BAWAG-Geiselnehmer vor Gericht

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Günter B. nahm im Februar in Wien-Neubau sechs Geiseln in einer BAWAG-Filiale. Nun kommt er vor Gericht: 10-20 Jahre Haft drohen, trotz Plastikpistole.   

Der 39-jährige Günter B., der am 27. Februar 2007 in einer BAWAG-Filiale in Wien-Neubau sechs Bankangestellte mit einer täuschend echt aussehenden Pistolenattrappe stundenlang in Schach gehalten hatte, eher er sich einem Großaufgebot der Polizei ergab, wird sich dafür vor Geschworenen verantworten müssen. Die Staatsanwaltschaft Wien hat eine Anklage wegen erpresserischer Entführung, Freiheitsentziehung und Nötigung eingebracht, die dem in U-Haft sitzenden Mann heute, Mittwoch, kundgemacht wurde.

Wie Verteidiger Werner Tomanek gegenüber der APA erklärte, wird Günter B. voraussichtlich keinen Einspruch gegen die Anklage erheben. Grundsätzlich hätte er für einen solchen ab Kundmachung zwei Wochen Zeit. Sollte er diese Frist tatsächlich verstreichen lassen und die Anklage damit rechtskräftig werden, könnte der Schwurprozess bereits im kommendem Herbst stattfinden. Im Fall eines anklagekonformen Schuldspruchs würden dem 39-Jährigen zehn bis 20 Jahre Haft drohen. „Ich bin allerdings davon überzeugt, dass die erpresserische Entführung vor den Geschworenen nicht halten wird“, gab sich der Anwalt des Beschuldigten kämpferisch.

Für den Psychiater Helmut Pockberger, der Günter B. im Rahmen des gerichtlichen Vorverfahrens im Gerichtsauftrag untersucht hat, sind die Vorgänge in der BAWAG-Filiale im Zusammenhang mit den selbstmörderischen Gedankengängen des 39-Jährigen zu sehen, der in der Vergangenheit zwei Mal versucht haben soll, sich das Leben zu nehmen. An jenem Morgen sei bei B. nach einer ausgedehnten Zechtour durch mehrere Bordelle, bei der zahllose doppelte Schnäpse und mehrere Krügel Bier „vernichtet“ wurden, eine „Spannungssituation“ entstanden, heißt es in dem Gutachten. Er sei vor der – für Außenstehende nicht unbedingt nachvollziehbaren – Wahl gestanden, sich entweder umzubringen oder einen Überfall zu begehen.

Staatsanwältin Gabriele Mucha geht in ihrer Anklage davon aus, dass B. beim Betreten der BAWAG-Filiale keine konkrete Raubabsicht und auch keinen Entführungsplan hatte. Den Zeitraum, bis zu dem der 39-Jährige seine ersten drei Geiseln unbehelligt ziehen ließ, hat sie daher als Freiheitsentziehung und Nötigung angeklagt.

Als der wegen Gewaltdelikten vorbestrafte Mann jedoch im Beisein der drei in seiner Gewalt verbliebenen Geiseln Forderungen stellte – er wollte seinen Bruder sprechen, verlangte Essen und Getränke und psychologischen Beistand -, erfüllte er nach Dafürhalten der erfahrenen Anklägerin den Paragrafen 102 Absatz 2 Ziffer 2 Strafgesetzbuch (StGB), demzufolge jemand auch dann wegen erpresserischer Entführung zu belangen ist, wenn er „unter Ausnützung einer ohne Nötigungsabsicht vorgenommenen Entführung oder sonstigen Bemächtigung einer Person einen Dritten zu einer Handlung, Duldung oder Unterlassung nötigt“.

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