Aktion zur Roma-Umsiedlung gescheitert

Unweit einer gerade fertiggestellten Belgrader Wohnsiedlung, wo im Juli etwa 13.000 Teilnehmer der Universiade untergebracht werden sollen, leben ein paar Dutzend Roma schon seit fünf Tagen unter freiem Himmel, darunter auch Frauen mit Babys.

Die Belgrader Behörden hatten vergangenen Freitag ihre aus Pappe und Holz gebastelten Häuser abgerissen, um den künftigen Einwohnern einen unschönen Blick zu ersparen.

Die Einwohner der “Karton-City”, wie die Roma-Siedlungen in Serbien bezeichnet werden, erzählten nachher, dass sie von den Behörden die Aufforderung zum Umzug nur wenige Stunden vor dem Abriss der Siedlung erhalten hätten. Nach der Aufsehen erregenden Aktion entschlossen sich die Stadtbehörden mitten in der Nacht eine Container-Siedlung in einem Vorort aufzustellen. Doch dortige Einwohner leisteten Widerstand und drohten die Container samt Einwohnern in Brand zu setzen. Die obdachlosen Roma-Familien lehnten andererseits mehrheitlich das darauffolgende Angebot der Behörden ab, Frauen und Kinder vorübergehend in einem Kinderheim unterzubringen.

45 nichtstaatliche Organisationen forderten unterdessen den Belgrader Bürgermeister Dragan Djilas zum Rücktritt auf. Djilas hatte die Nacht-und-Nebel-Aktion der Behörden nämlich mit der Entschlossenheit der Stadtverwaltung erläutert, jede Slum-Siedlung, die die Entwicklung der Stadt behindere, zu beseitigen. Den jüngsten Abriss in Neu-Belgrad erläuterte der Bürgermeister mit dem Bau einer Straße, welche die Universiade-Siedlung mit einem naheliegenden Hotel verbinden soll. In den letzten Tagen ist diese tatsächlich schon angelegt worden.

Der Bürgermeister erklärte auch, dass sich die Stadt um die Unterkunft nur für jene Roma-Familien bemühen werde, die bei Belgrader Behörden auch angemeldet seien. Von rund 50 Familien, deren Häuser am Freitag abgerissen wurde, ist nur eine in der Hauptstadt angemeldet. Eine ähnliche Situation dürfte auch in anderen Slums in der Stadt herrschen. Ihre Zahl in Belgrad wird zwischen 50 bis 150 geschätzt. Auch über die Einwohnerzahl gibt es keine Angaben.

Eine vor drei Jahren angefertigte Studie legte an den Tag, dass von 36.000 damals in Belgrad lebenden Roma rund 13 Prozent gar keinen Personalausweis oder sonstiges persönliches Dokument besaßen. Eigentlich weiß zur Zeit niemand, wie viele Roma in Serbien leben. Bei der letzten Volkszählung hatten sich 2002 landesweit rund 108.000 Personen als Roma erklärt. Ihre wahre Zahl dürfte nach Meinung von Experten vier- bis achtmal so hoch sein. Auch über die Zahl der Roma, die 1999 aus dem Kosovo geflüchtet waren, gibt es nur Dunkelziffer. Viele von ihnen sind inzwischen Einwohner Belgrads geworden.

Das serbische Menschenrechtsministerium will heute durch eine Reihe von Kundgebungen den Roma-Tag begehen. Die Regierung soll auch eine nationale Strategie zur Besserung der Roma-Stellung annehmen. Fehlende Unterkunft und Gesundheitsschutz sowie Personaldokumente und passende Arbeit sind nach Angaben der Behörden die wichtigsten Probleme, mit welchen sich die Roma in Serbien auseinandersetzen.

Die Roma-Familien, deren Häuser abgerissen wurden, haben im Stadtzentrum Belgrads für heute einen neuen Protest angekündigt.

Die Einwohner von Boljevci, die am Wochenende die Aufstellung der Container-Siedlung in diesem Belgrader Vorort verhinderten, erklärten sich unterdessen bereit, eine bestimmte Zahl der Roma-Familien aufzunehmen, sofern die notwendige Infrastruktur wie Wasser- und Stromversorgung und Kanalisation gesichert sind. Der serbische Ombudsmann Sasa Jankovic zeigte am Mittwoch gewisses Verständnis für die Sorgen der Boljevci-Einwohner. Schließlich hätten es die Stadtbehörden unterlassen, die in der Hauptstadt lebenden Roma aufzuschreiben und die Pläne für ihren Umzug aus den Slums vorzubereiten.

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