Beschussamt: In Süßenbrunn fliegen die Kugeln

In Reih und Glied warten die brandneuen Rugers aus den USA am Beschussamt auf ihren Stempel
In Reih und Glied warten die brandneuen Rugers aus den USA am Beschussamt auf ihren Stempel ©vienna.at/Paul Frühauf
Dort, wo Wien-Donaustadt fast schon Niederösterreich ist, krachen jeden Tag Schüsse, denn hier befindet sich das wenig bekannte Beschussamt. Jede einzelne Feuerwaffe, die in Österreich in den Handel kommt, wird hier auf Herz und Nieren geprüft, bevor sie den begehrten Stempel erhält.
Hier wird scharf geschossen
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Zuallererst: Für Waffennarren ist das Beschussamt der vollkommen falsche Ort. Es reihen sich zwar Waffen in langen Reihen aneinander, doch der Schwerpunkt liegt hier in der Sicherheit ebenjener und nicht im Herumballern.

Von der Fabrik zur zugelassenen Waffe

Jede einzelne Waffe, die in Österreich auf den Markt kommen soll, wandert durch die Hände der drei ‘Beschussbeamten’ hier am äußersten Ende von Wien-Donaustadt in Süßenbrunn. Nicht etwa eine jeder Serie oder Stichproben, sondern jede. Über 148.000 waren das im Jahr 2011. Und die Gewehre werden immer kreativer. So werden beispielsweise ständig neue Kaliber ‘erfunden’, was das Beschussamt vor nicht unbeträchtliche Probleme stellt.

Das Beschussamt ist übrigens nicht nur in Wien aktiv, sondern auch vor Ort bei den größten Waffenproduzenten. In Steyr gibt es eine ‘Filiale’ und auch bei Glock in Ferlach.

Beschussamt macht Munition selbst

Wer viel schießt, braucht viel Munition. Und im Fall des Beschussamtes ist das eine ganz spezielle. Man habe schon alles probiert, sagen die Beamten dort. Es sei einfach nicht möglich, diese besondere Munition zu kaufen. Denn die muss einigen Ansprüchen genügen, und dafür sind die Stückzahlen zu klein für die Hersteller. Also legt man selbst Hand an. In der Werkstätte stehen eine Vielzahl an händisch zu bedienenden Maschinen, mit denen das Pulver und die Kugel selbst in die Hülse gepresst werden. Um ein Viertel mehr Druck erzeugen die, um auch wirklich an die Toleranzgrenze der geprüften Gewehre und Faustfeuerwaffen zu gehen. 500 Stück können in enervierender Kleinarbeit in rund fünf Stunden erzeugt werden, im Idealfall genug für 250 Waffenprüfungen.

Prüfung der drei wichtigsten Teile

Ist die Munition erzeugt, geht es zum eigentlichen Test. Zuerst wird eine visuelle Überprüfung vorgenommen – sind alle Angaben gesetzeskonform eingeprägt, Hersteller, Kaliber, Seriennummer? Danach werden die Läufe händisch überprüft, ob auch das Kaliber genau stimmt. Minimale Variationen können nämlich schnell zu schweren Unfällen führen. Danach kommt der Verschluss dran, ob der genug Spiel gibt, damit die Patrone nicht den Lauf durch zu viel Druck zerfetzt. Ein österreichisches Unikum ist, dass auch die Dicke des Mantels um den Lauf geprüft wird. Zu dünne sind nämlich sehr gefährlich, wenn aus irgend einem Grund der Druck zu hoch ist. 

Beschussamt lasert seit Neuestem

Zum Abschluss wird die Waffe mit der hangefertigten Munition geladen und in einer Maschine abgefeuert. Die Kugel geht in ein Wasserbecken. Die Hülse wird überprüft: Wird die Zündkapsel gerade getroffen? Gibt es Kratzer an der Hülse, die auf Unregelmäßigkeiten hindeuten?

Sind alle diese Prüfungen abgeschlossen, geht es weiter in den nächsten Raum. Denn jede geprüfte Waffe muss drei Prüfsiegel tragen: Am Lauf, am Gehäuse und am Verschluss. Dafür gibt es seit Neuestem einen Laser, der das entsprechende Siegel einbrennt. Früher wurde das mit Stempeln gemacht, doch die Materialien werden immer härter, und ein Stempel kostete am Schluss rund 90 Euro – pro Anwendung.

…und dann kommt der Papierkram

All das muss natürlich dokumentiert werden und am Schluss in einen Bescheid verpackt. Ohne den ist eine Waffe nicht legal in Österreich zum Verkauf zugelassen. Ab diesem Bescheid, der jede Angabe zur Waffe genau enthält, ist die Feuerwaffe ‘im System’ und somit lückenlos nachverfolgbar.

Jetzt sterben die Jäger

“Alle paar Jahre kommen viele alte Waffen zu uns”, sagt Franz Schöfmann, der erfahrenste Beschussbeamte. Das hat einen Grund: “Jetzt stirbt gerade ein Jägerjahrgang weg und die alten Flinten werden aus dem Schrank geholt.” Und sobald etwas daran verändert wird, muss das Gewehr wieder den Prüfungsprozess durchlaufen – egal, ob der Verschluss erneuert oder ein neuer Lauf eingebaut wird. Dabei kommen übrigens auch oft sehr eigenwillige Exemplare ans Tageslicht: Vom Vorderlader über Steinschlosspistolen und Luntengewehre ist den Herren am Beschussamt schon alles untergekommen. Letztere sind übrigens eine besondere Herausforderung, und zwar dann, wenn die Lunte abgebrannt ist und sie trotzdem nicht losgehen. “Tja”, sagt Schöfmann, der seit 1974 im Beschussamt tätig ist “Dann weiß man erst einmal nicht, was man tun soll!”
(PFR)

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