Brasiliens Präsidentin Rousseff kämpft nach Fußball-WM um Wiederwahl

Kämpft um Wiederwahl in Brasilien: Dilma Rousseff
Kämpft um Wiederwahl in Brasilien: Dilma Rousseff ©EPA
Dilma Rousseff, amtierende Präsidentin Brasiliens, hat seit den Massenprotesten im vergangenen Jahr mit sinkenden Umfragewerten zu kämpfen. Seit November verlor sie mehr als zehn Prozent an Zustimmung. Dass das Debakel der Nationalmannschaft bei der Fußball-WM dafür verantwortlich ist, glauben Experten nicht.
Brasiliens WM-Blamage
Deutschland demütigt 7:1


Das schleppende Wirtschaftswachstum gefährde die Wiederwahl Rousseffs am 5. Oktober eher.

Rousseff erleichtert über “reibungslosen WM-Ablauf”

Es war die 7:1-Niederlage der Selecao gegen Deutschland, die Brasilien zurück in die Realität holte. Die 66-jährige Präsidentin blieb pragmatisch. “Richtig ernst wäre es geworden, hätten wir die Weltmeisterschaft abseits des Spielfelds verloren”, sagte die Präsidentin nach dem Ende des Großereignisses.

Abgesehen von einzelnen Problemen bei der Fertigstellung der Stadien, habe Brasilien für einen reibungslosen Ablauf der Fußball-WM 2014 gesorgt – das von Kritikern prophezeite Verkehrschaos blieb aus, der Flugbetrieb funktionierte laut Rousseff wie die Stromversorgung einwandfrei.

Massenproteste blieben aus

Auch die befürchteten Massenproteste fanden nicht statt. Die rund zehn Milliarden Euro für die WM-Organisation könnten sie in anderen Bereichen besser gebrauchen, war die Meinung tausender Demonstranten. Die steigenden Mieten in den Großstädten, Zwangsumsiedelungen und die Gewalt gegen die Zivilbevölkerung wurden im Vorfeld scharf kritisiert. Doch während der WM blieb es weitgehend ruhig.

Denn der starke Zusammenhang zwischen Politik und Fußball, sei vor allem vom Ausland “konstruiert”, betonte der Brasilien-Experte und Professor an der Wirtschaftsuniversität Wien, Andreas Novy. Das “Thema wurde schon im Voraus überschätzt”, ergänzte Novy.

Keine Garantie für Wiederwahl als Präsidentin

In Brasilien finden die Präsidentschaftswahlen immer nach einer Fußball-WM statt. Spekulationen über den Einfluss auf das Wahlergebnis gehören dazu. Dennoch gebe es “keine Garantie” für die Wiederwahl Rousseffs, die Proteste im vergangenen Jahr zeigten einen “dramatischen Vertrauensverlust in die Regierung”, so Novy.

Auch in den aktuellen Umfragen des Statistikinstituts datafolha macht sich dieser Vertrauensverlust bemerkbar. In den vergangenen sechs Monaten sank die Unterstützung für Rousseff von 47 auf 36 Prozent – im vergangenen Juni lag die Kandidatin der Arbeiterpartei (PT) noch bei 57 Prozent. Ihr stärkster Konkurrent Aecio Neves von der Sozialdemokratische Partei (PSDB) hält konstant bei 20 Prozent, der Sozialist (PSB) Eduoardo Campos befindet sich mit durchschnittlich acht Prozent abgeschlagen auf dem dritten Platz.

Stichwahl in Brasilien wahrscheinlich

Eine Stichwahl zwischen Rousseff und Neves wird immer wahrscheinlicher. Laut Umfragen würde der Unterschied dann nur mehr bei vier Prozent liegen. “Die Opposition kann aber allein von der Diskreditierung der Regierung profitieren”, sagte Novy unter Verweis auf die “fehlenden Vorschläge” der Gegenkandidaten Rousseffs. Aber mit einem guten Marketing könnten sie für die anstehenden Wahlen noch ein paar Prozent herausholen, glaubt der Brasilien-Experte.

Dass sich in dem Land etwas ändern muss, wissen sowohl Rousseff als auch ihr stärkster Konkurrent Neves. “Mais mudanca, mais futuro (Mehr Wandel, mehr Zukunft)”, heißt der Slogan der seit 2010 regierenden Präsidentin im Wahlkampf. Mit Sozialprogrammen wie der “Bolsa Familia” (Familienbörse) stiegen in den vergangenen zehn Jahren 44 Millionen von verarmten Brasilianern in die untere Mittelschicht auf – ein Erfolg, der Rousseff die Wiederwahl sichern sollte.

Schleppendes Wirtschaftswachstum problematisch

Vor allem die wirtschaftliche Situation des Landes könnte laut Experten negative Auswirkungen auf die Wiederwahlchancen Rousseffs haben. Vor allem da die Oppositionskandidaten nicht müde werden, das schleppende Wirtschaftswachstum des Landes zu betonen. Dieses liegt momentan gerade einmal bei rund zwei Prozent. Zudem warnen einzelne Experten noch heuer vor einer “leichten Rezession mit politischen Folgen”. Rousseffs Maßnahmen für ein stabiles Wirtschaftswachstum seien gescheitert, auch die Inflation konnte sie nicht unter Kontrolle bringen, kritisierte Neves, der mit dem Spruch “Bem-vindo a mudanca” (Willkommen im Wandel) in den Wahlkampf startete.

(apa/red)

  • VIENNA.AT
  • Chronik
  • Brasiliens Präsidentin Rousseff kämpft nach Fußball-WM um Wiederwahl
  • Kommentare
    Kommentare
    Grund der Meldung
    • Werbung
    • Verstoß gegen Nutzungsbedingungen
    • Persönliche Daten veröffentlicht
    Noch 1000 Zeichen