Bunter Abend vom schwarzen Kontinent

„Gemeinsam wollen wir Zaubrisches erleben“, kündigt der Lautsprecher an, und tatsächlich scheinen alle Beteiligten hoch motiviert:

Die rund 270 Artisten und Mitarbeiter, die nach einem Jahr in Deutschland nun in der Heimat des geistigen Vaters der „Afrika! Afrika!“-Show, Andre Heller, ihren Erfolg fortsetzen wollen, und die Scharen von Prominenten, die am gestrigen Donnerstagabend in die Zeltstadt am Messegelände des Praters gepilgert sind, um den neuesten Streich des Wiener Universalkünstlers und Impresarios mitzuerleben. Versprochen wurde ein „magisches Zirkusereignis vom Kontinent des Staunens“, geworden ist es ein bunter Abend vom schwarzen Kontinent.

Auch dieses neueste Projekt Hellers, der es wie kein Zweiter versteht, seine alle Erdteile und alle Talente umfassende Fantasie und Vorstellungskraft in populäre Kunstereignisse umzusetzen, ist wieder ein Gesamtkunstwerk geworden – und als solches muss es auch betrachtet werden. Der Abend beginnt bereits lange vor der Vorstellung. Schon die Anfahrt, die erste Begegnung mit der Zeltstadt, soll den Besucher einstimmen, deswegen sehen die Zelte wie eine Mischung aus Zirkus, neuer Türkenbelagerung und Nomadenlager aus. Schon eine Stunde vor Beginn des eigentlichen Programmes kann man sich verzaubern lassen in den geheizten Nebenzelten, bei Wohlgerüchen, exotischen Getränken und Speisen, auf Teppichen und Sitzpölstern, betreut von freundlichen Menschen, die tatsächlich aus allen Teilen Afrikas zu stammen scheinen.

Und das ist auch ein wesentlicher Teil des Gesamtprojekts „Afrika! Afrika!“: Menschen aus Regionen, in denen Können und Kreativität nicht unbedingt auch einen Arbeitsplatz sichern, kommen als künstlerische „Gastarbeiter“ und Werbeträger nach Europa, machen Karriere, sorgen für ihre Familien und tragen über eine gemeinsam mit der UNESCO gegründete Stiftung dazu bei, Kulturprojekte in Afrika zu fördern. Das ist ein ebenso engagiertes wie sinnvolles und unterstützenswertes Anliegen und „Afrika! Afrika!“ insgesamt eine wunderbare Möglichkeit für Alt und Jung, einen schönen, abwechslungsreichen, unterhaltsamen und auch aufregenden Abend zu verbringen – „ein Familienprogramm“, wie es Heller nannte.

Was künstlerisch-artistisch auf der Bühne passiert, muss man allerdings differenzierter beurteilen: Hier sind außerordentliches Können und fröhliche Durchschnittlichkeit zu einem sympathischen, mit hohem Tempo und großer Begeisterung vorgetragenen, von aufwändigen Lichtprojektionen und einer mitreißenden afrikanischen Live-Band unterstützten Show-Programm zusammengefasst worden. Einsame Höhepunkte sind „Körperexzentriker“ Huit Huit, der vom Spinnen- zum Schlangenmenschen mutiert und sich im wahrsten Sinne atemberaubend durch einen Tennisschläger windet, sowie seine Kollegin Nokulunga Buthelezi, die nicht aus Fleisch und Blut, sondern vollständig aus Gummi zu bestehen scheint, sodass es für sie keinerlei Problem darstellt, den Kopf unter den Arm oder auch sonst wohin zu klemmen.

Sehr schön auch einige Akrobatik- und Jonglier-Nummern, bei denen allerdings die muskelbepackten Körper der Artisten (erstaunlicher Weise ist die von Georges Momboye choreografierte Show stark männerdominiert) mitunter ebenso sehenswert sind wie ihre Darbietungen. Dickson Oppong bringt mit seinen rotierenden bunten Töpfen und fröhlich spritzenden Wasserfontänen eine Jonglage- und Clowns-Nummer von einer Poesie, wie man sie – in Erinnerung an Hellers frühere Projekte – häufiger erwartet hätte. Insgesamt kommt wenig Fremdes und Unerwartetes auf die Bühne, viele Artistik-Nummern orientieren sich am internationalen Angebot (und erreichen nicht immer deren Spitzenleistungen), und manchmal reichen auch simple Veitstänze und exotische Gewänder für einen Auftritt.

Nur selten leistet man sich ironisches Augenzwinkern. Dann treibt man sehr hübsche wilde Stofftiere durch die Manege – und holt sich manche Lacher, wenn Vorder- und Hinterteile offensichtlich falsch zusammengesetzt wurden. Mit Breakdancern und einem sehr witzigen Basketballmatch von Einradfahrern (auf teilweise immer höher werdenden Rädern) holt man nicht nur wohltuender Weise auch ein wenig die Gegenwart unter die Zirkuskuppel, sondern weitet auch den geografischen Bezugsrahmen – Afrika findet man heutzutage auch in Frankreich und den USA.

„Afrika! Afrika!“ wird auch in Wien großen Erfolg haben, dafür wird schon die Mundpropaganda der begeisterten Premierenbesucher (mit außerordentlich hoher Promi-Dichte von SP-Vorsitzenden Alfred Gusenbauer bis zu Staatsopern-Direktor Ioan Holender, von Medienmachern wie Oscar Bronner und Wolfgang Fellner bis zu Kulturmenschen wie Architekt Gustav Peichl und Literat Robert Menasse) sorgen. Es ist ein sehr professionell gemachtes und ebenso professionell vermarktetes Spektakel. Ob die Rechnung allerdings aufgeht und man ausgerechnet mit Augenrollen, Muskelspielen und Bastrock-Schwingen das Image der Afrikaner in Wien verändern kann, würde mindestens ebenso Staunen machen.

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