Also doch nur eine Grippe?

©APA/ROBERT JAEGER
Gastkommentar von Johannes Huber. Die Bundesregierung sendet zweifelhafte Signale aus und spielt damit Coronaleugnern und Impfgegnern in die Hände.

Die Impfpflicht sei bei der vorherrschenden Omikron-Variante nicht verhältnismäßig, also werde sie ausgesetzt, erklärte Verfassungsministerin Karoline Edtstadler (ÖVP) auf einer gemeinsamen Pressekonferenz mit dem neuen Gesundheitsminister Johannes Rauch (Grüne) am 9. März 2022. Ja, das war lächerlich, das hätte sie im Jänner auch schon feststellen können, dann hätte sich die Regierung das ganze Drama erspart. Nämlich die Beschlussfassung auf parlamentarischer Ebene und damit einhergehend nur eine Verhärtung: Fortan ließen sich noch weniger Menschen erstmals impfen, sodass schwarz-türkise und rote Landeshauptleute kalte Füße bekamen und lieber nicht ernst machen wollten mit der Pflicht. Strafen für Hunderttausende hätten viel zu viele Wählerstimmen gekostet in absehbarer Zeit, so die Befürchtung.

Diese Coronapolitik ist nicht mehr zu retten: Es gibt so viele Neuinfektionen wie noch nie und man tut so, als wär‘ nix. Das kann man machen, man darf sich dann nur nicht wundern, wenn sich der Eindruck verfestigt, es handle sich um eine ganz gewöhnliche Grippewelle. Natürlich: Für die Wiedereinführung weitreichender Beschränkungen scheint es keinen Grund zu geben. In den Spitälern liegen zwar viele Patienten, die Belastung ist aber bewältigbar. Man sollte jedoch aufhören, von einem Extrem ins andere zu kippen. Von einer Welle zu „Alles ist gemeistert“, von Lockdown zu „Freedom Day“ und von Impfpflicht zu gar keinen Maßnahmen, die Zögerliche dazu bewegen könnten, sich impfen zu lassen.

Genau das passiert. Und weil das jetzt gefühlt schon das hundertste Mal so ist und die Pandemie noch dazu durch viel Schlimmeres, nämlich den Krieg in der Ukraine, überlagert wird, wird sie verdrängt. Das hat Vor- und Nachteile. Gut daran ist, dass man nicht jahrelang in Anspannung leben kann, sondern es notwendig ist, zwischendurch einmal durchzuatmen. Das Problem ist, dass unter diesen Umständen auch eine gewisse Vorsicht verloren geht, dass erst dann wieder gehandelt wird, wenn es zu spät ist. Wie im Herbst 2020 und im Herbst 2021. Außerdem könnten sich Coronaleugner und Impfgegner zwischendurch bestätigt fühlen: Sie haben immer behauptet, dass alles harmlos sei.

Das ist absurd. Man kann froh sein, dass es mit Omikron eine mildere Variante gibt als die vorherigen. Man muss aber auch sehen, dass sich das jederzeit wieder ändern könnte. Vor diesen Hintergrund wäre es klug, die Ampelkommission wieder sichtbarer zu machen. Sie kann eher kommunizieren, worum es geht: Risikoeinschätzungen, die von Woche zu Woche neu vorzunehmen sind und bei denen - wie beim Wetter - auf erfreuliche ganz, ganz üble Lagen folgen können. Das hätte etwas von einem Leben mit Corona als bleibendem Begleiter, dem man nicht panisch begegnen muss, sondern den man einfach immer nur im Auge behalten sollte.

Johannes Huber betreibt den Blog dieSubstanz.at – Analysen und Hintergründe zur Politik

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