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1.000 Euro pro Monat bedingungslos geschenkt: "Was würdest du tun"?

Claudia Cornelsen und Michael Bohmeyer haben Menschen getroffen, die das Bedingungslose Grundeinkommen erhalten haben - und berichten Spannendes
Claudia Cornelsen und Michael Bohmeyer haben Menschen getroffen, die das Bedingungslose Grundeinkommen erhalten haben - und berichten Spannendes ©Ullstein Verlag / Melber/Mein Grundeinkommen
Monat für Monat 1.000 Euro zusätzlich zur Verfügung haben - einfach so, ohne Wenn und Aber. Ein aktuelles Projekt verschafft Menschen die Möglichkeit, ein Bedingungsloses Grundeinkommen zu gewinnen. Und was tun diese mit dem Geld? VIENNA.at stellt das Buch zum Sozialexperiment vor.
Nicht bedingungslos: Mindestsicherung

Ein schöner Traum, eine herrliche Utopie oder zumindest ein nettes Gedankenspiel: Was würde man tun, wenn man plötzlich zusätzlich zu dem Geld, das man monatlich zur Verfügung hat, einfach 1.000 Euro mehr bekäme?

1.000 Euro zusätzlich - unzählige Möglichkeiten

Vielleicht reisen? Sich teure Luxusgüter gönnen? Einen neuen Bildungsweg gehen? Sich mehr trauen? Seine Kinder unterstützen? Sparen? Oder würde man einfach so weiterleben wie bisher, nur sorgenfreier?

Ein Bedingungsloses Grundeinkommen ist hierzulande zwar längst noch keine politische Realität - doch wer Glück hat, kann ein solches im deutschsprachigen Raum für 12 Monate gewinnen. Der Verein "Mein Grundeinkommen" sammelt seit 2014 per Crowdfunding Geld für Bedingungslose Grundeinkommen. Immer wenn 12.000 Euro zusammengekommen sind, werden sie an eine Person verlost, die dieses Geld dann ein Jahr lang à 1000 Euro monatlich erhält.

"Mein Grundeinkommen": Das Projekt und die Verlosung

IT-Experte Michael Bohmeyer, Jahrgang 1984, hat den Verein
"Mein Grundeinkommen" gegründet und sich dieses Projekt ausgedacht. Basierend auf seinen eigenen Erfahrungen: Mit Ende 20 hatte er ein erfolgreiches IT-Unternehmen aufgebaut und lebte von den Erträgen, ohne dafür arbeiten zu müssen. Dieser Umstand veränderte sein Leben - und er begann sich zu fragen, ob es anderen Menschen ähnlich gehen würde.

Um dies herauszufinden, verschenkte er das per Crowdfunding eingesammelte erste bedingungslose Grundeinkommen in Deutschland. Das gespendete Geld kommt über die Unterstützer, sogenannte "Crowdhörnchen" inzwischen so regelmäßig, dass es monatliche Grundeinkommens-Verlosungen gibt, an denen jeder teilnehmen kann, auch wenn er selbst kein Geld gespendet hat. Jährlich erhält der Verein inzwischen 3 Millionen Euro an Spenden. Und Bohmeyer hat für sein Projekt zahlreiche Mitstreiter gewonnen - darunter Claudia Cornelsen, eine gelernte Jounalistin mit Erfahrung im PR-Bereich, die sich ebenfalls seit Jahren für das Bedingungslose Grundeinkommen engagiert.

Bedingungsloses Grundeinkommen: Graue Theorie trifft kunterbunte Praxis

In der Theorie verfolgten und erforschten Bohmeyer und Cornelsen aus persönlichem Interesse seit vielen Jahren alles, was es über das Bedingungslose Grundeinkommen zu wissen gab. Was es bei den Menschen, denen es zur Verfügung steht, tatsächlich bewirken kann, konnten sie jedoch erst so richtig verstehen, als sie das Gespräch mit den Gewinnern von "Mein Grundeinkommen" gesucht haben. Das Ergebnis, eine Art Bilanz zum Experiment, liegt nun als Buch vor.

"Was würdest Du tun? Wie uns das bedingungslose Grundeinkommen verändert" versteht sich als "Safari" durch Deutschland. Bohmeyer und Cornelsen sind zehn Tage lang herumgereist, um in zehn deutschen Städten 24 der Gewinnerinnen und Gewinner ihres verlosten Bedingungslosen Grundeinkommens zu treffen und Antworten zu finden - die sie nach eigener Angabe mehr als einmal sehr überrascht haben. Die prinzipielle Grundannahme Bohmeyers und Cornelsens ist simpel: Man könne das gewonnene Geld ausgeben, sparen, investieren oder verschenken. Was die Grundeinkommens-Gewinner letztlich mit den 1.000 Euro wirklich getan haben, liest sich spannend, mitreißend und nicht selten sehr berührend.

Was heißt "bedingungslos"? Von Erwartungen und Wertungen

Was einem beim Lesen schnell klar wird, ist der Umstand, dass man selbst auch bestimmte Bilder und Erwartungshaltungen im Kopf hat, was das Bedingungslose Grundeinkommen betrifft. Das beginnt schon beim Wort "bedingungslos". Soll die 1.000 Euro im Monat wirklich auch jemand erhalten, der aus "gutem Hause" kommt und auf derlei "Almosen" gar nicht angewiesen ist? Und hat man schon einen gewissen "gerechtfertigten" Bedarf an Bedingungslosem Grundeinkommen, darf man das Geld dann für Luxusgüter ausgeben - oder für Unsinn verpulvern? Darf man mit dem Geld um sich werfen? Und was ist eine "sinnvolle Ausgabe"? Was am Zugang der Autoren besonders auffällt, ist der Umstand, dass sie selbst ebenfalls solche Überlegungen hegen, nur allzu menschlich agieren und auch nicht ganz wertfrei oder unkritisch denken.

Das beginnt gleich beim ersten Gewinner, den sie besuchen, "Vitrinen-Alex". Dieser lebt nach Erhalt des Bedingungslosen Grundeinkommens immer noch in einem kleinen Dorf, fährt ein altes Auto, arbeitet im Schichtbetrieb als Maschinenführer in einer Fabrik. Nur steht jetzt in seinem Arbeitszimmer eine kleine Vitrine, in der er ausstellt, was sich in seinem Leben verändert hat: Etwa teure Konzerttickets für ein Konzert von Bruno Mars, die er sich nun geleistet hat. Da werfen Bohmeyer und Cornelsen schon einmal die Frage auf, ob es das ist, wofür sie sich da engagieren - Konsumlust statt Weltverbesserung?

Das "Grundeinkommens-Gefühl"

Wie sich herausstellt, empfiehlt es sich, den erhobenen Zeigefinger hier in der Tasche zu lassen. Ja, einige der Gewinner frönten mit dem Geld ihrer Reiselust oder leisteten sich vermeintlich Unnötiges - doch dahinter stehen Bedürfnisse und Sehnsüchte, die über bloßes Geldverprassen hinausgehen. Mehr als einer der Empfängerinnen und Empfänger beschreibt nämlich schwärmerisch, was Bohmeyer und Cornelsen im Zuge des Buches als "Grundeinkommens-Gefühl" beschreiben:

Mehr Freiheit in seinen Entscheidungen und seiner Lebensführung. Die Chance, Erinnerungen durch Erlebnisse zu schaffen, die man sich sonst nicht leisten hätte können. Sicherheit durch die Option, Geld für schlechte Zeiten zur Seite zu legen. Den Mut, sich zu trauen, etwas auszuprobieren. Mehr Selbstvertrauen, weil ein Bedingungsloses Grundeinkommen etwas gänzlich Anderes vermittelt, als "Hartz IV" zu empfangen und unter diesem Stigma zu leiden. Selbstverwirklichung, weil man mit dem zusätzlichen Geld weniger auf andere angewiesen ist. "Grundeinkommen ist Liebe" heißt es an einer Stelle. Und: "Aus Mangel und Misstrauen werden mit Bedingungslosem Grundeinkommen Fülle und Zutrauen. Wir haben alle eine Existenzberechtigung, auch ohne Arbeit, einfach so".

"Ein Beschleuniger für die Verbesserung unserer Gesellschaft"

Die Autoren erkennen unterwegs: Grundeinkommen verändert etwas im Kern des Menschen. Es befreit von sozialen Fesseln, hilft, Abhängigkeiten abzustreifen, es ermächtigt, Eigenes anzugehen, herauszufinden, was man mit seinem Leben tun möchte, und aktiv zu werden. Selbstliebe und Selbstfürsorge gewinnen einen ganz neuen Stellenwert. Das Grundeinkommen schenkt erst eine Perspektive, dann Tatendrang. Und man verbleibt nicht dabei, sein eigenes Süppchen zu kochen - ein Teil des Grundgefühls der Gewinnerinnen und Gewinner ist auch Dankbarkeit für die geschenkte Chance und ein starkes Gemeinschaftsgefühl. Nach dem Motto: "Wem gegönnt wird, der kann auch gönnen."

Am Ende der Reise und der Gespräche des Autoren-Duos mit den Gewinnerinen und Gewinnern steht die Überzeugung: "Das Bedingungslose Grundeinkommen ist ein Beschleuniger für die Verbesserung unserer Gesellschaft (...). Sobald ich erkenne, welche Bedürfnisse und Gefühle das Bedingungslose Grundeinkommen in mir erschließt, bin ich in der Lage, mich für die Bedürfnisse der Mitmenschen zu öffnen. Erst so kann überhaupt ein neuer Gesellschaftsvertrag entstehen, der den Herausforderungen unserer Zeit gerecht wird."

"Was würdest du tun?"

So weit, so schön. Bleibt abschließend die Frage: Was würde man selbst nun wirklich mit einem Bedingungslosen Grundeinkommen tun? Solange es nicht gesellschaftliche Realität ist, bleibt zumindest Monat für Monat die Chance, auf der Website von "Mein Grundeinkommen" an der Verlosung eines solchen teilzunehmen - und vielleicht bald aus eigener Erfahrung vom "Grundeinkommens-Gefühl" erzählen zu können.

Bis dahin sei die Lektüre von "Was würdest du tun?" nicht nur Träumerinnen und Träumern wärmstens ans Herz gelegt. Als wichtiges Buch, das aufzeigt, wohin die Reise als Gesellschaft gehen könnte - und was für ein guter Ort das ist.

Michael Bohmeyer und Claudia Cornelsen: "Was würdest du tun? Wie uns das Bedingungslose Grundeinkommen verändert". Econ, 2019. Klappenbroschur, 288 Seiten. 16,50 Euro, ISBN-13 9783430210072

Petra Hartlieb: "Sommer in Wien", DuMont, 2019. 176 Seiten, 18,40 Euro, ISBN 978-3-8321-8372-1


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