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Ciao Cherie - Kritik und Trailer zum Film

Nina Kusturicas dritter Langfilm "Ciao Cherie", der heuer bei der Diagonale Premiere feierte, verdichtet die Welt in einem Ottakringer Callshop: Dort sitzen Menschen aus aller Welt, um mit ihren Liebsten in Kontakt zu bleiben. Dabei geben die episodenhaften Telefongespräche Einblicke in den Alltag ganz unterschiedlicher Protagonisten und ihren emotionalen Zuständen, die zwischen hoffnungsvoll und trauernd oszillieren.

Ein Callshop im Migrantenbauch von Wien. Menschen aus aller Welt sitzen in den Kabinen und vertelefonieren ihr hart verdientes Geld, um mit anderen Menschen, die ihnen wichtig sind, in Kontakt zu bleiben. Der österreichisch-bosnischen Filmemacherin Nina Kusturica gelingt mit ihrem dritten Langfilm “Ciao Cherie” ein wunderbar poetisches Stück Kino, das ab Freitag zu sehen ist.

Ciao Cherie: Kurzinhalt zum Film

Ange aus Togo telefoniert aus Einsamkeit immer wieder mit ihrem Exfreund Leon, der nichts mehr von ihr wissen will. Samo hört sich hilflos die trostlosen Alltagsschilderungen seiner in Syrien verbliebenen Familie an. Ein afghanischer Teenager streitet mit seinem Vater am Telefon, der ihm eine künftige Ehefrau verschafft hat, während die Wiener Freundin und ein Kumpel vor der Kabine sitzen. Es wird gelogen, geträumt, ersehnt, gebeichtet.

Kusturica erzählt die Geschichten von Menschen aus aller Welt in Form von episodenhaften Telefongesprächen. Alle Telefonate finden in der Originalsprache statt. Die jeweiligen Gesprächspartner am anderen Ende treten nur als akustische Phantome auf, bekommen durch die ausgeklügelten Dialoge – der Großteil des Films basiert auf einem vorbereiteten Skript der Regisseurin – aber für den Zuseher Charakter und imaginative Konturen.

Den Rahmen für diese Lebensschicksalsfragmente gibt der Callshop ab. Dessen aus Serbien stammende Besitzerin Larisa hat ein Problem mit ihrem abgehauenen Ehemann, der sie mit Kindern und Shop in Wien sitzen gelassen hat. Der geheime Hauptdarsteller in dem Laden ist ein dort ständig anzutreffender Nigerianer, der sich nicht erinnern kann, wer er überhaupt ist. Die Figur wirkt durch ihre Wortkargheit und ihre an den “Mann ohne Vergangenheit” erinnernde Amnesie als stilistische Verneigung vor der finnischen Autorenkino-Legende Aki Kaurismäki.

Ciao Cherie: Die Kritik

Nina Kusturica drehte den Film sowohl mit Laiendarstellern als auch mit Schauspielprofis. Extra gecastet wurden auch jene Charaktere, die ausschließlich als Stimmen vorkommen. Ein besonderer Kunstgriff wandte die Regisseurin mit der Filmmusik an: Die sich quer durch den Film ziehenden Wiegen- und Kinderlieder aus der jeweiligen Heimat dienen als “innere Stimme” der Telefonierenden. Die Stücke werden von den Schauspielern selbst intoniert und kommen ohne instrumentale Begleitung aus. Das verleiht den Liedern eine berührende Intimität, die mit den tragikomischen Gesprächsinhalten und der grenzabsurden Callshop-Realität kontrastiert.

Am Ende des Films meldet sich endlich der verschwundene Ehemann der Shop-Besitzerin mit einer wunderbaren Beichte und nachträglichen Liebeserklärung an Larisa, die dem Film im letzten Moment jegliche Schwere nimmt. Fazit: Die Beziehungsprobleme, die Familiensorgen, die die Menschen plagen, sind wahrlich überall die gleichen. Kusturicas “Ciao Cherie” ist ein humanistisches Lehrstück für all jene, die immer noch in “Wir und die anderen”-Dimensionen denken.

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(APA/Red)

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