Bist du Charlie? Dann sei bitte auch Raif

Warum wir auch Raif und nicht nur Charlie sein sollten.
Warum wir auch Raif und nicht nur Charlie sein sollten. ©EPA
Von Puls4-Info-Chefin und fischundfleisch-Bloggerin Corinna Milborn: #jesuischarlie ging um die Welt und der heutige Beitrag von Corinna Milborn macht nun abseits des Terroranschlages auf Charlie Hebdo auf das Schicksal von Raif Badawi aufmerksam.

(Raif Badawis Sohn Terad mit einem Foto seines Vaters bei einer Kundgebung. Raifs Familie floh aus Saudiarabien und befindet sich in Kanada. Foto: Alishba Zarmeen)

Am vergangenen Sonntag demonstrierten in Paris die Spitzen der Weltpolitik in Solidarität mit den Opfern des islamistischen Anschlags auf Charlie Hebdo. Beim Nachlesen der Liste der angereisten Würdenträger (auf BBC) sprang ein Name ins Auge: Offenbar hatte der saudische Vize-Außenminister Nizar Madani beschlossen, für die Pressefreiheit aufzutreten – und gegen den islamistischen Angriff auf Karikaturisten, die auch den Islam auf die Schaufel genommen hatten.

Das ist an Verlogenheit nicht zu überbieten.

Zwei Tage vor der Demonstration in Paris, zwei Tage nach dem Attentat auf das Satiremagazin Charlie Hebdo, wurde in Saudi-Arabien ein entsetzliches Urteil vollstreckt. Der Blogger Raif Badawi wurde vergangenen Freitag nach dem Gebet öffentlich ausgepeitscht. 50 Peitschenhiebe trafen seinen Rücken und seine Beine. Insgesamt wurde er zu 1000 Peitschenhieben verurteilt, verabreicht zu maximal 50 auf einmal, mit jeweils einer Woche Abstand. Die Auspeitschungen Badawis könnten also von nun an jeden Freitag stattfinden – 20 Wochen lang.

Es ist, wenn es im Wochenrhythmus vollstreckt wird, ein Todesurteil auf Raten.

Badawis Verbrechen: Er hatte auf seiner Website „Freie saudische Liberale“ über die Religionspolizei geschrieben und Saudiarabiens offizielle Auslegung des Islam kritisiert. Im Mai verurteilte ihn ein Gericht zu zehn Jahren Haft wegen „Beleidigung des Islam über elektronische Kanäle“, außerdem zu einer einer hohen Geldstrafe und den 1000 Peitschenhieben. Die Website wurde gesperrt. Sollte er die Strafe überleben und nach 10 Jahren aus der Haft entlassen werden, darf er weitere 10 Jahre nicht reisen und keinerlei Medien benützen. Sein Anwalt wurde im Juni zu 15 Jahren Haft und anschließenden 15 Jahren Reiseverbot verurteilt.

Die Politiker, die in Paris für die Meinungsfreiheit auf die Straße gingen, taten das also Seite an Seite mit einem Politiker eines Regimes, das Meinung über religiöse Themen mit Folter und einem langsamen Tod bestraft. Die österreichische Bundesregierung, die zeitgleich in Wien für Meinungsfreiheit und gegen Terror dagegen auftrat, hat mit Claudia Bandion-Ortner dem nach dem König desselben Regimes benannten „König Abdullah Zentrums“ in Wien eine ehemalige Justizministerin zur Verfügung gestellt (und lange bezahlt), die zu Auspeitschungen in einem profil-Interview kürzlich sagte: „Na das ist ein Blödsinn, die finden nicht JEDEN Freitag statt.“

Raif Badawi wird heute, Dienstag, 31 Jahre alt. Seine Frau sagte gestern: Er werde weitere Auspeitschungen wahrscheinlich nicht überleben.

Bist du Charlie? Dann sei bitte auch Raif. Am Freitag um 10.00 findet vor der saudischen Botschaft in Wien eine Mahnwache statt, amnesty international hat eine Urgent Action ins Leben gerufen: https://www.amnesty.at/de/raif, mitzumachen macht einen Unterschied. Vor allem aber müssen die europäischen Regierungen handeln: Man kann nicht auf der einen Seite in Paris zur Verteidigung der Meinungsfreiheit gegen Islamisten auf die Straße gehen und auf der anderen zur Folter eines Bloggers in Saudi-Arabien schweigen.

Gegen Terroristen demonstrieren ist für europäische Politiker einfach. (Wer ist nicht gegen Terror?) Sich im Dienst derselben Meinungsfreiheit gegen das reiche Saudi-Arabien stellen ist offenbar sehr viel schwieriger.

pS Wer wissen will, für welche Meinungen Raif Badawi verurteilt wurde, kann einige Auszüge hier im Gaurdian nachlesen: http://www.theguardian.com/world/2015/jan/14/-sp-saudi-blogger-extracts-raif-badawi

Verfasser: Corinna Milborn

fischundfleisch ist eine Meinungsplattform, die Stars, Tipps und Jobs bietet. Vienna Online ist Kooperationspartner und unterstützt damit junge und alte Talente.

(Die Texte werden von fischundfleisch zur Verfügung gestellt)

  • VIENNA.AT
  • Silvias Montagskolumne
  • Bist du Charlie? Dann sei bitte auch Raif
  • Kommentare
    Kommentare
    Grund der Meldung
    • Werbung
    • Verstoß gegen Nutzungsbedingungen
    • Persönliche Daten veröffentlicht
    Noch 1000 Zeichen