Anschlagsserie in Toulouse: Attentäter in Haus verschanzt

Zwei Polizisten nach Schusswechsel leicht verletzt
Zwei Polizisten nach Schusswechsel leicht verletzt ©AP
Die französische Polizei hat das Haus in der südfranzösischen Stadt Toulouse am Mittwoch evakuiert, in dem sich der mutmaßliche Serienattentäter, der im Besitz von mehreren Waffen sein soll, verschanzt hat.
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Die Bewohner, die seit der Nacht in ihren Wohnungen festsaßen, werden nun psychologisch betreut, wie eine AFP-Reporterin berichtete. Zuvor hatte Innenminister Claude Gueant mitgeteilt, dass der 24-Jährige, der sich am Nachmittag stellen wollte, die Gespräche mit der Polizei abgebrochen habe.

Wieder Kontakt zu mutmaßlichem Täter

Der französischen Polizei ist es laut Ermittlerkreisen am frühen Mittwochnachmittag gelungen, den Kontakt zum mutmaßlichen Serienattentäter von Toulouse wieder herzustellen. Der 23-jähriger Mohammad Merah, der sich in einem Mehrfamilienhaus in Toulouse verschanzt hat und von der Polizei umzingelt ist, hatte am Vormittag die Gespräche mit den Ermittlern zunächst abgebrochen.

Eine Eliteeinheit der Polizei hatte das Haus im Osten von Toulouse in der Nacht auf Mittwoch besetzt und stundenlang mit dem Mann durch die Wohnungstür verhandelt. Dabei gab der 24-Jährige an, er gehöre zum Terrornetzwerk Al-Kaida und habe mit seinen Taten palästinensische Kinder rächen wollen. Wahrscheinlich handelt es sich bei dem Mann algerischer Abstammung um den Motorroller-Fahrer, der in den vergangenen Tagen im Großraum Toulouse sieben Menschen tötete: Drei Soldaten nordafrikanischer Abstammung sowie drei Kinder und einen Lehrer vor einer jüdischen Schule.

Geheimdienst hat den Mann bobachtet

Der französische Inlandsgeheimdienst DCRI hat den mutmaßlichen Serienattentäter von Toulouse jahrelang beobachtet. Dabei sei aber nie ein Anzeichen dafür entdeckt worden, dass der Mann ein Verbrechen planen könnte, sagte Innenminister Claude Gueant. Der Verdächtige habe nach eigenen Angaben in einem in der geparkten Wagen weitere Waffen aufbewahrt. “Diese Waffen wurden entdeckt”, sagte Gueant.

Es habe mehrere Festnahmen gegeben; darunter seien auch die beiden Schwestern und Brüder des Mannes sowie die Mutter. Einer der Brüder sympathisiere wie der Verdächtige mit den extremistischen Salafisten. Der Mann hatte in der Früh eine Waffe, bei er sich nach Angaben des Innenministers um einen Colt handelt, gegen ein Telefon getauscht habe. Er soll aber in der Wohnung weitere Waffen haben.

Sarkozy in Toulouse vor Ort

Nach Angaben des französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy ist der mutmaßliche Serienmörder von Toulouse identifiziert. Nach einer Unterredung mit Vertretern der jüdischen und muslimischen Glaubensgemeinschaften betonte er, es werde alles getan, damit er sich vor der Justiz verantwortet. Sarkozy betonte: “Der Terrorismus wird unsere nationale Gemeinschaft nicht zerbrechen.” Er warnte vor Rachegedanken und einer Verquickung von Religion und Terrorismus. Am Nachmittag werde er an einer Trauerfeier für die getöteten Soldaten in Montauban bei Toulouse teilnehmen und die beim Einsatz gegen den mutmaßlichen Täter verletzten Polizisten besuchen, sagte Sarkozy.

Verdächtiger war als Bombenleger im Gefängnis

Der 24-Jährige sei bereits in der südafghanischen Stadt Kandahar vorübergehend festgenommen worden, verlautete am Mittwoch aus Ermittlerkreisen. Zuvor hatte bereits Innenminister Gueant mitgeteilt, dass der Mann sich mehrfach in Afghanistan und Pakistan aufgehalten habe und sich als “Mujaheddin” bezeichnet habe. Wie ein Gefängnisdirektor in Kandahar der Nachrichtenagentur Reuters sagte, soll es sich bei dem mutmaßlichen Serienmörder um Mohammad Merah handeln. Er sei wegen Bombenlegung zu drei Jahren Haft verurteilt worden, sei aber 2008 bei einem Massenausbruch, den die radikal-islamischen Taliban durch einen Angriff bewerkstelligten, entkommen.

Opfer in Jerusalem begraben

Tausende Menschen haben am Mittwoch in Jerusalem am Begräbnis der vier Opfer des Mordanschlags vor einer jüdischen Schule teilgenommen. Die Leichen waren in der Nacht in Begleitung des französischen Außenministers Alain Juppe nach Israel geflogen worden. In Israel begraben zu werden, gilt für viele Juden in aller Welt als wünschenswert.

Ein radikalisierter Muslim aus dem südfranzösischen Toulouse

Der im südfranzösischen Toulouse verschanzte mutmaßliche Islamist war schon seit Jahren im Visier des französischen Geheimdienstes. Der Mann, der vermutlich sieben Menschen erschossen hat, will Mitglied des Terrornetzwerks Al-Kaida sein. Der 23-jährige Mohammed M. algerischer Abstammung ist in Frankreich aufgewachsen. Sein Werdegang scheint typisch für einen radikalisierten Muslim, der dann in seinem Heimatland terroristische Anschläge verübt – ein “home grown terrorist”.

Der mutmaßliche Attentäter war in den vergangenen Jahren bereits mehrfach in Afghanistan und Pakistan, wie Innenminister Claude Gueant mitteilte. “Er gibt an, ein Mujahed zu sein, zur Al-Kaida zu gehören und palästinensische Kinder rächen zu wollen”, sagte Gueant. Mohammed M. sei in einer “salafistischen Gruppe” in Toulouse radikalisiert worden, die rund ein Dutzend Mitglieder, aber keinen Namen habe.

Die Bewegung der Salafisten strebt einen islamischen Gottesstaat an, manche Salafisten akzeptieren auch den Einsatz von Gewalt. 99,9 Prozent der Salafisten in Frankreich seien aber gewaltfrei, sagt Dominique Thomas, Experte für radikalen Islam an der Hochschule EHESS.

Obwohl der 23-Jährige jahrelang vom französischen Inlandsgeheimdienst DCRI beobachtet wurde, deutete laut Gueant nichts darauf hin, dass der in Toulouse aufgewachsene Mann Anschläge plant. Mohammed M. wurde zwar schon einmal in der südafghanischen Stadt Kandahar vorübergehend festgenommen. Auch sein Bruder soll radikaler Muslim sein. In Frankreich war er bereits durch Straftaten auffällig geworden – auch gewalttätige. Doch erst am Dienstag identifizierten Ermittler den Mann als den mutmaßlichen Serienattentäter, der drei Kinder und einen Lehrer vor einer jüdischen Schule sowie drei Fallschirmjäger der französischen Armee erschoss.

Al-Kaida-Verbindung ist fraglich

Seine angebliche Mitgliedschaft bei Al-Kaida bewerten Experten vorsichtig. Das Terrornetzwerk stecke in einer “tiefen Krise” und habe seit 2005 in Europa keine Anschläge mehr verüben können, ruft Jean-Pierre Filiu in Erinnerung, Al-Kaida-Experte und Professor am Institut für politische Studien in Paris. Einzeltäter hätten häufig die Tendenz, sich als Teil einer größeren Organisation zu sehen.

Auch Al-Kaida werde aus Propagandagründen sicher die Gelegenheit beim Schopf ergreifen und so tun, “als ob diese Operation von einer ihrer Zellen geplant worden sei”, prognostiziert Filiu. Tatsächlich sei die Aktionsfähigkeit des Netzwerkes in Europa aber äußerst begrenzt. In Frankreich gab es bisher noch nie einen Anschlag von Al-Kaida, zuletzt erschütterte 1995 eine islamistische Anschlagswelle der algerischen Gruppe GIA das Land.

Das Terrornetzwerk gilt unter anderem durch die Tötung seines Anführers Osama bin Laden im vergangenen Mai als sehr geschwächt. Zuvor hatte Bin Laden allerdings mehrfach Frankreich mit Terroranschlägen gedroht, zuletzt Anfang 2011. Den Abzug der französischen Armee aus Afghanistan forderte er und prangerte das Verbot von Ganzkörperschleiern in Frankreich an. Der Serientäter von Toulouse berief sich einer Journalistin zufolge, mit der er offenbar telefonierte, ebenfalls auf diese Gründe, um seine Bluttaten zu rechtfertigen.

Seit der Tötung Bin Ladens seien die islamistischen Zellen in Europa kaum noch aktiv, doch würden “Einzelpersonen in völlig anarchischer Weise” den Kampf weiterführen, meint Eric Denece vom Zentrum für Geheimdienstforschung CF2R. Und so gelten nicht nur in Frankreich, sondern auch in anderen europäischen Staaten vor allem junge Muslime, die in den Ländern aufgewachsen sind und sich dann radikalisiert haben, als eine der größten Terrorgefahren.

(APA)

 
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