Auftakt zur dritten Welle

Der heutige Gastkommentar von Johannes Huber.
Der heutige Gastkommentar von Johannes Huber. ©APA/AFP/THOMAS KIENZLE
Gastkommentar von Johannes Huber. Österreich nähert sich dem schwedischen Weg zur Bekämpfung der Pandemie an. Covid-19-Infektionen werden nicht mehr um jeden Preis bekämpft, sondern hingenommen. Bloß zugeben tut das keiner.

Größtes Verständnis dafür, dass Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) nicht mehr davor warnt, das große Fest mit (älteren) Angehörigen zu feiern. Zu Ostern hat er es getan. Im Hinblick auf Weihnachten verzichtet er darauf. Genau genommen ist das absurd: Gemessen am heutigen Infektionsgeschehen ist das vom April fast schon harmlos gewesen. Und das liegt nicht nur daran, dass viel weniger getestet wurde; die sogenannte Übersterblichkeit zeigt, dass es damals auch viel weniger Todesfälle gegeben hat. Anders ausgedrückt: Zur Verhinderung von noch Schlimmerem müsste man den 24. Dezember heuer eigentlich allein verbringen; oder halt ausschließlich mit den Menschen, mit denen man zusammenlebt. Zumutbar ist das jedoch schwer: Weil das alles schon so lange dauert, würde kaum jemand solche Entbehrungen auch noch zu Weihnachten ertragen.

Was das heißt, sollte man ganz offen aussprechen: In Österreich läuft der Auftakt zur dritten Welle. Auf einem sehr hohen Niveau bestätigter Infektionen sind Beschränkungen soeben gelockert worden. In Nachbarländern wie der Slowakei oder der Schweiz kann man sehen, dass damit auch das Risiko einhergeht, dass die Zahlen bald wieder stiegen. Ist ja logisch: Das Virus ist noch immer unter uns, es gibt wieder mehr Kontakte und damit auch Ansteckungsmöglichkeiten. Vor allem, wenn sich das Leben aufgrund der niedrigen Temperaturen draußen überwiegend in geschlossenen Räumen abspielt. 

Österreich nähert sich dem schwedischen Weg zur Bekämpfung der Pandemie an; und zwar insofern, als ein gewisses Infektionsgeschehen akzeptiert wird, damit daneben auch ein wirtschaftliches und soziales Leben möglich ist. Das ist eine brutale, aber notwendige Gratwanderung: Man könnte sich zwar weiter darum bemühen, dass sich niemand infiziert, das würde jedoch voraussetzen, dass alle zu Hause bleiben. Folgen davon wären ein völliger Zusammenbruch der Wirtschaft, Massenarbeitslosigkeit etc. 

Das Schlimme bei diesem Zugang ist, dass die Entwicklungen immer wieder entgleiten können; dass es also wieder volle Intensivstationen und noch mehr Todesfälle gibt. So viel weiß man heute schließlich: Ein bisschen Pandemie gibt’s nicht. Man kann allenfalls nur versuchen, da und dort bremsend zu wirken und etwa Ältere bestmöglich zu schützen (diesbezüglich hat Schweden im Frühjahr komplett versagt). 

Verhängnisvoll ist zudem, dass Kurz und Gesundheitsminister Rudolf Anaschober (Grüne) nicht klipp und klar sagen, dass sie sich zu einer Kursänderung entschlossen haben: So sehr sie den Leuten bisher erklärt haben, dass Infektionen um fast jeden Preis verhindert werden müssen, so wenig können sie erwarten, dass steigende Zahlen ab sofort ohne entsprechende Erklärungen einfach so hingenommen werden. Es genügt schon, dass zu Weihnachten mir nichts, dir nichts Familienfeiern möglich werden sollen, wie sie zu Ostern ganz und gar undenkbar waren. Das ist nicht schlüssig, sondern widersprüchlich – und gehört daher aufgeklärt. Sonst gibt es eine noch größere Vertrauenskrise. 

Johannes Huber betreibt den Blog dieSubstanz.at – Analysen und Hintergründe zur Polit

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