ein".

Überblick zu den einstigen Musterschülern

Tatsächlich klafft die Entwicklung seit dem Sommer in einzelnen Länder auseinander. Ein Überblick:

AUSTRALIEN: Bestätigte Infektionen insgesamt: 28.850, Tote: 909, 14-Tage-Inzidenz: 0,32, Impfrate: k. A.

Australien ist im internationalen Vergleich relativ glimpflich durch die Corona-Pandemie gekommen. Das 25-Millionen-Einwohner-Land verzeichnete insgesamt 28.850 Fälle und rund 900 Tote im Zusammenhang mit dem Coronavirus. Nach der erfolgreichen Eindämmung der Pandemie im Frühjahr wurden lokale Cluster immer wieder mit raschen und harten regionalen Lockdowns bekämpft. Schon im Juli wurden wochenlange Beschränkungen mit nächtlichen Ausgangssperren im Bundesstaat Victoria mit der Millionenstadt Melbourne verhängt. Im Herbst galt das Virus wochenlang als verschwunden, bis Mitte Dezember neue Fälle in Sydney ausbrachen und umgehend ein regionaler Lockdown und Reisebeschränkungen zwischen den Regionen verhängt wurden. Seit März blieben auch die Grenzen des Kontinents weitgehend dicht. Eine Öffnung der Grenzen ist auch im Jahr 2021 trotz Impfungen nicht zu erwarten, erklärte der medizinische Chefberater der australischen Regierung, Brendan Murphy im Jänner.

DÄNEMARK: Bestätigte Infektionen insgesamt: 201.621, Tote: 2.216, 14-Tage-Inzidenz: 109, Impfrate: 2,9%

Dänemark war eines der ersten europäischen Länder, das Anfang März bereits strikte Corona-Maßnahmen setzte und die Grenzen schloss. Auch bei der Öffnung war das Land ganz vorne dabei und begann anders als andere Länder zuerst im Bildungsbereich. Bis zum Spätherbst kam das Land sehr gut durch die Pandemie. Im November begannen die Infektionszahlen dann aber rasant zu steigen. Dänemark war eines der ersten EU-Länder, in denen sich die britische Variante des Coronavirus verbreitete. Sorge bereitete zugleich eine mutierte Form des Coronavirus bei Nerzen, die auf Menschen übertragen wurde. Mehr als 15 Millionen Nerze wurden deshalb getötet. Nach Höchstwerten bei den täglichen Neuinfektionszahlen im Dezember sind die Coronazahlen in dem nordeuropäischen Land mittlerweile wieder deutlich zurückgegangen. Die 14-Tage-Inzidenz liegt derzeit knapp über 100. Auch das Impfen geht im europäischen Vergleich relativ zügig voran.

GRIECHENLAND: Bestätigte Infektionen insgesamt: 163.946, Tote: 5.972, 14-Tage-Inzidenz: 112, Impfrate: 1,6%

Griechenland steht im EU-Vergleich zahlenmäßig relativ gut da. Dennoch befindet sich das Land mit seinen rund elf Millionen Einwohner wegen zuletzt sprunghaft angestiegenen Infektionszahlen seit einer Woche erneut in einem harten Lockdown. Die Regierung warnte vergangene Woche eindringlich vor einer dritten Infektionswelle. Das griechische Gesundheitssystem, das nach der jahrelangen schweren Finanzkrise des Landes nicht besonders gut aufgestellt ist, steht unter Druck. Die Regierung hatte deshalb von Beginn der Pandemie an im Vergleich zu anderen EU-Staaten einen verhältnismäßig harten Kurs gefahren.

ISRAEL: Bestätigte Infektionen insgesamt: 700.479, Tote: 5.129, 14-Tage-Inzidenz: 1.149, Impfrate: 29,4%

Israel ist das Land der Extreme: Kaum ein Land kam so gut durch die erste Corona-Welle im Frühjahr, aber auch kaum ein Land verzeichnete so hohe Infektionszahlen im Verhältnis zur Einwohnerzahl in der folgenden Welle. Die Infektionszahlen sind nach wie vor sehr hoch, mittlerweile macht das Land aber vor allem als Impfweltmeister internationale Schlagzeilen. Der Preis dafür ist eine mit Pfizer vereinbarte Übermittlung von Impfdaten an den Pharmakonzern.

Auch nach dem dritten wochenlangen harten Lockdowns und einer massiven Impfkampagne gehen die Zahlen der Neuinfektionen nur langsam zurück. Mittlerweile zeigen sich langsam Erfolge. So liegt die 14-Tage-Inzidenz immer noch bei über 1.100 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner, allerdings geht die Zahl der Neuinfektionen bei den über 60-Jährigen deutlich zurück. Bisher sind bereits mehr als ein Viertel der rund 9,3 Millionen Israelis geimpft. Knapp vier Millionen Israelis erhielten laut offiziellen Angaben die Erstimpfung, davon wurden rund 2,6 Millionen bereits zum zweiten Mal geimpft. Rund 30 Prozent der israelischen Bevölkerung ist jünger als 16 Jahre, diese Gruppe wird vorerst nicht geimpft.

NEUSEELAND: Bestätigte Infektionen insgesamt: 1.964, Tote: 25, 14-Tage-Inzidenz: 0,7, Impfrate: 0%

Neuseeland gehört nach wie vor zu den weltweit erfolgreichsten Ländern bei der Eindämmung der Pandemie. Nach dem guten Start und einem strikten Lockdown im Frühjahr reagierte die Regierung von Premierministerin Jacinda Ardern auch auf einen neuen Infektionsherd Mitte August in der größten Stadt Auckland rasch mit erneuten rigiden Maßnahmen. Die Grenzen des abgelegenen Inselstaates blieben geschlossen. Alle Einreisende müssen sich nach der Einreise für zwei Wochen in staatlichen Einrichtungen in Quarantäne begeben. Der Inselstaat mit fünf Millionen Einwohnern verzeichnete seit Beginn der Pandemie nur 25 Tote im Zusammenhang mit Covid-19. Zwischen Mitte November und Ende Jänner wurde wochenlang überhaupt kein einziger Infektionsfall registriert. Mit den Impfungen beginnt das Land erst diese Woche ab Samstag. Am Montag erreichten die ersten Dosen des Impfstoffs von Biontech und Pfizer das Land.

NORWEGEN: Bestätigte Infektionen insgesamt: 64.772, Tote: 582, 14-Tage-Inzidenz: 69, Impfrate: 1,3%

Norwegen ist bisher relativ gut durch die Corona-Krise gekommen, die Infektionsraten zählen seit langem zu den niedrigsten Europas. Das Land verhängte anders als das Nachbarland Schweden von Beginn an strikte Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus und ein strenges Grenzregime. Zuletzt sorgte ein Ausbruch der britischen Coronavirus-Variante in einem Pflegeheim nahe Oslo für Bedenken und strikte Maßnahmen in der Hauptstadtregion. Das Land verzeichnet neben Island die niedrigste Infektionsrate Europas.

TSCHECHIEN: Bestätigte Infektionen insgesamt: 1.037.405, Tote: 17.333, 14-Tage-Inzidenz: 914, Impfrate: 1,5%

Unser Nachbarland hat sich vom Musterland zu einem der größten Sorgenkinder Europas entwickelt. Während im März rasch und mit strikten Maßnahmen wie einer Maskenpflicht im gesamten öffentlichen Raum auf die ersten bestätigten Fälle reagiert wurde, zögerte die tschechische Regierung im August trotz steigender Infektionszahlen zunächst lange. Erst spät wurden die unpopulären Maßnahmen wieder verschärft. Im Herbst kam das Gesundheitssystem wegen explodierenden Infektionszahlen an seine Grenzen. Strikte Maßnahmen brachten die Infektionszahlen nur langsam nach unten. Nach wie vor gilt ein strenger Lockdown und eine weitgehende Einreisesperre. Dennoch liegt die 14-Tage-Inzidenz pro 100.000 Einwohner nach wie vor über 900. Mittlerweile hat jeder zehnte Tscheche nach offiziellen Angaben bereits eine Corona-Infektion durchgemacht.

COSTA RICA: Bestätigte Infektionen insgesamt: 197.435, Tote: 2.692, 14-Tage-Inzidenz: 131, Impfrate: 0,9%

Costa Rica galt im Frühling als Zentralamerikas Musterschüler im Kampf gegen die Corona-Pandemie. Seit dem Sommer verzeichnete das knapp Fünf-Millionen-Einwohner-Land aber konstant hohe Neuinfektionen. Seit Mitte Jänner sinken die Zahlen der neuen Fälle wieder. Regionale Schwerpunkte sind die größeren Städte und die Grenzregion zu Nicaragua. Zu Weihnachten gehörte Costa Rica neben Mexiko und Chile zu den ersten Länder Lateinamerikas, die mit dem Impfen begannen.

SINGAPUR: Bestätigte Infektionen insgesamt: 59.699, Tote: 29, 14-Tage-Inzidenz: 6,7, Impfrate: 0,1%

In dem Stadtstaat mit seinen 5,8 Millionen Einwohnern traten wegen der Nähe zu China die ersten Infektionen bereits Anfang Februar auf. Die Infizierten wurden sofort isoliert, Infektionsketten minutiös nachverfolgt und alle Kontaktpersonen unter Quarantäne gestellt. Die Auswertung von Standortdaten wurde bei der Durchsetzung von Ausgangssperren genutzt. So gelang es, die Fallzahlen äußerst niedrig zu halten - obwohl Schulen und Geschäfte zunächst offen blieben. Zudem setzte die Regierung aufs Testen im großen Maßstab. Größter Erfolg ist die niedrige Todesrate in Singapur: Trotz insgesamt 59.699 bestätigten Infektionen seit Pandemie-Beginn gibt es nach wie vor nur 29 bestätigte Todesopfer.

(APA/red)

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