Auch in Wien: Gedenken an Novemberpogrom

Auch in Wien brannten die Synagogen.
Auch in Wien brannten die Synagogen. ©VIENNA.at
Heute jährt sich die Reichspogromnacht zum 83. Mal. Eine Video-Aktion erinnert in Wien an die zerstörten Synagogen.

Heute, Dienstag, jährt sich zum 83. Mal das Pogrom gegen die jüdische Bevölkerung in Österreich und Deutschland in der Nacht auf den 10. November 1938. Damals wurden jüdische Mitbürger ermordet, ihre Geschäfte geplündert, Wohnungen verwüstet und Synagogen angezündet. Politiker und Kirchenvertreter gedachten am Dienstag der Opfer und mahnten angesichts der aktuell zunehmenden antisemtischen Tendenzen zur Wachsamkeit.

"Wachsam sein und die Stimme erheben"

"Es gilt, wachsam zu sein und die Stimme zu erheben", appellierte Bundespräsident Alexander Van der Bellen via Facebook und Twitter. Der Antisemitismus der Nationalsozialisten sei "nicht vom Himmel gefallen. Er war schon zuvor in der österreichischen Gesellschaft sehr stark präsent." Aus Abwertung von Menschen sei Ausgrenzung, Entmenschlichung und Ermordung geworden, mit dem grausamen Endpunkt der Shoah. Heute wird jener gedacht, die "gedemütigt, gequält, vertrieben oder ermordet wurden, in Trauer, mit Demut - und mit Verantwortung". Verantwortung bedeute vor allem, "dass wir entschieden und entschlossen gegen jede Form der Menschenverachtung, des Rassismus und des Antisemitismus auftreten".

Van der Bellen wollte zum Gedenken eigentlich einen Kranz beim Mahnmal für die Opfer der Shoah niederlegen. Wegen der Coronainfektion einer Mitarbeiterin ist er allerdings im Homeoffice. Die Kranzniederlegung nahm an seiner Stelle Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka (ÖVP) vor.

Zerstörte Wiener Synagogen werden digital aufgebaut

In der "Reichspogromnacht" vor 83 Jahren verdichtete sich der antisemitische Hass zu brutaler Gewalt. Eine erste Welle der Vernichtung brach über die Juden herein. "Uns Nachgeborene mahnt die Geschichte achtsam zu sein und uns jeglichem Antisemitismus und Rechtsextremismus entschlossen entgegenzustellen", erklärte Justizministerin Alma Zadić (Grüne). Sie hat mit Verfassungsministerin Karoline Edtstadler (ÖVP) in Österreich die Schirmherrschaft für eine vom World Jewish Congress initiierten Videoaktion übernommen. In Wien und Linz werden in der Pogromnacht zerstörte oder nicht mehr existierende Synagogen durch Videoprojektionen digital rekonstruiert.

Einblick in das damalige jüdische Leben bietet auch das österreichisch-deutsch-schweizerische Projekt "LEBENSGESCHICHTEN - Zeitzeugnisse von Genoziden" der Bildungsplattform IWitness, das Bildungsminister Heinz Faßmann (ÖVP) am Dienstag präsentierte. Auf der Website sind rund 900 deutschsprachige Interviews mit Zeitzeugen (übernommen aus dem großen Visual History Archive des Shoah Foundation Institute) zu finden, didaktisch aufbereitet für Schüler und Studierende.

Antisemitismus nimmt wieder zu

Politiker und auch die Kirchen verwiesen in ihren Stellungnahmen zur Pogromnacht darauf, dass aktuell - genährt durch die Corona-Pandemie - eine Zunahme antisemitischer und rechtsextremer Aktionen und Übergriffe festzustellen ist.

Seitens der SPÖ mahnten Parteichefin Pamela Rendi-Wagner und Bundesgeschäftsführer Christian Deutsch deshalb zu "Wachsamkeit im Kampf gegen Rechtsextremismus und Antisemitismus". "Wir müssen aus der Geschichte lernen und die richtigen Konsequenzen ziehen", plädierte Rendi-Wagner für eine "lebendige Gedenkkultur". Und es gelte, "unsere freie, demokratische Gesellschaft jeden Tag aufs Neue zu verteidigen". Deutsch forderte die Regierung auf, den Aktionsplan gegen Rechtsextremismus rasch unter Einbeziehung von Wissenschaftern auszuarbeiten und umzusetzen.

Nicht wegschauen, nicht verharmlosen

Der Antisemitismus sei "in verschiedenen Formen wieder stark im Zunehmen", stellte der Ökumenische Rat der Kirchen in Österreich (ÖRKÖ) in einer Erklärung zum Pogromgedenken fest - und warnte vor jedem Wegschauen oder Verharmlosen. "Politik, Exekutive, Justiz und Zivilgesellschaft - dazu gehören auch die Kirchen - sind aufgefordert, vehement gegen Antisemitismus aufzutreten und einzuschreiten." Es gelte, wachsam zu sein "gegenüber jeglicher Form von Politik, die auf Abwertung und Ausgrenzung von Minderheiten setzt".

(APA/Red)

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