"Baustellen-GP" in Korea als Abenteuerreise

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"Hält der frisch verlegte Asphalt?" Das war bei der Formel-1-Premiere in Südkorea die Kernfrage, einen Tag bevor am Freitag erstmals die 700-PS-Boliden auf dem nagelneuen Korean International Circuit (KIC) ihre Runden drehen sollten.
Formel 1 auf der Baustelle

Die Zweifel waren bis zum Schluss da, denn der Kurs war auch Stunden vor dem Rennen noch eine Mega-Baustelle.

Daran wird sich auch so schnell nichts ändern, denn die auf einer Halbinsel im Landkreis Yeongam errichtete Strecke ist nur ein Teil von dem, was das aufstrebende Land dort insgesamt plant. Erst vor kurzem gab das zuständige Ministerium in Seoul den Plan frei, um umgerechnet 1,2 Milliarden Euro in den kommenden zehn Jahren rund um die Rennstrecke nicht nur den Bezirk Sampo aus dem Boden zu stampfen, sondern auch eine Mega-Marina zu bauen.

Beeindruckende Zukunftsmusik, die Gegenwart sieht 400 Kilometer südlich der Olympia-Stadt Seoul freilich deutlich anders aus. Denn die Formel 1 wird zumindest beim Premieren-Rennen auf einer Großbaustelle gastieren. 1.500 Arbeiter schraubten, bohrten, hämmerten und malten unter riesigen Kränen bis zur letzten Minute, selbst die Startboxen auf der Strecke mussten erst frisch aufgebracht werden.

Und das alles unter einer mächtigen Dunstwolke, obwohl die Strecke am Meer liegt. Das überraschendste für den Formel-1-Tross war aber die Wohnsituation. Diese reichte von der Unterbringung in offiziellen Gebäuden wie dem Zentrum für missbrauchte Frauen bis hin zu Zimmern in Stundenhotels im angeblich für organisiertes Verbrechen berüchtigten, 60.000 Einwohner-Ort Mokpo, 15 Kilometer nördlich der Piste. Das Schweizer Boulevard-Blatt “Blick” ließ sich deshalb sogar herab zu meinen, die Formel sei am A… der Welt angekommen.

Die Piloten gaben sich als höflichere Gäste, logieren aber auch in einem Luxushotel am Hügel. “Vielleicht kann man aber für die anderen ja in Zukunft etwas verbessern”, richtete Red-Bull-Pilot Sebastian Vettel bei der offiziellen FIA-Pressekonferenz dennoch eine herzige Bitte an die Organisatoren.

Fakt ist freilich aber auch: Mokpo hat viele moderne Seiten, der neue Verwaltungskomplex ist eine einzige Solar-Insel. Und was im KIC fertig ist, ist hypermodern und genügt allen Ansprüchen. Die Teams gastieren hinter den Boxen in schmucken Häusern, für die sie allerdings mächtig Miete zahlen müssen.

Eine Absage des drittletzten Saisonrennens wäre nicht nur sportlich eine Farce, sondern auch mit Millionen-Zahlungen verbunden gewesen. Promoter Bernie Ecclestone machte die gerade erst beendete Taifunsaison für die Verzögerungen verantwortlich. “Sonst wäre längst alles viel früher fertig geworden”, versicherte der 79-jährige F1-Chef. “Es wäre ganz schlecht gewesen für Korea, wenn es nicht geklappt hätte. Also hat es funktioniert”, so sein simpler Schluss.

Für ein überraschendes Detail sorgte Chung Yung-cho vom örtlichen Veranstalter KAVO. Er geht davon aus, dass am Sonntag die 135.000 Zuschauer fassenden Tribünen mit zumindest 100.000 Menschen gefüllt sein werden. Bisher war man eher von sehr magerem Besuch ausgegangen.

Was am Ende blieb, war trotz der Verwendung einer speziellen, schnell trocknenden Rezeptur die Sorge um den Asphalt. Das Safety-Car kam am Donnerstag aber problemlos um den Kurs und Vettel verschüttete sogar Wasser auf der Piste, um deren Aufnahmefähigkeit zu testen.

Regen wäre wohl in Kombination mit der frischen Oberfläche fatal, das weiß man. Aber auch bei trockener Strecke werden die Teams laut McLarens Chefingenieur Phil Prew eine neue Situation vorfinden. Auf der Anfangs extrem rutschigen Strecke werde sich das Grip-Niveau so rasch steigern, dass man am Samstag selbst am Ende jeder kurzen Qualifikations-Session deutlich schneller sein werde als am Anfang, ist Prew überzeugt.

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