"Cappuccino"-Schießerei: Wackelige Belastungszeugin

Im Verlauf ihrer stundenlangen Einvernahme lieferte die Kellnerin, derzufolge Enver H. die Schüsse im Cafe "Cappuccino" abgegeben haben soll, Angaben, die ihre Glaubwürdigkeit zumindest fraglich erscheinen ließen.

So behauptete sie, bereits im Sommer 2006 einem Mann den Schützen genannt zu haben, dessen Bruder damals als dringender Tatverdächtiger in Haft saß. Dieser Bruder hatte sich jedoch nie an an die Polizeibehörden gewandt, “obwohl er ein Interesse gehabt haben müsste, dass der Mann freikommt”, wie Richterin Martina Spreitzer feststellte.

Die Zeugin konnte auch weitere Ungereimtheiten udn Unklarheiten nicht beseitigen. So vermochte sie nicht wirklich darzulegen, wieso sie aus Angst bis vor wenigen Wochen verschwiegen habe, dass Enver H. geschossen hatte. Dieser war von Anfang an unter den ursprünglich vier Tatverdächtigen gewesen, saß seit Juni 2006 im Gefängnis und hätte ihr somit kaum etwas antun können.

Die Staatsanwaltschaft sah jedenfalls keinen Handlungsbedarf, als Enver H. am späten Donnerstagnachmittag im Verfahren gegen Munir F. in den Zeugenstand trat und sich – nach Rücksprache mit seinem Anwalt – jedweden Angaben zu den Vorgängen im Cafe “Cappuccino” entschlug, um sich nicht selbst belasten zu müssen. Die Beweislage sei nicht nicht genug, um neuerlich einen Haftbefehl gegen den Kosovo-Albaner zu beantragen, hieß es seitens der Anklagebehörde. Enver H. verließ das Gericht als freier Mann.

Eine vom Bundeskriminalamt (BK) und der Bundespolizeidirektion Wien gebildete Sonderkommission bemüht sich seit Monaten, die wahren Abläufe vom 30. Mai 2006 in dem in Wien-Hernals gelegenen Kaffeehaus zu klären. Dass Enver H. geschossen hat, dürften die Ermittler jedenfalls bezweifeln.

Mit ihrem Hinweis auf seine angebliche Täterschaft hatte sich die Kellnerin auch nicht an die Sonderkommission gewandt, sondern an einen Chefinspektor der Kriminaldirektion (KD) 1, der in dem gesamten Verfahrenskomplex eine undurchsichtige Rolle spielt. Der Chefinspektor hatte Anfang Februar 2008 mit der früheren “Cappuccino”-Kellnerin gesprochen und im Anschluss das BK kontaktiert. Er soll dabei sinngemäß angedeutet haben, der Fall sei nun “geklärt”.

Der Haken an der Sache: Der Chefinspektor ist seit Monaten wegen möglicher dienst- und strafrechtlich relevanter Verfehlungen vom Dienst suspendiert. Ob ihm das Treffen mit und die offensichtliche Befragung einer Zeugin zugekommen wäre, erscheint unter diesem Gesichtspunkt mehr als fraglich.

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