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Bilder gegen das Vergessen - Ein Projekt zur Aufarbeitung eines Wiener Fotoarchivs

Das Fotoarchiv in Wien-Neubau wird von einem Team digital aufgearbeitet.
Das Fotoarchiv in Wien-Neubau wird von einem Team digital aufgearbeitet. ©pixabay.com (Themenbild)
Bilder gegen das Vergessen. Ein Team arbeitet derzeit an der Aufarbeitung des Bild- und Katalogarchivs des zwischen 1911 und 1979 in Wien-Neubau existierenden Fotoateliers "Setzer-Tschiedel".

Ein Projekt, das vom Jüdischen Museum in Wien ideell unterstützt wird, soll Vergessenen wieder ihr Bild zurückgeben. Ein Team um Wolfgang Tschiedel hat mit der Digitalisierung und Aufarbeitung des Bild- und Katalogarchivs des zwischen 1911 und 1979 in Wien-Neubau existierenden Fotoateliers “Setzer-Tschiedel” begonnen.

Tschiedel ist Eigentümer der Hinterbliebenschaft des Ateliers mit rund 24.000 Glasnegativen – zu einem guten Teil Porträtfotos der jeweils Reichen und Wichtigen aus den Jahrzehnten ab 1911. “Das Atelier wurde 1911 von Franz Xaver Setzer (1886 bis 1939; Anm.) gegründet. Er hat es bis 1933 betrieben. Meine Großtante hat es bis 1979 geführt. Es ist das einzige Tageslichtatelier, das aus den 1920-er und 1930er-Jahren nahezu vollständig erhalten geblieben ist. Es sind der Gesamtbestand mit mehr als 20.000 Glasnegativen, dem Namensindex, den Plattenbüchern und der Plattenkamera erhalten”, sagte Tschiedel, dessen Großtante schon als technische Leiterin des Ateliers unter Setzer gearbeitet hatte.

Präsentation des Projekts im Jüdischen Museum Wien

Digitalisiert werden zunächst die Aufnahmen von rund 4.500 Personen aus den Jahren 1911 bis 1939. “Wir haben das Glück, dass nicht nur die Platten erhalten sind, sondern auch alle Bücher”, sagte Genealoge Georg Gaugusch am Donnerstag bei der Präsentation des Projekts im Jüdischen Museum. Dadurch ließen sich – neben den Aufnahmen und Aufzeichnungen der berühmtesten Porträtierten wie Stefan Zweig, Arthur Schnitzler etc. – viele bereits vergessene Personen des Wiener Großbürgertums der Zeit des Ersten Weltkrieges und der Zwischenkriegszeit wieder in Erinnerung bringen. Bei einem großen Teil handelt es sich um Angehörige des jüdischen Bürgertums und somit einer für Wien bestimmenden Gesellschaftsschicht, die schließlich vom NS-Regime vertrieben oder ermordet wurden.

Unter den Kunden des Ateliers befanden sich auch die Mitglieder der Getreidehändler- und schließlich Bankiersfamilie Ephrussi, so beispielsweise Ignaz Leo Karl Ritter von Ephrussi, dessen “Hase mit den Bernsteinaugen”-Netsuke durch Edmund de Waals Bestseller samt der Geschichte seiner Besitzer weltbekannt wurde. Auch Charlotte Bühler, eine der berühmtesten Psychologinnen, oder der Biochemiker Fritz Lieben befanden sich unter der Klientel – zusammen mit Max Reinhardt, Giacomo Puccini, Richard Strauss, Maria Jeritza und tausenden Anderen.

Status der Aufarbeit online und “Wer Wien prägte” einsehbar

“Die Prominenten hatten immer mit Theater und Oper zu tun. Mit ihnen wurde der Fotograf berühmt. Dann kam die Gesellschaft”, sagte der ebenfalls an dem Projekt beteiligte Fotohistoriker Gerald Piffl, Produktmanager des APA-PictureDesk. Die Aufarbeitung des Archivs ist derzeit erst zu zehn bis 20 Prozent ausfinanziert. Sponsoren werden gesucht.

Die Aufarbeitung des Archivs dürfte noch längere Zeit dauern. Status und Fortschritt können jederzeit via www.wer-wien-prägte.at mitverfolgt werden. Die Proponenten hoffen auch auf möglichst viele Rückmeldungen von noch lebenden Nachfahren der Porträtierten. Das Archiv ist offenbar ein einmaliges Spiegelbild der Entwicklung der Wiener Gesellschaft: So fand man beispielsweise auch Porträts von Personen in NS-Uniform bereits aus der Zeit vor dem “Anschluss” im Jahr 1938, also von illegalen Nationalsozialisten.

(APA/Red)

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