Chronologie der Burgtheater-Krise: Überblick über die Jahre 2008 bis 2014

Das Wiener Burgtheater steckt in der Krise.
Das Wiener Burgtheater steckt in der Krise. ©APA
Die finanzielle Krise des Wiener Burgtheaters hat sich über Jahre angebahnt: Die Entwicklung der Jahre 2008 bis 2014 im Überblick.
Stantejsky entlassen
"Krise hat etwas Reinigendes"
"Opfer" von Bilanzierungstricks
Hartmann legt Amt nieder

Überblick über die Jahre 2008 bis 2011

18. April 2008
Silvia Stantejsky, seit 1980 Leiterin des Betriebsbüros des Burgtheaters, seit der Ausgliederung 1999 in eine GmbH Prokuristin und Stellvertreterin des kaufmännischen Geschäftsführers Thomas Drozda, wird per 1. September 2008 zur kaufmännischen Geschäftsführerin des Burgtheaters bestellt. Den zusätzlichen Finanzbedarf für das Burgtheater beziffert sie mit 3 bis 3,5 Millionen Euro.

22. April 2009
Bei seiner ersten Spielplan-Pressekonferenz in Wien erzählt Matthias Hartmann, in Zürich habe man ihn zuletzt vorwiegend nach Auslastung- und Budgetzahlen gefragt, was ihm “zum Hals raushängt”. Die Beantwortung nach der finanziellen Lage des Hauses überlässt der künftige Burgtheater-Direktor daher liebend gerne der kaufmännischen Geschäftsführerin: Silvia Stantejsky zeigt sich “überzeugt, dass wir einen Weg finden werden”.

16. Februar 2010
Bei der Präsentation des Geschäftsberichtes 2008/09 nach seinen Reaktionen auf die bei den Salzburger Osterfestspielen und den Salzburger Festspielen bekannt gewordenen Malversationen befragt, hebt Holding-Chef Georg Springer sein Vertrauen in die internen Controlling-Instrumente der Bundestheater hervor. Das Controlling-System werde laufend entwickelt und verfeinert, die interne Revision werde aufgrund einer Rechnungshof-Empfehlung gerade aufgestockt. “Wenn es jemand aber darauf anlegt, können sie in Wahrheit nur durch Zufall oder in Form von Stichproben draufkommen”, sagt Springer.

20. Juni 2011
Aus der in einer Kurzfassung veröffentlichten Effizienzanalyse der Bundestheater errechnet sich die Holding bis zu 14 Mio. Euro “Optimierungspotenzial”. Holding-Chef Georg Springer sieht die Möglichkeit, über einen Zeitraum von fünf Jahren “etwa sieben bis zehn Prozent der uns von der öffentlichen Hand zur Verfügung gestellten Basisabgeltung” effizienter einzusetzen. Im Ministerium heißt es, die freiwerdenden Mittel sollen “für die Kunst” eingesetzt werden.

Das ist 2013 passiert

15. Februar 2013
Die Kaufmännische Geschäftsführerin des Burgtheaters, Silvia Stantejsky, verzichtet auf neuerliche Bewerbung bei der Ausschreibung ihres Postens. “Die Subvention des Theaters ist in den letzten 13 Jahren real um 33 Prozent geschrumpft. Das liegt daran, dass die Gehaltserhöhungen zwar bezahlt werden müssen, vom Gesetzgeber aber nicht erstattet werden. Dieser Entwicklung muss in der Zukunft entgegengewirkt werden, wenn das Burgtheater seinem Auftrag in der heutigen Form weiter nachkommen soll, auch wenn es dem Theater aufgrund steigender Zuschauerzahlen noch gut geht”, wird vom Burgtheater auf die angespannte finanzielle Situation des Hauses hingewiesen. Gleichzeitig wird bekannt gegeben, dass Stantejsky ab 1. September Stellvertreterin des künstlerischen Direktors werde.

14. März 2013
Bei der Bekanntgabe des Geschäftsberichts 2011/12 sagt Bundestheater-Holding-Chef Georg Springer: “Seit der Ausgliederung im September 1999 haben wir eine lange Strecke zurückgelegt. Der Tank ist leer. Wir fahren auf Reserve und noch ist keine Tankstelle in Sicht.” Ein ausgeglichenes Bilanzergebnis ist im Burgtheater aufgrund verkürzter Abschreibungsmodalitäten für Produktionen jedoch nur durch eine Herabsetzung des Stammkapitals um 3,6 Mio. Euro möglich.

9. April 2013
“Wir haben in den letzten 13 Jahren über 30 Prozent des Budgets eingespart”, sagt Burgtheater-Direktor Matthias Hartmann im APA-Interview: “Wenn wir jetzt so weitermachen würden mit diesem langsamen Erstickungstod, der uns vonseiten der Politik auferlegt wird, würde das Theater entweder Spielstätten schließen, das Programm runterfahren oder in erheblicher Anzahl Schauspieler entlassen müssen. Das sind die Schritte, die auf uns zukommen. Wir müssen ganz klar definieren, wie weit wir gehen können, und dann müssen wir unser Programm anpassen an die finanziellen Gegebenheiten.”

16. Mai 2013
Bei der Spielplan-Präsentation für die Saison 2013/14 sagt Hartmann: “Der Tag, an dem es nicht mehr geht, ist bereits verstrichen.”

21. Mai 2013
Thomas Königstorfer, bisher kaufmännischer Geschäftsführer der Musiktheater Linz GmbH, wird zum neuen kaufmännischer Direktor am Burgtheater ab 1. September bestellt.

13. Oktober 2013
Hartmann schreibt seine Rede bei der sonntägigen Matinee im Rahmen des Jubiläumskongresses zu “125 Jahren Haus am Ring” kurzfristig um und sagt: “Der Zeitpunkt, an dem das alles nicht mehr finanzierbar ist, der Zeitpunkt, auf den wir immer gewartet haben, ist nicht nur da, er ist unerkannterweise überschritten worden, und es gibt kein Schönreden, kein Aufschieben und keine Tricks, um diesen Zeitpunkt zu kaschieren. (…) Jetzt, nachdem wir alles getan haben, um das Burgtheater zu retten, ist es an der Politik zu entscheiden, wie es in der Zukunft auszusehen hat.”

11. November 2013
Im Zuge einer Gebarungsprüfung der von Stantejsky als kaufmännische Geschäftsführerin verantworteten Geschäftsjahre treten Ungereimtheiten auf, die nicht geklärt werden können. Silvia Stantejsky wird suspendiert.

18. November 2013
Aufgrund des “Unverzüglichkeitsprinzips” wird Stantejsky fristlos entlassen.

2. Dezember 2013
Silvia Stantejsky klagt vor dem Arbeits- und Sozialgericht Wien gegen ihre Entlassung.

Aktueller Stand der Burgtheater-Causa

3. Jänner 2014
Durch das Magazin “News” wird die Entlassung erstmals in der Öffentlichkeit bekannt.

7. Jänner 2014
Die Schauspielerinnen und Schauspieler des Burgtheaters stellen sich bei einer Ensembleversammlung auf die Seite der Vizedirektorin: “Die Solidarität des Ensembles gilt Silvia Stantejsky.”

9. Jänner 2014
Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG erhält den Auftrag zu einer forensischen Untersuchung jener Verdachtsmomente, die zur Entlassung Stantejskys geführt haben.

13. Jänner 2014
Der Rechnungshof stellt aufgrund der bekannt gewordenen Entlassung von Vizedirektorin Silvia Stantejsky “erhöhte Risikorelevanz” im Burgtheater fest und überlegt, ob er von sich aus eine Prüfung vornehmen wird. Die bisher letzte Rechnungshof-Prüfung des Burgtheaters liegt 20 Jahre zurück und hat 1994 stattgefunden.

14. Jänner 2014
Hartmann sagt im APA-Interview: “Ich habe nicht weggeschaut, weil ich solche Dinge nicht sehen kann, die sehen nur die Wirtschaftsprüfer. Wir müssen hoffen, dass diese Buchungen demnächst ihre Erklärung finden, damit wir aus diesem Gerüchtemoloch herauskommen – und die finanzielle Situation und die Causa Stantejsky getrennt werden, wie Äpfel und Birnen getrennt gehören.” Im Interview spricht er zudem davon, von seinem Vorgänger Klaus Bachler “eine Verbindlichkeit von 15,3 Millionen geerbt” sowie “in Bochum und Zürich zwei Sanierungsfälle als Theater geerbt und beide saniert zurückgelassen” zu haben. Wütende Dementis der Betroffenen sind die Folge.

22. Jänner 2014
Im Studio-Interview in der “ZiB2” spricht Springer davon, Stantejsky habe als kaufmännische Geschäftsführerin “eine sehr intelligente Schattenorganisation aufgebaut” und “dolose Handlungen” gesetzt.

28. Jänner 2014
Im bisher einzigen Interview bestreitet Stantejsky im Radiosender Ö1 alle Vorwürfe energisch: “Sowohl Dr. Springer als auch der Aufsichtsrat wird von sämtlichen buchhalterischen Entscheidungen informiert. Parallel kann gar nichts geschehen.” Die Entlassung habe sie “ganz kalt getroffen”: “Ich möchte vehement festhalten, dass ich mich in keiner Weise bereichert habe.”

10. Februar 2014
Der forensische Zwischenbericht von KPMG sieht “deutliche Indizien für gefälschte Belege und die Vorspiegelung falscher Tatsachen” durch Silvia Stantejsky. Laut Aufsichtsrat des Burgtheaters sei daher für das Jahr 2012/13 mit einem Bilanzverlust von “voraussichtlich” 8,3 Mio. Euro zu rechnen. Dazu könnten 5 Millionen Euro Steuernachzahlungen kommen.

14. Februar 2014
Die Ensembleversammlung des Burgtheaters beschließt ein Misstrauensvotum gegen Direktor Matthias Hartmann und Bundestheater-Holding-Chef Georg Springer. Man könne der bisherigen Darstellung, Stantejsky sei alleine für die finanzielle Misere verantwortlich, keinen Glauben schenken.

18. Februar 2014
Es sollen “alle notwendigen Maßnahmen für eine lückenlose und transparente Aufarbeitung der Vergangenheit abgeschlossen” und “alle notwendigen Schritte gesetzt werden, um das Burgtheater in eine professionell geführte, wirtschaftlich sanierte Zukunft führen zu können”, sagt Kulturminister Josef Ostermayer (SPÖ) nach einem Treffen mit Vertreter des Ensembles. Der Minister betont, Vertrauen in Springer und Hartmann zu haben, schließt jedoch zusätzliches Geld des Bundes aus.

19. Februar 2014
“Es geht uns nicht vorrangig um Personalfragen. Es geht uns ums Burgtheater”, betont Ensemblesprecher Roland Koch im APA-Interview. “Wir wollen keine unnötige Unruhe stiften, aber wir wollen vom Objekt zum Subjekt werden und sagen daher: Es muss Verantwortung übernommen werden, für uns und für dieses Haus.” Er sieht in den aktuellen Diskussionen rund um das Burgtheater auch etwas Positives: “Jede Krise hat etwas Reinigendes und birgt die Chance, trotz aller Verwerfungen aus ihr gestärkt hervorgehen zu können.”

22. Februar 2014
Auf der Bühne des Akademietheaters klingt eine Strophe eines “Talisman”-Couplets besonders aktuell: “Bei uns im Theater hängt jetzt der Haussegen schief, wegen dolosen Geschäften und sonstigen Miefs. Der Holding-Chef taub, der Aufsichtsrat blind, der Direktor ein Künstler: ,Ich inszenier noch mal g’schwind . . .’ Sie ham’ alle was g’wusst! Und des lasst ma ka Ruah! Na, da hab ich schon g’nua, na, da hab ich schon g’nua!”. Burgschauspieler Johannes Krisch bringt es mit seiner Nestroy-Weiterdichtung auf Zeitungstitelseiten.

24. Februar 2014
Die Finanzmisere am Wiener Burgtheater beschäftigt dank einer 72 Fragen umfassenden “Dringlichen Anfrage” der NEOS auch den Nationalrat. Kulturminister Josef Ostermayer (SPÖ) hält sich bedeckt, sieht die Geschäftsführung des Burgtheaters mit dem Aufsichtsrat und der Holding am Zug und kündigt die Einschaltung des Rechnungshofes an.

26. Februar 2014
Einen Tag vor Veröffentlichung des Endberichts gibt der Senior Partner der betrauten Prüfungsgesellschaft KPMG der “Presse” ein Interview, in dem er u.a. klarstellt: “Jedem hätte auffallen können, dass etwas nicht zusammenpasst.”

27. Februar 2014
Der Endbericht von KPMG wird von Holding-Chef Springer in einer Pressekonferenz zusammengefasst vorgelegt, dieser belastet Silvia Stantejsky schwer. Der Verdacht auf Urkunden-, Beweismittel- und Bilanzfälschung, Geldwäsche und Untreue hat sich demnach erhärtet, die Staatsanwaltschaft wird eingeschaltet. Springer räumt eine Mitverantwortung für die Krise ein, Hartmann weist weiter jede Verantwortung von sich. Stantejsky wehrt sich gegen die Vorwürfe und sieht sich als “Sündenbock”.

28. Februar 2014
Der Aufsichtsrat des Burgtheaters diskutiert mögliche Szenarien, um auf die schwierige wirtschaftliche Situation des Hauses zu reagieren. NEOS-Kultursprecherin Beate Meinl-Reisinger fordert indes gegenüber der APA die Ablöse von Springer und Hartmann.

1. März 2014
Kulturminister Ostermayer kündigt an, die Mitverantwortung von Direktor Hartmann an der Causa über Rechtsgutachten prüfen zu wollen.

3. März 2014
Der forensische Prüfbericht der KPMG zu von Silvia Stantejsky zu verantwortenden Buchungsvorgängen im Burgtheater wird auf der Homepage der Bundestheater – aus Datenschutzgründen mit zahlreichen geschwärzten Stellen – zum Download freigegeben.

5. März 2014
Kulturminister Ostermayer ersucht den Rechnungshof um Überprüfung der Geschäftsgebarung des Burgtheaters und der “damit verbundenen Aufgaben der Kontrolle durch die Bundestheater-Holding” von 2008/9 bis 2012/13. Die neun Punkte umfassen u.a. die Bilanzdarstellung, die Darstellung der Liquidität, die Wahrnehmung der Betriebsführung sowie die Personalpolitik und Führungsstruktur.

7. März 2014
Laut Aufsichtsratsprotokoll sind auch überhöhte Führungsgagen ein Grund für die Budgetüberschreitungen am Burgtheater. Besonders hoch sind demnach die Kosten für Regie, Bühne, Kostüm, Licht und Co bei Produktionen gewesen, die Burgtheater-Chef Matthias Hartmann als Regisseur betreute. Das Burgtheater weist diese Vorwürfe zurück.

9. März 2014
Das Burgtheater stellt sich in einer Aussendung als “Opfer von Bilanzierungstricks” dar und legt neue Berechnungen über die Bilanzverluste vergangener Jahre vor. Demnach ist vor allem die neue Abschreibungspraxis Schuld an der finanziellen Misere. Gleichzeitig wird bekannt, dass Stantejsky auch für Hartmann Barbeträge verwahrt haben soll. Dies sei geschehen, da er anfangs in Österreich noch kein Konto gehabt habe, verteidigt sich Hartmann.

10. März 2014
Direktor Hartmann legt sein Amt “tief getroffen von den öffentlichen Anfeindungen und Kampagnen” vorübergehend nieder. Sowohl Kulturminister Ostermayer als auch die Bundestheater-Holding sind von diesem Schritt vorab nicht informiert gewesen. Ostermayer kündigt für den Folgetag einen Fünf-Stufen-Plan an, der das Rechtsgutachten zur möglichen Mitverantwortung von Hartmann zum Zentrum von Gesprächen mit dem Aufsichtsrat, der Geschäftsführung und dem Ensemble macht. Erst dann will der Minister an die Öffentlichkeit gehen. (APA)

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